茶室掛物禪語通解

„Zen-Worte im Tee-Raume“

… die Sinnsprüche: Kōans

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Landkarte japanischer Teeanbaugebiete.
Japanische Teeanbaugebiete.
Ab Ende der Muromachi-Zeit galt der Pulvertee Toganoo (栂尾), gewachsen im Norden von Kyoto als Bester Honcha. (d. h. „wirklicher Tee,“ der bei den Probierveranstaltungen zu erkennen war; Gegenteil hicha) Diese Teeplantage führt sich auf die von Eisei an Myōe gegebenen Samen zurück. Später nahm dann der im Süden von Kyoto, in Uji, gewachsene diese Stellung ein, wofür auch heute noch die meisten Teemeister eintreten. Andere Quelle führen den Tee in Japan auf Saichō zurück, es gibt auch Quellen die belegen, daß bereits der Shōmu-tennō mit besuchenden chinesischen Mönchen Tee trank (ohne daß ein Anbau im Lande stattfand). Erntezeit ist April/Mai.

№ 1: Tee und Zen sind Eins

茶禪一味

Die Leute insgemein gebrauchen gern den Ausdruck Cha-Zen-ichi-mi „Tee und Zen sind Ein Geschmack“ (sind Eines) oder sprechen von Cha-dō. („Tee-Weg,“ Tee-Tao, Tee-tum) Zen ist wesentlich Erwachen (Satori), Erleuchtung, wahres Wissen, und so mag auch Tee geradezu als Erwachen gefaßt werden. Zen ist nichts Äußerlich-Festgelegtes, vielmehr eine Richtung (hōmon, Dharma-Tor) ohne eigentliche Beschränkung (fesselnde oder erstarren machende Einengung). Was Zen ist („der Zen-Geschmack“) ist sicher im Tee, ist aber nicht nur im Tee, sondern kann in jedem Lebensgebiet leben und in ihm gebraucht werden, in dem des Edelmanns (des Kriegers, des Amtsträgers) so gut wie in dem des Bauern, des Technikers, des Kaufmanns: wo immer, in welchem Gebiete auch immer, dies Satori (Erwachen, das wahre Wissen) fehlt, da ist allerletztlich nur Abweg („Außerhalb des Tao,“ „außerhalb des Wegs,“ Verkehrtheit) (Ge-dō), ist wilder-Füchse-Zen. Sagt jener Abt Taikō (大赪) in berühmtem Verse:

Chikagoro no yo–sute-bito ni wa kokoro se–yo!
Koromo wa kite mo kitsune narikeri …

Hütet euch vor den Einsiedlern der neuen Zeit!
Zwar tragen sie Mönchsgewand, aber innen sind sie (reißende) Füchse. (In der Zen-Sprache wird eine Pseudo-Erleuchtung oder bloß halbe Erfahrung auch „Fuchserleuchtung“ genannt. Man spricht so von „Fuchs-Zen.“ Der wahrhaft Erleuchtete, der die Identität von Leere und Karma-Gesetz begreift, lebt frei das Alltagsleben in dieser dem Karma-Gesetz unterworfenen Werdewelt. Er verlangt nicht danach, ein Buddha zu werden, weil „das Schauen der Selbstnatur“ (kenshō) gleich dem „Buddha-werden“ (jōbutsu) ist (kenshō soku jōbutsu). Doch tragen viele, die der Welt entsagten, zwar Kleider, sind aber wie Füchse. Diese Klage eines alten Zen-Meisters ist bis heute nicht verstummt. Dem Fuchs-Zen huldigen alle Zen-Übenden, die nach Außergewöhnlichem trachten und der Bindung des Karma-Gesetzes zu entrinnen suchen. Der Gesang führt in den Bereich der übergegensätzlichen Wahrheit, in dem alle Gegensätzlichkeiten zusammenfallen. H. Dumoulin.)

So kann es auch beim Teewesen dahin kommen, daß nur der Name da ist, die Wirklichkeit aber fehlt.

Sagt man Tee und Zen sind Eines und meint damit nur: Weil die Tee-Formen (Cha-dō) Ähnlichkeit haben mit Weisen und Übungen des Zen, deshalb sei Tee und Zen Eines – so ist das völlig falsch; und denkt man: Der Zen-Meister Eisai (蘄西. Der japanische Mönch Eisai (1141–1215 明庵栄西), der ein Jahr vor der Etablierung des Shogunats aus China zurückgekehrt war, hatte zwei Dinge mitgebracht: Rinzai-Zen und Tee, der bald Nationalgetränk wurde.
Den Zen (ch.: Ch’an, Pinyin: shàn; chán) nahm die Elite in Kioto mit weniger Begeisterung auf. Die strengen Anforderungen, die persönliche Anstrengungen betonten, wirkten im Vergleich zum bekannten Tendai- bzw. Shingon-Buddhismus wie Barbarei. Ensai begab sich, als er die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen in Kioto erkannte, nach Kamakura zum Sitz des Shogunats, wo seine „spitzfindige“ Lehre größeren Anklang fand.
nach: Lowenstein, Buddhismus, 1998)
hat den Tee bzw. den Tee-Samen von China herübergebracht und hat die [grundlegende] Schrift über das Tee-Trinken und die Tee-Kultur (智茶養生録, „Chicha-yōsei-roku“) geschrieben, und der (Zen-geübte) Edle (居士 Kulapati jap. Koji. Der Titel wurde 1585 per kaiserlichem Dekret verliehen, nachdem er beim Shogun eine Teezeremonie gehalten hatte. Das Wort bedeutet aber auch „aktiver (buddhistischer) Laie.“) Rikyū hat die Tee-Formen mit dem Werke Hyaku-jō-seiki geschaffen und für immer bestimmt, und daher ist Tee und Zen Eines – so ist das ebenso verkehrt; alles Derartigen wegen hier von dem Einen Schmecken (ichi-mi) sprechen, trifft die Sache nicht. Einzig, wenn man es in sich im Geiste hat und Tee-Zen-Samadhi erfolgt, kommt man zu dem Bereiche, da sie beide Eines (Ein Geschmack) sind.


O

Was soll dieser runde Kreis? Ein Kreis (Dieser „Kreis“ ist auch als „Zen-Sex-Kōan“ bezeichnet worden. (Taigen’s Version „Hier eintreten“ [in der Sammlung Girvin]). Der Kreis symbolisiere die yoni, in die der lingam einzuführen sei. Vgl. Stevens (1990), S. 90. Alternativ die Interpretation des Kreises als „Symbol der Vollkommenheit, des Universums, das Alls“ in BYL2 69. Beispiel S. 368-70) ist gezeichnet und mitten darin der Name des Edeln, (居士, Koji) Sōeki oder eines anderen Wegbeflissenen (道人, Dōjin geschrieben, und außerdem außen seitwärts berühmte Worte (desselben). Dabei stellt man gewöhnlich im Teegemache den Butsujigama (Kessel für buddhistisches Ritual) zu diesem Bilde auf. Was gesagt werden will, ist: All das Unzählige, was lebt und webt, lebt und west darinnen; das Groß-Rund-Spiegel-Wissen (die all-vollkommene alles spiegelnde Weisheit ist dies, der Wahre Leib (hontai, 本体) des Wahrhaftigen Leeren Erscheinungsform-losen (眞空無相, Shinkū-musō).

Das Kegon-Sutra, gibt der Vier Dharma-Welten ersten Sinn, und so verkündete Shaka, (Hier steht der Klanname kurz für Buddha Shakyamuni. Chinesisch pinyin ; vereinfachtes Japanisch , butsu) als er von den Schneebergen herniedergestiegen war, zu allererst dies Kegon-Sutra. Allein da es irgendwie zu hoch war, konnten die Menschen es nicht verstehen. Und so verkündete er, von unten beginnend, zuerst Agon-Sutra und, Stufe um Stufe emporführend, Hōtō-, Hokke- und Nehan-Sutra. Da ist also etwas, was im vornherein schwer erfaßbar ist, ja unerklärbar heißen muß. Bald nennt man es Kami, (, „das Göttliche,“ Gottheit)
Kami wird häufiger im Zusammenhang mit Shintō-Gottheiten gebraucht. Im Prinzip bedeutet es „das Göttliche“ und kann Jedem [Ding] innewohnen. Vgl. auch: The Meaning of Kami. Auch Kōan 55.
bald Buddha, bald Himmelskaiser (天帝, Tentei), bald Geist, bald Wahres-Wesen-ehe-Vater-und-Mutter-geboren; das alles geht aber auf ein und dasselbe. Verlangt aber jemand, man solle zeichnen und beschreiben, was es denn für ein Ding sei, oder, sagt er: zeige uns vor Augen (man denke!) was da war, ehe die Welt selbst vor Augen zu sehen war, so ist die Verlegenheit natürlich groß.

Enso
Ensō [円相].

So ist es auch mit dem Chajin (Menschen des Tee): weil und insofern er im Tee steht, ist er Chajin. Davor ist er einfach Mensch. Wird man aber weiter nach dieses Menschen Urwesen (Ursprung, Moto) gefragt, so ist da vollends nicht so einfach, darauf zu antworten. Er ist doch da, als Mensch und so kann man schon nicht sagen, daß jenes absolut leer und nichts sei. Nicht-Existenz (, Mu) ist es nicht; Existenz (; U) ist es auch nicht. Wundersam-wunderbar in der Tat. Schriftlich oder mündlich es darzulegen, ist wahrhaft schwierig. Um ein Gleichnis zu nennen: fragt einer (der noch nie diesen Tee getrunken hat) Wie schmeckt denn der Tee? so mag allerlei Antwort darauf gegeben werden, Der Tee schmeckt bitter oder Im Herben ist doch etwas Angenehmes – aber besser als all dieses ist, der Frager trinkt einen Schluck von dem Tee, dann weiß er am besten und raschesten, wie der Tee schmeckt. So ist es aber auch mit dem Menschen: man mag noch so viel über ihn schreiben, den Kern (肝心, Herz und Nieren) kann man doch nicht mitteilen; es bleibt kein anderes Mittel, als in eigener Person selbst ihn zu erfassen.

Aber notbehelfsweise will ich den Pinsel ergreifen und Wesenspunkte zu nennen versuchen. Wenn ich zu den Lesern sage, sie möchten mir doch das Gefühl ausdrücken, das sie gehabt haben, als sie dank des elterlichen Ursachenbundes (in-nen) aus dem Mutterleibe zur Welt kamen, so werden sie schwerlich Bescheid geben. Daß es aber beim Sterben ebenso ohne-Herz (unbewußt, in Ich-Enthobenheit 無心, mushin [ ch.: hsin, jp.: shin/kokoro „das Bewußtsein, das Innere, der Kern, das Mark, das Geistige [im weitesten Sinne] usw.“ wird in chinesischen Übersetzungen für das citta des Mahayana gebraucht. Vgl. auch: Grimm, G.; Die Lehre des Buddho, der cittam als „Geist, Gemüt, Denken“ auffaßt.]) zugehe, läßt sich nicht sagen. Wird einer nur gerade einmal krank, so denkt er: Sterbe ich? – im Laufe der Jahre mehrt sich in der Seele Verlangen und Begier, und das ursprüngliche Aussehen (Gesicht, memboku) wird verändert (verkrümmt, entstellt); das ist der Lauf der Dinge. Dies Wesen Mensch ist ein kleines Stück Weltall; es ist mit dem großen Weltall Eines. Trotzdem denkt der Mensch oft: Ich bin doch zum Menschen geboren (also vermag ich alles, unabhängig von dem All); aber menschliche Kraft reicht nicht aus.

Wenn jemand den Stand erreicht hat, da er mit Himmel und Erde gleichen Grundes (gleicher Wurzel), mit den Zehntausend Dingen Eines ist, so ist er der nur-menschlichen Welt enthoben, so hat er den Menschenbereich absolviert.

Der junge Mensch denkt: Ich möchte noch nicht sterben (und das ist ganz natürlich); der alte denkt: Ich kann jeden Augenblick ruhig sterben (und das ist auch ganz natürlich); innerhalb dieser beiden Tatsachen liegt menschliches Leben. Und wo, innig-unverwandt, Tag für Tag, das Leben so gelebt wird, da ist Ich-Enthobenheit (die Welt des Nicht-Herzen, mu-shin); ja da ist die Welt des Vollkommen-Gleichen-Leeren (園同虔空, Endō-Kyokū) – Aber so eins zwei drei läßt sich dies Wahrhaft-Leere-Erscheinungslose (Shinkū-musō) in seinem wahren Wesen (Hontai) nicht erfassen; dem Zen-Meister folgend forschen, ist wohl der kürzeste Weg. Solange jemand dies wahre Wesen nicht genügend erforscht und verstanden hat, so lange wird er, mag er noch so sehr sich mit Tee beschäftigt haben, nicht ein Wissender (Erwachter, satori no hito) genannt werden, und all sein Tee bleibt nur eine ganz gewöhnliche (bompu, (bompu ist der gewöhnliche, unerleuchtete Mensch [skr.: prthagjana], im Gegensatz zum Erleuchteten („Edlen“).
Bompu moshi shiraba, sunawachi kore seijin,
Seijin moshi e seba, sunawachi kore bompu.

„Erlangt der Laie {Simpelton} Wissen, wird er ein Weiser / Erlangt ein Weiser Verstehen, wird er zum Simpelton.“ (Zenrin Kushu 16.34; Zen Sand: 16.57)
)
laienhafte, inhaltslose) Sache.


№ 3: Eins, Zwei, Drei

一 二 三

Zuerst hat man nur ein geringes Tee-Verständnis, mählich Schritt für Schritt dringt man tiefer und tiefer ein, um zuletzt ein großer Meister in Tee (Dai-chajin) zu werden; einen Weg von tausend Meilen muß man mit dem ersten Schritte beginnen – das will dies Wort (Kōan) sagen. Wie es aber in Zen keine Bestimmung darüber gibt, (wie, d. i.) von welcher Seite her man an die Sache heranzukommen habe – Mu-mon-kwan (無門関, Nicht Tor-Verschluß, Tor-loses Tor) [heißt ja das Zen-Grundbuch], das ist ja Ost-West-Süd-Nord die Vier Himmelsgegenden Oben-unten hell und geöffnet – so besteht also auch keine Anweisung, daß man (gerade) von der Teezubereitung herkommen solle; es mag beim Tee die Liebe zu den Gefäßen und Geräten sein, es mögen die Gedanken sein, es mag das Gesellige sein; von den verschiedensten Seiten mag man herankommen, das ist gleichviel; nur: Schritt für Schritt tiefer und tiefer vordringen, das soll man, und das will dieses Wort sagen. Von Eins kommt man zu Zwei, Drei, und kann weiter zu Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, Zehn, Zwanzig, Vierzig, Fünfzig, Hundert, Tausend, Zehntausend, Hunderttausend, Man, Oku ( = 100 Millionen) Man „zehntausend“ ist ursprünglich die letzte Großzahl; zehntausend Jahre bedeutet soviel wie „ewig,“ „immer.“ Hernach wird Oku die letzte Großzahl, verstanden meist als 10 Man, später als „Man-Man“ 10,000 mal 10,000. Endlich wird Chō () diese Großzahl, meist gefaßt als 10 Oku. [Vgl. den Pāli-Kanon: „84000“ ist die indische Zahl für „unendlich.“ Die häufige Beschreibung eines Kriegers, der aus „84“ Wunden blutet, bedeutet nichts anderes, als daß er an vielen Stellen verletzt wurde.] und immer weiter voranschreiten. Wenn man dann aber von diesen Tausend, Zehntausend, Oku, Chō ( = Trillion) noch einen Schritt weiter voranschreitet, und jemand will die allerletzte Zahl, die ganz am Ende ist, genannt wissen, so gerät auch der größte Gelehrte, wenn er Bescheid geben soll, dabei, denke ich, in Schwierigkeiten. Aber gerade da, wo kein Bescheid mehr gegeben werden kann, ist, um vom Menschen des Tee her zu sprechen, der große Mensch (der große Meister) des Tees (Dai-chajin), solange es noch in Zahlen ausgedrückt werden kann, ist noch nicht das Vollkommene Höchste erreicht. Wie es im Gedicht bei dem Kürbisbilde heißt: Solange man (in dem Kürbis, dem Trinkkruge) drin noch etwas plätschern hört, ist noch nicht genug Wein darin. Solange man nicht, wie es dieser Vers will, bis zum völligen (absoluten) Status es bringt, ist es noch nicht richtig. Und hier ist wieder die Eins der Urgrund. Sagt Rikyū in den Hundert Versen: (利休百首. Dies ist der heute gängige Titel. Das Original im Besitz der Matsuyas, deren Ahn Hisamasa die Sammlung wohl persönlich von Jōō’s bekam enthält nur 88 Gedichte. Mit Sicherheit von Rikyū stammen nur solche, die sich mit von ihm eingeführten Prakiken wie hakobi-temae (運び手前) befassen. Rikyū hat in seinen Manuskripten Jōō kopiert und teilweise geändert. Eine moderne Studie ist die Nakayamas, basierend auf dem Manuskript im Besitz von Katagiri Sekishū (gedruckt in Sen no Rikyū Zen-shu 千利休全集). Sie unterscheidet sich vom „Kyūshū-Manuskript“ des Jōō in Reihung und Textstellen.)

古とは一より習い十を知り
十よりけるもとのその一

Keiko to wa ichi yori narai jū o shiri
jū yori kaeru moto no sono ichi.

Der Unterricht: Lern eins und wisse zehn!
Von Zehn zurück zum Grunde komm: zu diesem Eins!

Auch mit den (berühmten) Kirschblüten von Yoshino ist es nicht anders: spaltet man auch den Baum auf, so sind da doch keine Blüten. Kommt es aber zum vierten Monat, so bricht alles auf, und über und über sind die Bäume voller Blüten. Alles erscheint seiner eigenen Zeit gemäß; kommt die Zeit, so tritt das innere Wesen ganz von selbst hervor. Will man hier von Wunder sprechen, so mag man es tun. Es ist mit diesem Zen-Wort Eins, zwei, drei, wie Großmeister Bodhidharma sagte: Hat die Blüte ihre fünf Blätter entfaltet, so kommt die Frucht darnach in natürlicher Folge.

Andre Form

Alles beginnt mit eins, zwei, drei,
und nichts ist hilfloser als die Eins,
und doch ist sie die mächtigste aller Zahlen; denn
Alles beginnt mit eins, zwei, drei,
und steigt von da auf in die Hundert, die Tausend, die Millionen und die Milliarden,
addiert sich, subtrahiert, multipliziert, dividiert, potenziert sich hinauf und hinab,
um zurückzukehren zur Eins –

Alles beginnt mit eins, zwei, drei –
aber solange du überhaupt noch zählen kannst, in die Zahlen es fassen kannst,
ist es noch nicht, was das Wort doch sagen will: Eins, das Eine und auch zwei und auch drei
und alle ändern Zahlen sind es dann noch nicht –
Nur das Unzählbare ist, was zählt.


№ 4: Zehntausend Jahre! Zehntausend Jahre!
Zehntausend mal Zehntausend Jahre!

萬歳! 萬歳! 萬々歳!

An Neujahr sieht man dies Schriftbild oft. Ein Glückwunsch ist es. Und wenn mich jemand mit diesem Rufe beglückwünscht, so freue ich mich natürlich. Aber in Wirklichkeit geht es nicht so, wie der Ruf sagt. Bevor ich ja das hundertste Lebensjahr erreicht habe, muß ich doch wohl Abschied von dieser Welt nehmen. Wozu und wieso denn nun die Ban-zai! Ban-Ban-zai! (Langes Leben!, Ewiges Leben!). Nun, wiewohl Rikyū in seinen Siebziger-Jahren starb, nahm doch die nächste und übernächste Generation seinen Geist (seinen Wunsch und Willen) auf; der Tee wurde blühender und blühender, und in solcher Blütenfülle ist er ja heutigen Tages bei uns lebendig. Wiewohl also Rikyū starb, so ist doch sein wahres Wollen (正念, shōnen) fort und fort durch tausend, durch zehntausend Jahre fort lebendig. Wenn Japans Nationalheld Kusunoki Masashige im Kampfe für Kaiser und Reich fallend sagte: Er werde siebenmal als Mensch wiederkehren, die Feinde des Reiches zu vernichten, – so mag ein Wissenschaftler sagen: das ist ja unmöglich, daß er siebenmal als Mensch wieder geboren wird. Man soll aber nicht vergessen, einmal, daß Kusunoki Masashige in seinen Söhnen und Enkeln fortlebt, und dann, daß wenn sein Geist von ändern aufgenommen und gelebt wird, wahrlich Banzai, Banzai, Ban-banzai Masashige! gilt.

Singen wir doch auch im Nationalliede (Der Text soll auf Ki no Tsurayuki (ca. 872–945) zurückgehen. Bekannt ist erfür sein Reisetagebuch Tosa no nikki (土左日記), 935 unter weiblichem Pseudonym in Hiragana geschrieben. Er ist einer der „36 unsterblichen Poeten“ (三十六歌仙, Sanjūrokkasen) der Nara-, Asuka- und Heian-Zeit. Zusammengestellt wurde die Liste von Fujiwara no Kintō. Der Text ist erstmal im Kokinshu, einer im kaiserlichen Auftrag zusammengestellten Gedichts-Anthologie, (vollständiger Titel: Kokin wakashū [古今和歌集] als tanka zu finden. Die Nutzung als Nationalhymne des geht auf Hauptmann Oyama Iwao (1842–1916, später Armeeminister und Feldmarschall) zurück, der, 1869 einer Anregung des in Yokohama diensttuenden britischen Militärmusiker John Fenton folgend, eine erste japanische Nationalhymne anregte (mit stark abweichender Melodie). Eine vierköpfige Kommission (mithilfe des preußischen Militärberaters Franz Eckert (Siehe: F. Eckert; Die japanische Nationalhymne mit Noten; moag, III, 23, S. 131) bestimmte 1880 eine „getragenere“ Melodie von Hayashi Hiromori. Diese wurde erstmals zum Kaisergeburtstag am 03.11.1880 aufgeführt.
„1947/48 wurde der Kaiserkult und die Kimigayo-Hymne – ein Gebet für das immerwährende imperiale Reich, die als Nationalhymne gesungen wurde – verboten. Statt der Werte Kaiserverehrung, Selbstaufgabe, Militärdisziplin, Kriegsheldentum und Ahnenverehrung sollten nun die Werte der Demokratie, Pazifismus und Konstitutionalismus und hervorgehoben werden. … Bereits im Jahre 1991 wurden die „Kimigayo“-Hymne und die alte Flagge der aufgehenden Sonne als Symbole, die bis zum Jahre 1945 benutzt worden sind, reaktiviert. Diese Symbole kamen einher mit neuen Schulbüchern, die zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg positiv über japanische Militärhelden sprachen. 1991 schließlich bezeichnete auch der Yoshirō Mori den Chinesisch-Japanischen Krieg als „China-Zwischenfall.“ … Die Tätigkeit der Revisionisten wurde in den 90er Jahren immer sichtbarer.“ (Karolina Mog-Sidor; Japans Umgang mit der eigenen Geschichte: Der Nanjing-Zwischenfall; Berlin 2006 (Dipl.-Arb. FU); S. 42, 51, 61) Um das Absingen des Kimigayo war nach dem zweiten Weltkriegs ein ähnlicher Konflikt entstanden wie um das „Deutschlandlied – erste Strophe.“ Insbesonders die Lehrergewerkschaft weigert(e) sich, das Lied bei der am Schuljahresbeginn üblichen Flaggenhissung abzusingen, und wurde daür als „linksradikal“ gebrandmarkt. Das Kimigayo wurde per Gesetz erst 1999 (zusammen mit der Fahne „Hinomaru“) wieder zum Nationalsymbol Japans erklärt.
)

きみが代は
千代に八千代に
細石の
巌となりて
苔の生すまで
Kimi ga yo

Lang lebe unser Herrscher
tausend Geschlechter,
achttausend Geschlechter.
bis auch der kleine Kiesel
zum Felsen ward und Moos ihn überdecket!

Daher gilt: solange wir nicht den wahren Geist Rikyū’s (bzw. Kusunoki’s) aufgenommen haben und so hoch vorangedrungen sind, wird der lebende Rikyū (bzw. Kusunoki) genannt werden können, lange sind wir das noch nicht, was Kusunoki, was Rikyū war und ist.


№ 5: Fauler Bhikkhu, warte nicht bis morgen!

懈怠比丘不期明日

Gempaku
Sen Sotan.
Innenraum des Teehauses Konnichian.
Konnichi-an.

Das ist die berühmte Sache, wie Abt Seigan vom Murasaki no Daitokuji (大徳時) dem Gempaku (元伯) den Namen Klause Heute, (今日庵 Konnichi-an) gab. Wie es in den Gesprächen Kungs heißt: Tag um Tag neu; kommt wieder ein Tag, (wieder) neu. Jedenfalls wenn der Mensch denkt: Es wäre wirklich gut, das und das zu tun; aber sogleich es zu tun, geht nicht; es paßt heute nicht; morgen will ich’s ganz gewiß tun – so kommt der morgige Tag, und da ist auch wieder etwas, warum es nicht gehen will, und so verschiebt es der Mensch auf übermorgen (und immer so fort).

Ganjitsu ya mata uko-kano hajime kana
rainen wa onore to omō to ō-misoka.


Der erste Tag des Jahres –
Der Anfang wieder, daß man so dahinlebt!
Im kommenden Jahre aber soll’s ganz anders werden –
denkt (ein jeder) an des Jahres letztem Tage.

Das ist die Mahnung, die an den Edlen Gempaku erging. Das will sagen: Heute ist da; morgen ist nicht. Daher kann auch von uns nicht gesagt werden, daß wir den Sinn des Klause Heute erfaßt haben, solange wir nicht, wenn wir etwas als schlecht erkannt haben, die Gesinnung betätigen, es auf der Stelle zu ändern. Auch Kung’s(Vgl. Lunyü 18; 論語, engl.: “Analects;“ dt. von Richard Wilhelm „Gespräche“) Scheue dich nicht, Fehler zu bessern weist auf das Gleiche hin.


№ 6: Nicht Gast, noch Wirt! Wirt klar!

無賓主賓主[むひんじゅひんじゅ]歴然[れきねん]

Wenn gesagt wird Nicht Gast noch Wirt, so mag jemand denken, es gebe beim Tee nicht Gast noch Wirt. Dem ist aber, nicht so. Vielmehr, da Nicht Gast noch Wirt und Gast und Wirt (ungetrübt) klar einander entsprechende (als ein Einziges zusammengehörige) Sinnsprüche sind, so ist, was gesagt werden will, zunächst dies: Wenn zum Tee eingeladen wird, so sei, was die kommenden Gäste und den mit Tee bewirtenden Gastgeber anlangt, alles ungetrübt und klar (und nirgends etwas Irritierendes, Störendes), und so laßt es zu dem Bereiche kommen, da die Gäste das Herz (das Innerste) des Gastgebers wissen und kennen und der Gastgeber das Herz der Gäste weiß und kennt. Und wenn so Klarheit der Herzen ist, da ist zwischen Gast und Wirt auch nicht das geringste Abwegige (Falsche, Arge, Getrübte); sie werden Ein Herz, und es gibt dann nicht mehr Gast für sich und Wirt für sich (von Gast und Wirt gilt das NICHT – MU); sie existieren praktisch nicht mehr).

Gast und Wirt müssen aber auch klar und gegen einander abgesetzt sein.

Um es im Bild zu sagen: Da läuft da eine Elektrische. Wenn nun Fahrgäste damit fahren, so ist das für die Elektrische gut; sie befördert Leute, und die Tramgesellschaft hat davon ihren Nutzen. Andrerseits nutzen auch die Leute die Elektrische und können auf diese Weise trefflich ihre Zwecke erreichen. Die Elektrische ist um der Gäste willen da, und die Gäste sind um der Elektrischen willen da, und alles ist so beiderseits in bester Ordnung: das NICHT ist erfüllt.

Der Herr, heißt es, macht das Herz des Knechtes (Vasallen, 家来, kerai) zu dem seinen; der Knecht sorgt und überlegt für den Herrn. Das ist eben dies. – So auch beim Tee: Herz muß zu Herz ungehemmt strömen (yūzū) und in Eines sich vereinen. Das ist das Wesenswichtige (kanyō).


№ 7: Alles Schlechte lassen, alles Gute tun

諸惡莫作 眾善奉行 (諸悪[しょあく]莫作[まくさ] 衆善[しゅぜん]奉行[ぶぎょう])

Ikkyū Kakaemono 2
Ikkyū Kakaemono 1

Dieser Sinnspruch (Kōan) sagt: Tu das Gute! Tu nicht das Schlechte! (Mannigfaltiges Schlechtes (Böses, Übles, Arges) nicht tun! Die Schar des Guten ehrfürchtig leisten. ) und weiter hat er keinen besonderen tieferen Sinn. Es fragte ein Schüler den Edeln Rikyū: Was ist des Tees letzter verborgener Sinn? Rikyū erwiderte: Im Sommer ist es warm, im Winter kalt; sich danach richten. Der Schüler sagte: Wenn es das ist, so brauche ich nicht weiter von Euch besonders belehrt zu werden, das weiß ich Geringer von mir allein. Aber wenn Ihr das tatsächlich verwirklicht, sagte Rikyū, so werde ich Ew. Edlen geringer Schüler. Abt Kokei (古渔) war gerade dabei und sagte: Das ist ja gerade wie jenes Niao-k’o (島司, 741–824). Alles Schlechte lassen, alles Gute tun! Dieser Niao-k’o saß nämlich immer auf einem Baume in Meditation. Eines Tages kommt Pai-chü-'i 白居馬, Po Chü-i, jp.: Hakkyoi; Dichter 772–84?. Unsterblich gemacht hat die Geschichte der Maler Liáng Kǎi (梁楷; ca. 1140–ca. 1210) mit seinem ausdrucksstarken Bild 白居易拱謁 • 鳥窠指說. am Baume unten vorbei und fragt: Was betreibt Ihr denn auf dem Baume oben im Nachdenken? Niao-k’o antwortete: Alles Schlechte lassen, alles Gute tun! Pai sagte: Das weiß und kennt ja schon ein dreijähriges kleines Kind. Niao-k’o antwortete: Ein dreijähriges Kind weiß das zwar, aber ein siebzigjähriger alter Mann bringt es noch nicht fertig. Ja, ja so ist es wahrhaftig sagte der Edle und begriff (gaten) und ward Niao-k’os Jünger. (Gemeint ist 鳥巢道林 (= 鳥窠禪師, vereinf. 乌巢禅师; 741-824; jap.: Choka Dōrin 鳥カ道林). Ikkyū greift diese Stelle in seiner Anthologie zweimal auf. Einmal (Nr. 205; engl. in Arntzen, Sonja; Ikkyuō and the Crazy Cloud … 1986, 36f) gibt er einen Kommentar zur Interpretation Ryōzen’s (1295–1369), an andrer Stelle schreibt er ein spöttisches Gedicht Muß ziemlich gefroren haben, der alte Kuttenmönch in seinem Nest ….) – Das Wirklich Tatsächlich (jissai) hier ist außerordentlich schwer; Worte sind leicht, die Ausführung ist schwer. Darauf wird hier hingewiesen.

Diese beiden Sätze sind nicht nur Meditationswort (Zengo); in weitester Weise tun sie des ganzen Buddhismus große Wahrheit kund.


№ 8: Traum

Tuschezeichnung des Schmetterlingstraums.
Von Lù Zhì (陸治; ca. 1496-1576) gefertigtes Gemälde des „Schmetterligstraums“ des Zhuāng Zĭ (Tusche auf Seide, 29,4 x 51,4 cm).

Das Schriftzeichen Traum (, Yume) sieht man oft als Wandbild, und gern ist dabei ein schwebender Schmetterling. Das ist die bekannte alte Chuang-tse-Geschichte. Dieser Traum ist aber durchaus nicht etwa der Traum, den man nächtens im Schlafe träumt. In weiterem Sinne ist diese Welt eine Welt, welche Traum ist. Zum Beispiel, dieser Mensch niemand weiß, nach wieviel tausend oder wievielmal zehntausend Jahren es war, daß sich sein In-nen (Ursachenzusammenhang) zusammengefunden hat; er ward in diese Welt geboren; er lebt darin fünfzig oder auch siebzig Jahre, und dann muß er wieder in seinen Urort zurück, das ist sein Geschick; mit leeren Händen kommend, mit leeren Händen gehend. Aber nachdem er zu seinem Urort, woher er gekommen, zurückgekehrt ist, nach wieviel tausend oder wievielmal zehntausend Jahren es dann geschieht, daß er wieder in diese Welt kommt, darüber läßt sich auch nichts Klares wissen.

Wahrlich, lang scheint dieses Zwischen (jenen und diesen wievielmal tausend Jahren), und ist doch nur ein Augenblick, ein Traum! Wer aber dieses mit Traum Gesagte nicht durchschaut und in seinem Herzen das Haften Raum gewinnen läßt, der erlebt überall Bitternis. Wer nach dem Worte des Meditationsmeisters Ikkyū Von der Vergänglichkeit zur Unvergänglichkeit rückkehrend, einmal rastend dieses Traum verstanden hat, der wird nicht mehr von falschem Wahn gemartert.

Und letztlich ist ja, Freud und Leid, Erzürnendes, Betrübnis für Wirkliches zu halten, doch nur solch ein Wahn.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – nennt man im Buddhismus die Drei Welten, und kurz gesagt, Vergangenheit ist gestern, Gegenwart ist heute, Zukunft morgen. Ja mehr noch: ein einziger Augenblick, ein Fingerschnellen birgt in sich die Drei Welten; Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Und dieser eine Augenblick kommt, ob du auch viel tausend Jahre wartest, so nicht wieder.

Diesen einen Augenblick wirklich zu leben, daß dieses Eine Leben nicht umsonst vergeht, das sei dir über alles wichtig. Wie das Sprichwort sagt: Zeit ist Geld. Du mußt sie vollauf nutzen. Und denkst du: alles in der Welt ist wie ein Traum … Groß werde dein Geist und lasse sich in Wahn nicht irretreiben.


№ 9: Eigens, ohne Dogmen, wird tradiert
keine (heilige) Schrift ist aufgestellt

教外別傳 不立文字 ([きょう][]別伝[べつでん] [][りゅう][もん][])

Kyōgai-betsuden (教外別傳) „außerhalb der Lehre in besonderer Tradition,“ das ist (von Herz zu Herz, von Meister zu Jünger wird in Zen die Wahrheitserkenntnis bzw. das Zeichen (, in), daß die Wahrheit erkannt worden ist, weitergegeben) das Herzens-Zeichen (心印, shin-in) außerhalb der Lehre und Lehrerörterungen. Und weiter wird gesagt: Die Wahrheit ruht nicht auf Geschriebenem (Gedrucktem, auf einer Schrift).

Um einen Vergleich zu nennen: (Der berühmte Meister) Maruyama Ōkyō (A second new school of painting to evolve in the eighteenth century was the realistic or naturalistic school [Maruyama-ryū oder Shi-jō], whose most outstanding practitioner was Maruyama Ōkyō (1733–95). In this school, the influence of Western art was very strong and in fact the followers of Ōkyō were the forerunners of one of the mainstreams of painting in modern Japan. Ōkyō did many sketches and drawings from nature that are extremely detailed and realistic, but his most interesting works are his larger paintings in which he sought to blend traditional Far Eastern and Western artistic styles. aus Japanese Culture) malt einen Tiger. Einer der Schüler borgt des Meisters Pinsel; er borgt des Meisters Farben und Farbschalen; er malt auf ganz dieselbe Seide, er malt in genau denselben Maßen den Tiger; jede Form und jedes Gebilde malt er, daß es gleich sein soll. Wenn man aber dieses Bild neben dem des Meisters sieht und dann vergleicht, läßt das Schülerbild gar keinen Vergleich zu, weit bleibt es zurück. Das ist, was mit dem obigen Worte gesagt wird. Zwar malen sie beide, als sei es gleich; bei Maruyama Ōkyō aber ist es so: sein Geist ist selber zum Tiger geworden. Beim Schüler aber läßt sich nicht sagen, er sei zum Tiger geworden und male so. Überall aber, bei den Nō-Meistern, den Schauspielern, den Gidayu-Sängern ist es ebenso: wen die ganze Erscheinung (die er darstellend zeigt), falls es eine Frau sein soll, wirklich zu der der Frau macht, falls es ein Mann sein soll, wirklich zu der des Mannes macht, der wird von den Leuten als Meister gepriesen. Das Herz, dieses Eine (Innerste), ist der Urgrund; auch die (allergrößten) Verschiedenheiten Himmel und Erde, Wolken und Dreck sprießen aus ihm auf. Auch der Mensch des Tee bleibt, wenn sein Inneres sich nicht, sowohl im Verhalten gegenüber den Gästen als gegenüber dem Wirte, bis ins Tiefste vollauf geordnet hat, wie jener Schüler, der auch in den äußeren Zügen ganz das Gleiche malt, weit hinter dem Vortrefflichen zurück. Das Innere (der Geist) ist das Problem. Soll man aber sagen: was denn nun (für ein Ding) dieses Innerste („Herz“) ist, so ist es, wie’s in dem alten Liede (Bei dem zitierten Vers handelt es sich um eines der zahlreichen Dōka (道歌), die Ikkyū vefaßt hat. Das sind buddhistisch-belehrende Tanka, nicht immer Meisterwerke der Poesie.) heißt:

Kokoro to wa ika naru mono wo iu yaran
sumie ni kakishi matsu-kaze no oto.


Das Herz soll ich dir sagen, was es ist?
Im Tuschbild dort gemalt (vernimmst Du’s nicht?) des Föhrenwindes Tönen.

Packen läßt es sich ganz und gar nicht; das eben ist das Eigens, ohne Lehren, wird tradiert; keine Schrift ist aufgestellt. Nur durch wirkliches Erfahren und Ringen bis aufs äußerste kann man es sich zu eigen machen.

Der Vers selbst ist die erste und zweite Zeile des Gedichts, das Bodhidharma zur „Weitergabe der Leuchte“ gegeben haben soll. (Die anderen beiden Zeilen siehe Kōan 23.) Der tatsächliche Verfasser des Gedichtes, daß die Essenz des Zen auf knappste zusammenfaßt, ist vermutlich Nansen Fugan: (南泉普願; 748–834, ch.: Nan-ch’üan P’u-yüan (W.-G.), Pinyin: Nánquán Pǔyuàn)

教外別傳Kyōge betsuden
不立文字Furyū monji
直指人身Jikishi jinshin
見性成佛Kenshō jobutsu


№ 10: Eintracht, Ehre, Reinheit, (stille) Einsamkeit

和敬清寂 (和敬[わけい]清寂[せいじゃく])

Das ist das berühmte Wort, das Rikyū als das Eigentliche (Hontai) dessen gegeben hat, was der Mensch des Tee allem gegenüber zu erfüllen hat. Eintracht (WA, ) will sagen: zwischen dir und mir ist Eintracht (Übereinstimmung, Harmonie); wo auch nur das geringste Störende in Sinn und Art noch vorhanden ist, kann diese Eintracht nicht sein.

WaKeiSeiJaku 和敬清寂

Yoshi-ashi no naka o
nagaruru shimizu kana

Zwischen Yoshi-ashi („Schilf“ „gut-schlecht“)
mitten dahin strömt das klare Wasser!

Dieser Bereich ist es. Oder großhin gesagt: Klar und Trübe schluckt man miteinander. So lange man nicht diesen Stand völlig (gründlich) erreicht hat, weiß man auch nicht, was es ist.

Sodann: Ehre, () das will sagen: gib Ehre! Der Buddhismus, mag man hier anführen, spricht von der Vierfachen Huld (Wohltat, Gnade), für die man Dank und Ehrung schuldig ist. Die erste ist des Fürsten Huld, die zweite des Vaters und der Mutter Huld, die dritte des Meisters und Lehrers Huld, die vierte aller Lebewesen Huld. Von der Huld des Fürsten, des Vaters und der Mutter, des Meisters und Lehrers tut nicht not zu reden; darüber ist ein jeder seit seinen Volksschultagen belehrt. Aber da ist noch die Wohltat aller Wesen. Alle Dinge und Wesen, alles ohne Ausnahme in der ganzen Welt hilft und steht sich gegenseitig bei: selbst nur ein Schluck Tee, den ich empfange der Meister hat ihn bereitet, ein Stückchen Kuchen, das ich dazu bekomme bis hin zu den Gefäßen, Geräten, den zehntausend dazu notwendigen Einzeldingen haben Menschen ihre Mühe, ihren Eifer daran gewandt. Es gibt schlechterdings nichts, das wir mit unsrer Kraft alleine dastehend könnten. Daher wird, ein Äußerstes sagend, von der Wohltat aller Dinge und Wesen in Feld, Wald und Flur und im ganzen All (shinra-banshō) gesprochen. Wenn also von den Vier Wohltaten gesprochen wird, so bekommt dies hier den Sinn: Ehre die ganze Welt!

Weiter: Reinheit () das ist: Der klare Spiegel gibt die Dinge, wie sie sind (mei-kyō-nyo-tai). Alle Menschen haben ursprünglicherweise, wunderbar genug, im Grunde ihres Herzens die Fähigkeit, Gut und Böse, Verkehrt und Richtig zu unterscheiden; sie haben die Scheide – und Urteilskraft. Das reine (lautere) Herz ist wie der Spiegel und vermag Gut und Böse, Verkehrt und Richtig voneinander richtig zu scheiden; ist aber auch im geringsten falsches (abwegiges, trübes) Sinnen und Wollen da, so ist es damit vorbei. Dasselbe ist auch, wenn gesagt wird: Berühmtes Schwert rostet leicht (an dem edlen blanken Schwerte sieht man sogleich, wenn Rost sich ansetzt); immer und immer reinige dich (jikō) in deinem Wesen (Hontai); es ist dies wie jenes (berühmte) Wort Kungs: Der Edle prüft dreimal sich selbst. (Ich prüfe täglich dreifach mein Selbst: Ob ich, für andere sinnend, es etwa nicht aus innerstem Herzen getan; ob ich, mit Freunden verkehrend, etwa meinem Worte nicht treu war; ob ich meine Lehren (die ich andern gab) etwa nicht (selbst) befolgt habe. (曾子曰。吾日三省吾身、爲人謀而不忠乎。與朋友交而不信乎。傳不習乎。) Kung Gespräche, I, 4.) Weiter: stille Einsamkeit, (, jaku) das ist leer-einsam (空寂, kū-jaku) oder einsam-abgeschieden (Nirwana-Stille, 滅寂, jaku-metsu) d. i. das Wahre (Absolute) Leere Nicht-Erscheinende (Shinkū-musō). Wo Eintracht, Ehre, Reinheit nicht aus dem Bereiche dieses Wahren Leeren, Nicht-Erscheinenden her kommen, da sind sie ohne Leben. Dieses Still-Einsame (Jaku) ist der Eintracht, Ehre, Reinheit Urwesen (Hontai). Schwer läßt sich darüber auch nur etwas schreiben.

Andere Form

Widmung
Hermann Bohners Widmung eines Bandes der „Zen-Worte.“

Eintracht, Ehre, Reinheit, tiefe, stille Einsamkeit im Beispiele der Musik.

Wa Eintracht, Einmütigkeit

metaphysische Einheit der doch physisch – irdisch Gestuften, Getrennten, Verschiedenen, Uneinigen. Wo Musik ertönen soll, müssen Hörer wie Spielende, Empfangende wie Gebende eins werden; alles nicht zum Garten der Musik Gehörige muß hinausgedrängt, hinausbewogen sein. Dann erhebt sich und wird sichtbar hörbar

Kei Ehre ein Hohes, Erhabenes, ein zu Ehrendes,

das wiederum allem und allen Ehre gibt: das ist das Wohlgefallen, in der Musik der Wohllaut, und in ihm und durch solches erscheint.

Sei Reinheit, Lauterkeit

Was ist in höherem Maße rein, lauter wie wahre Musik? Wie Quelle ist sie, wie höchster Spiegel, wie Kristall und indem alles Leben und Gelebte hier wie durchsichtig, wie ins höchste reine Licht gesetzt wird, wird offenbar

Jaku (sabishi) Einsamkeit, tiefe, stille Einsamkeit,

das Vergängliche wird gefühlt (wie auch das Unvergängliche); das, wofür es nur noch Tränen gibt (schier jenseits von Freud und Leid) und tiefe, tiefe Stille.

Dies Viererwort ist Kernwort der Meditation; in ihm faßt sich zusammen, was Tee (Cha, Cha-dō) ist und sein will. Man mag es hoch, man mag es leicht nehmen: Eintracht mag auch heißen, daß nichts stört, daß man sich gemütlich beisammen fühlt und zugleich im Walde so für sich hin; Ehre – daß daraus doch nichts Liedriges wächst, oder mag Ehre sich auch auf die Ehrung des Gastes (des Hauptgastes und damit der andern Gäste und dadurch des Gastgebers) beziehen; Reinheit ist dann das von allem andern Befreite oder auch das Untadlige, das Vornehme (selbst beim Armen); Jaku oder sabi(shi) endlich das Los-sein vom Alltag, von der lauten Welt … Alles mag auch sehr tief genommen werden. Das Klassische bei uns ist wesentlich Maß, Strenge, Entbehren, Reinheit und zugleich hohe Einsamkeit.

Die großen Meister aber bleiben bei diesem Letzteren nicht stehen. Sie sehen und beschreiben eine Stufe darüber hinaus, wo es gar nichts mehr gibt afs ein Warten auf ein Anderes. Wabi – der Mensch hat gar nichts, ist gar nichts; das Andere ist alles. Recht für die Hirten auf dem Felde erscheint dies gesprochen.

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№ 11: Ohne Besonderes – das ist vornehmer Mensch

無事是貴人 (無事[ぶじ][]貴人[きにん])

Vorbemerkung: Dies buji Der Ausdruck 無事 findet sich vierzehn Mal in Linji's „gesammelten Sprüchen“ (Im 臨済録 lautet die vollständige Erläuterung in Kanbun: 師示衆云。道流。切要求取真正見解。向天下横行。免被這一般精魅惑亂。無事是貴人。但莫造作。祗是平常。Das ist in modernem Japanisch: 師、衆に示して云く、道流、切に真正の見解を求取して、天下に向って横行して、這の一般の精魅に惑乱せらるるを免れんことを要す。無事是れ貴人、但だ造作すること莫れ。祗だ是れ平常なれ。) (鎮州臨濟慧照禪師語錄, T. 1985. Nachschlagewerke übersetzen: Nelson: Safety, security; peace, tranquility; good health; boredom. Hartmann/Wernecke: ohne Vorkommnis, heil, in Ordnung, wohlbehalten, gut, glücklich; gesund, munter; nichts tuend; nichts zu tun habend.
Zen Sand: 5.334 No cares! That’s nobility. Rinzai-Roku §14.)
wörtlich „keine Sache(n)“ sagt Verschiedenes in Einem:
1) Nichts besonderes passiert, also „ohne Unfall,“ „unversehrt,“ in der Sprache des Volksmundes „ohne Geschichten“
(I); 2) nichts Besonderes wird gemacht, ohne Geschichten
(II) a) sorglos, ruhig, unbekümmert b) ohne äußeres Wesen, unauffällig.

Es wird hier gesagt, daß, wer ohne „Besonderes“ (ohne Unfall und Schaden) sein Leben verbringe, der vornehme Mensch sei, und wörtlich mag man auch wirklich so sagen; nur: so ganz sorglos „ohne daß etwas geschieht,“ geht es auch nicht. Wer es so nehmen und so sein Leben leben will, dem geht es wie dem Reiche Han, (220 v. u. Z. bis 206 A. D.) das dem Untergange verfiel, oder dem gegenwärtigen China. So leben wollen, das würde die unerhörteste Gefahr mit sich bringen. Die starken Mächte der Welt rüsten Tag für Tag mit neuen Erfindungen scharfe Waffen, seien es Flugzeuge oder Unterseeboote, Torpedoboote oder drahtlose Telegraphie der Tag reicht ihnen nicht aus, so eifrig sind sie dabei. Keinen Augenblick darf man die Sachen leicht nehmen. Mag die Welt auch im tiefsten Frieden sein und scheinen, plötzlich ( – so kann es gehen – ) ist man in dieser Welt ins Hintertreffen geraten.

Vor blauem Hintergrund, übereinander der Wasserschöpfer aus Bambus, sogenannte Hishaku.
„Hishaku.“ Verschiedene Waserschüpfer werden je nach Saison verwendet.

Auf den Tee angewandt: Es ist wirklich eine herrliche Sache, daß der edle Rikyū die Tee-Weise (茶法, Cha-hō, wtl. „Tee-Gesetz,“ Tee-Zeremonie) eingerichtet und bestimmt hat, und daß sie bis heutigen Tages weiter vorangeschritten ist; aber wenn man nun nicht immer über das Bisherige weiter hinausschreitet, so wird man vielleicht ist das etwas im Übermaße gesagt eines Tages am Ende schließlich, weil man gegenüber dem Weltwissen ins Hintertreffen gerät, von dieser Welt mit Gewalt gezwungen werden, die (wirkliche lebens- und wirklichkeitsgemäße) Teeweise wieder zu lernen. Daher kann man auch keinen Augenblick davon ablassen, über das Bisherige weiter voranzuschreiten. Was hier mit „ohne besondere Sachen“ gemeint ist, ist der freie friedensvolle Stand, darin man, mag kommen, was will, durch nichts in Schwierigkeiten gebracht wird, darin man unbehindert-völlig-frei (mu-gai-jizai) zu allem ist. Wo das „ohne besondere Sachen“ nicht aus diesem Bereiche herkommt, da ist es nichts. Mit andern Worten, es ist der Stand, da es heißt: „Wasser und Mond“ (die Natur, die Welt überall) ist die „ Übungsstätte (die Klause, das Heiligtum), da man strenge (kasteiende) Zucht und die Zehntausend (guter) Werke vollbringen kann (und soll).“ Und wer in diesem Stande ist, der ist, kann man sagen, auch wirklich einem vornehmen Menschen gleich. Aber dies „Unbehindert – völlig – frei“ ist gewaltig schwer.

Kannetsu no jigoku ni kayou chashakushi mo
Kokoro nakeneba
Kurushimi mo nashi

Der Tee – Schöpflöffel
in Eises- und in Hitze-Hölle
getaucht, fühlt keine Qual –
er hat kein Herz (– unschuldig, ohne Selbst ist er)

So singt der Edle Rikyū. Aus solchem heraus allein kann und muß dies Ohne besondere Sachen das sind vornehme Menschen werden und erstehen.

Yasukuni-jinsha

Wie der Versuch Japans nicht „ins Hintertreffen zu geraten“ im 20. Jahrhundert aussah, kann man heute noch u. a. im Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Staatsheiligtum Yasukuni-jinsha sehen.
Auch Hermann Bohner hat damit persönliche Erfahrungen gemacht. Der japanische Kriegseintritt führte ihn Ende 1914 in über fünfjährige Kriegsgefangenschaft.

Das japanische Staatsheiligtum. Ruhestätte aller Seelen im Kampf gefallener japanischer Soldaten. (Kriegsverbrecher wie Tōjō Hideki inklusive. Diese werden wieder seit ca. 1990 jährlich durch den Besuch des Premierministers „geehrt.“

'Gezogene Schwerter' Das große Yasukuni Torii von der Straße aus. Nahe dem Museum, verschiedene Granaten im Freien.

Photos des Haupttores des Yasukuni-jinsha und kriegerischer Darstellungen darin. (Aufnahmen Adi Meyerhofer, 1993).

Die Einhaltung des Art. 9 der japanischen Verfassung von 1946:

Art. 9 (1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten.
(2) Um das Ziel des vorhergehenden Absatzes zu erreichen, werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstige Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des Staates zur Kriegsführung wird nicht anerkannt.

Die Notstandsgesetze von 1999 bzw. 2003 hebeln dies völlig aus. Schon seit den 50er-Jahren unterhält Japan „Selbstverteidigungskräfte.“ Deren Budget war (ohne Pensionen) 2001 doppelt so hoch wie die Staatsausgaben für Gesundheit und liegt auch 2020 knapp über fünf Prozent der Staatsausgaben. (Zum Vergleich: BRD 2019 2,9% inkl. Pensionen. Auch hier ist man parteiübergreifend – inlusive der Grünen, die „nie eine pazifistische Partei waren,“ was den Webseitengestalter „ein Stück weit betroffen macht“ – dabei dem massiven Druck der USA nachzugeben und die Aufrüstung auf 4 % hoch zu treiben. Regelmäßig lanzierte Pressemeldungen über heißwerdende, um-die-Ecke-schießende Gewehre, nicht fliegende Huschrauber usw. dienen dazu dem tumben Volke die deutsche Wiederaufrüstung schmackhaft zu machen.) Der im Herbst 2017 wiedergewählte, rechts-konservative Premier Abe Shinzō schob die „Bedrohung“ durch die Demokratische Volksrepublik Korea, als Grund für massive Aufrüstung vor. Bereits im Juli 2014 beschloß sein Kabinett den obigen Artikel dahingehend neu zu interpretieren, auch wenn bis 2021 noch keine Änderung des Wortlauts erfolgt ist. Die komplette Aufhebung, seit Jahren ein Ziel der Hardliner, wird immer lauter propagiert, so daß wohl bald „der Wille des Volkes“ entsprechend umgeformt worden sein wird. Alle Bemühungen der Revisionisten eine solche Verfassungsänderung dem Volk zur nötigen Zustimmung vorzulegen waren noch nicht erfolgreich.

Entlastend muß angemerkt werden, daß eine „Vergangenheitsbewältigung,“ wie sie von den Besatzungsmächten dem geschlagenen Deutschland aufgezwungen wurde in Japan nicht stattgefunden hat und zumindest bezüglich des Pazifikkriegs (1941–45) gegen die USA auch nicht nötig ist. Es handelte sich bei diesem um einen präventiven Befreiungsschlag gegen den im Juli 1941 verfügten wirtschaftlichen Würgegriff. Die seit Jahren immer lauter werdende internationale „Entrüstung“ gegen die Besuche des Premiers oder anderer Minister am Schrein wird vor allem von extrem nationalistischen Kreisen in Korea und der von China 1949 abgefallenen Provinz Taiwan geschürt, angeheizt von gewisssen in Amerika ansässigen Kreisen, die vor Jahrzehnten das „Geschäftsmodell“ der Entschädigungszahlungen für generationslang zurückliegende Kriegshandlungen für sich entdeckt haben.


№ 12: Die Weiden grün, die Blumen rot

柳緑花紅 ([やなぎ][みどり][はな][くれない])

Das heißt natürlich: Die(se) Weiden sind grün, (jene) Blumen sind rot. (Der Begriff findet sich in einem Dōka Ikkyū's als „Miru goto ni mina sono mama no sugata kana / Yanagi wa midori hana wa kurenai.“ Daraus wurde ein jakugo, vgl. Hori, Zen Sand [4.630]; es gibt außerdem eine verneinende 6-Kanji Version: Yanagi midori narazu hana kurenai narazu [6.266]. Eine andere Fundstelle ist Xuējì's 餞唐永昌 [Jiàn táng yǒngchāng], Abschnitt 魏承班「生査子」: 河洛風煙壯市朝、送君飛鳧去漸遙。/ 更思明年桃李月、花紅柳緑宴浮橋。) – Solange aber einer nicht sein eigenes Wesen, (jikō no hontai) ja die Welten der Zehn Himmelsrichtungen [d. i. alle Welten überhaupt] als leer erkannt hat und daher mit ungetrübten Augen schaut die Weiden grün, die Blumen rot solange er nicht dahin gekommen ist, so lange ist es nichts. Mit andern Worten: Leere, eben das ist die Erscheinung. (, wörtlich: „Farbe,“ „Form“ vgl. 色界, rūpadhūta „Welt der Form(en),“ im Ggs. zu 無色界, „Welt ohne Form“ (Leere).)

Auf den Menschen des Tee es anwendend, mag man so sagen: durch unverwandte Übung kommt er höher und höher und zuletzt wird er ein ganz freier Meister, (関道人, Kandō-jin) der wahrhaft das höchste Wissen (絶学, Zetsugaku) und das Nicht-Machen (無為, Mu-i) erreicht hat, und erst wenn man dieser ruhige nichts-machende Mensch geworden ist, kann man den Tee wirklich trinken. Es sieht freilich so aus, als sei zwischen solchem Menschen und anderen, die nicht so weit sind, gar kein Unterschied; allein im eigensten Kennen und Wissen, Sich-halten und -führen ist doch ein außerordentlicher Unterschied.

Dieses Leitwort (Kōan) ist, wie wenn gesagt wird: Sieht man Berge von der Ferne, so haben sie Farbe; hört man Wasser (ganz) aus der Nähe, so hat es keinen Laut; so einfach ist es nicht, wenn gesagt wird: Die(se) Weiden sind grün, (jene) Blumen rot.


№ 13: Der Föhre Farbe hat nicht Alt noch Neu

松無古今色 ([まつ]古今[ここん][いろ][]し)

Von der Föhre wird auch gesagt:

Yuki assedomo
Kudake-gataki
Kantei no matsu

Von Schnee beladen,
nicht zu beugen
im Schluchtengrund die Föhre.

Im Gebirgstale üppig wächst sie; Schnee häuft sich darauf, so daß sie selber kaum mehr zu erkennen ist; gleichwohl, wenn der Schnee schmilzt, kommt frisch lebendiges Grün darunter hervor (und zum Vorschein), und, wie immer auch die vier Jahreszeiten im Wechsel dahingehen, sie wechselt ihre Farbe keineswegs; wahrhaft ein Bild des Edeln, (君子, kun-shi, chin.: chün-tze, Pinyin: jūnzǐ) des Weisen ist sie. Wahrlich, im Schnee begraben mittendrin vergißt sie auch keine Stunde, keine Minute, zu wachsen und zu wachsen, immer weiter, immer höher kommt sie in Entfaltung.

So auch in der Welt der Menschen etwa jener Kanshin (韓信) ob auch ganz gemeine Kerle kamen und (endlich gar) verlangten, daß er unter ihren Schenkeln durchkrieche, er nahm sich Geduld und Langmut (堪忍, Kan-nin), diese beiden Zeichen [als wesenswichtig] und tat es; sein Geist freilich kroch nicht unter den Schenkeln durch, und so ward er zuletzt ein hochberühmter Feldherr.

Hanekaesu
chikara mo arite
yuki no take

Zurückzuschnellen in sich trägt – die Kraft
der tief jetzt sich beugende
Bambus im Schnee –

Das ist es, was auch der Mensch des Tee in sich zur Vollkommenheit bringen muß (und ohne das ist keine Meisterschaft).


№ 14: Alles gründet in Einem

(Die Zehntausend Weisen [hō, Dharma] gehen auf eines zurück)

萬法帰一 (万法[ばんぽう][いつ][かえ]す)

Das ist des Lotusblütensutra: Es gibt nur des Einen Gefährtes Weise (), nicht zwei, noch drei (Gefährte). Das ist: dieses Eins ist Grund und Ursprung (kompon); für den Menschen des Tee ist der Tee das Grundelement (genso) von allem: das wird hier gesagt.

Wenn der Edle Rikyū [nach dem Wesen des Cha-dō gefragt] sagte: Der Tee, das ist: immer entsprechend zubereiten, im Winter warm, im Sommer kühl so versteht man, warum notwendigerweise hier von den Zehntausend Arten und Weisen (万法, mampō; von allen nur erdenklichen Verhältnissen überhaupt) gesprochen wird. Heute sind es drei Senke-Schulen, dazu Yabuuchi, Matsuo, Hisada, Hayami, Enshū, Sekishū und zahlreiche andere Richtungen; fragt man aber nach Grund und Wesen (moto), so ist es: Tee trinken zu lassen; und darin hat sich bis heutigen Tages nichts geändert. Nur: aus eigenen Ansichten (der einen oder der andern) haben sich mannigfaltige Unterschiede herausgebildet; aber derentwegen kann man nicht von Zehntausend Weisen (mampō) sprechen. Fragt man, wie man hier das Richtige treffen soll, so sage ich: solange es nicht dahin kommt, daß sich der Tee in die verschiedensten Stände und Berufe (d. i. in Stand und Beruf des Offiziers und Beamten, des Bauern, des Technikers [Handwerkers], des Kaufmanns) verwandelt und praktisch wird, kann man noch nicht von Zehntausend Weisen sprechen. Ja mehr noch, in der zehn Himmelsrichtungen Welten (in allen Welten) allüberall muß er lebendig-praktisch werden. Weshalb denn der Taikō Toyotomi Hideyoshi im Teegemache oftmals Kriegsrates (Sen Rikyū hat scheinbar der Versuchung nicht widerstehen können, die Einsichten, die er als Hof-Teezeremoniemeister im erwähnten Kriegsrat gewonnen hatte, zur politischen Intrige zu nutzen (wofür er „ehrenvoll“ durch Bauchaufschlitzen (seppuku) aus dem Leben scheiden durfte) pflog auch dies eine gute Umsetzung des Tees in die Praxis. Freilich ist beim Tee alles Gewaltsame (mu-ri, Nicht-Ri, Nicht-recht) vom Ursprung an ausgeschlossen; was der Tee will, ist, das, was von selber, natürlich ist, in seiner Kraft lebendig werden zu lassen; das Gewaltsame kann gewiß nicht ewig dauern, und wo der Kriegsrat nicht mit dem Rechten (, ri) übereinstimmt, kommt seine Sache zum Scheitern. Daß das große Rußland mit einem kleinen Reiche wie Japan kämpfend unterlag, das war die Folge davon, daß Japan vom Stande der Rechtlichkeit (des „Wegs des Menschen“) aus kämpfend außerordentliche Kräfte gewann und Rußland gewaltsam (wider Fug und Recht muri-ni) den Krieg heraufgerufen hatte. Daher denn die Menschen der alten Zeit gegen solche, die dem WEG zuwiderhandelten, den Kampf begonnen haben, mochten sie gleich Geistliche (Sōryō) heißen in der Geschichte findet man viel von solchen Mönchskämpfen. (Beginnend im 11. Jh. besonders innerhalb der Tendai-Schule und zwischen dieser und der Hossō-Schule. Kriegerische Mönche, bzw. Mönchskrieger (sōhei), finden sich im gesamten Mittelalter, die Umstände sind seit etwa 2000 verstärkt Objekt historischer Forschung. Oda Nobunaga war der erste Reichseiniger der durch die Erstürmung des Hiei 1569-71 (比叡山焼き討ち) mit der Unsitte konsequent aufräumte.) Wir aber müssen das Gesagte richtig anwenden und den Zehntausend Weisen (allen Verältnissen) jeweils entsprechend verfahren; vor allem ändern (moto o) aber müssen wir den Tee (chadō to iu tokoro) als Grund und Ursprung (moto) nehmen. Und je nach gut oder schlecht wird die Anwendung verschieden sein: das Wasser, das die Kuh trinkt, wird zu Arzenei (Milch); das Wasser, das die Schlange trinkt, zu Gift; oder wie man auch sagt: Ein Bu, acht Ken. (In einem Bu (Zoll) sind 8 Ken (Häuserbreiten). Das ken ist das Grundmaß im Hausbau. So ist der (Standard)-Einbauschrank ikken breit. Die Bodenfläche berechnet sich nach der Anzahl der tatami, die traditionell 1 x ½ ken [1 chō] groß sind. [Vgl. dazu die Ausführungen zum Tokonoma und ; Die Maßeinheiten der Nara-Zeit; japonica humboldtiana, 9 ()].
Der „klassische“ Teeraum hat 4½ chō.
)
Wenn es zu den „Zehntausend Weisen“ kommt, dann ist größte Achtsamkeit not.


№ 15: Die Sonne geht auf, das All erstrahlt

日出乾坤輝 ([][]でて乾坤[けんこん][かがや]く)

Wenn die Wolken im Osten sich rot färben und das Sonnenrad hervorkommt, so werden Himmel und Erde von einem Ende zum ändern hell das ist, was hier gesagt wird, und das andre Wort Gottes Licht erleuchtet Himmel und Erde (shinko tenchi o terasu) hat auch etwa diesen Sinn.

Takai yama kara tanizoko mireba
uri ya nasubi no hanazakari.

Schaut man vom hohen Berg hinab zu Tal,
Da blühen üppig (überall) Kürbis und Eierfrüchte.

Wem die Eigen-Einsicht geworden ist, dem wird die ganze Welt zu Füßen klar: in diesem Spruch ist die Sonne das Wahre Wesen; (Hontai, das Eigentliche) und wo dies Wahre Wesen aufgegangen ist (erfaßt, erkannt, gewußt wird), da ist alles (die „Zehntausend Pänomene,“ 万象, banshō) erhellt.

Nun gibt es in der Welt neben der Sonne auch freilich Elektrizität und Gas und andre Lampen; mit Wissenschaftskraft lassen sich da bei Gaslicht oder elektrischem Lichte Dinge bis zu gewissem Maße sehen und unterscheiden; in alledem aber macht sich nur die Kraft geltend, die der Mensch mittelst seines (kleinen) Ich hat. Geht aber die Sonne auf, so reicht das alles (was das kleine Ich macht) nicht von ferne daran heran. Löst sich aber der Mensch von diesem Ich, d. i. geht die Sicht von dem Tee-WEG (Cha-dō, Tee-SINN) genannten Wahren WEG (Hon-dō, Ur-TAO (Das „original Dau,“ ursprünglich daoistische Bezeichnung, von chinesischen Buddhisten für „Dharma“ i. S. d. Lehre bzw. „das wahre Buddha-Wesen“ oder „Absolute“ gebraucht.)) aus, so wird wunderbarerweise klare Sicht der ganzen Welt von einem Ende bis zum ändern möglich; da allererst gilt: Namu Wunderbarer-Licht-Nyorai! (Anbetungsruf: „Nyorai der/das Unvergleichliche, Absolute.“ Nyorai (如来) ist die Entsprechung des Sanskrit Tathāgata; gemeint sein kann, wie es wohl hier der Fall ist, Amida/Amitâbha oder des Buddhas nirmāṇakāya.)


№ 16: Im Spiel mit Blumen füllt ihr Duft die Kleider

弄花香満衣 ([はな][ろう]すれば[かおり][ころも][]つ)

Spielt man mit Blumen, wird hier gesagt so geht von selbst (ganz natürlicherweise) ihr Duft auf die Kleider über; vom Cha-jingesprochen heißt dies: nimmt man im Teegemache seinen Sitz ein und empfängt Tee, so geht wundersamerweise der Tee (cha) auf den Leib (die Person) über. Das will sagen: Dies Tee genannte Wesen (cha to iu mono) nährt von selbst des Leibes Lebenskräfte; (, toku) wer daher genügsam (mit Tee) sich befaßt hat, der wird in Art und Charakter (jinkaku) wie von selber unversehens zum Chajin; es kommt zu dem Bereiche, da es heißt: Wo Moschushirsche sind, da breitet sich von selbst der Wohlgeruch. Und die im Teegemach genährten Lebenskräfte tun sich von selber, auch ohne daß man darum weiß, kund. So geht alles, ob gut oder böse, auf den Menschen über und wirkt, ohne daß man darum weiß. Im Buddhismus gibt es das sog. In-en, (因縁) in innerer, eigentlicher Grund, Ursache, Same; en äußerer Ursachenzusammenhang, Beziehung, metaphysische Verbindung. Was In-en wird, das mag wahrhaftig noch so klein sein, es kann zur großen Sache werden; z. B. ein Riesenbrand mag, wenn man der Sache nachgeht, von einer Zigarettenhülse oder von Ruß im Kamin herkommen; ein ganz Geringes mag also, zum In-en geworden, zum Allergrößten werden. Um von En () zu reden, so ist dies in Wahrheit ein hochwürdiges; wird doch gesagt, daß auch Shaka ohne ein En die Lebewesen kaum erlösen kann. Daher gilt es in allen Dingen sehr darauf zu achten, daß ein gutes En entstehe.

Menziusmutterportrait
„Einen Sohn erziehen.“ Menzius (孟子, Mōshi) mit seiner Mutter auf einer Seidenmalerei von Wú Shì'ēn, 16. Jhdt. (Orig. 154×85,7 cm; 仰不愧于天,俯不怍于人。 im Museum von Shanghai.)

Gutes In bringt gute Frucht, (, ) böses In bringt böse Frucht. Auch gibt es das sog. Shuku-en, (宿縁, aufgespeichertes „En,“ von Vorzeiten bzw. Präexistenzen her wirkendes „En,“ Sankhara [„Rest-Karma“ aus früheren Leben. Syn. 夙緣]) und demgemäß sieht man oft und viel, daß ein Mensch in der Welt sich mit aller Kraft müht, das Wahre, Rechte zu tun, und merkwürdigerweise doch kein Gutes erntet. Das ist durch dies Shuku-en so.

Um ein Beispiel zu nennen: Ein in vermöglichem Hause geborener Sohn mag noch so untalentiert sein, so kann er doch das Haus weiterführen; nehmen wir umgekehrt einen in schuldenbeladenem Hause geborenen Sohn, der die Schulden des Vaters übernehmen muß, der aber von dieser Sache gar nicht weiß, ja ganz und gar nicht an so etwas denkt. Er arbeitet redlich mit aller Kraft; aber da ist das tugendlose Tun seiner Vorvordern; über kurz oder lang kommt ganz natürlicherweise die Wirkung (Vergeltung) und wird ihm zum Fluche. Oder in anderem Beispiele: ein Mann hat vor drei Jahren etwas Schlechtes getan; er arbeitet jetzt in aller Redlichkeit; es kommt aber heraus, was er getan, und von der Schuld kann er nicht frei kommen.

Daher gilt es Gutes wirken, das auf Kind und Kindeskinder geht, daß so die guten Kräfte (toku, „Wesenskräfte, Tugenden“) Kind und Kindeskindern übergeben (abgetreten) werden. Es muß heißen, wie das Wort sagt: Im Hause, da Gutes sich häuft, ist ein Überschuß von Glück. Daß Mengdse’s [Menzius’] Mutter drei Mal das Haus wechselte, (Eine der bekanntesten Erzählungen des Ostens, die außerordentliche Achtsamkeit der Mutter in Erziehung ihres Sohnes, der hernach auch einer der Größten des Ostens wird, kennzeichnend: jeden schlechten Einfluß, z. B. vonseiten schlechter Nachbarschaft, sucht die Mutter zu meiden.) kam auch von solcher Erwägung her.


№ 17: Zehntausend Meilen ein Eisenband

万里一条鐵 (万里[ばんり]一条[いちじょう][てつ])

Das wahre Wesen (眞理, shinri, die wahre Idee, das wahre Gesetz, die Wahrheit) des Alls ändert sich, auch in tausend, zehntausend Meilen Entfernung nicht, ist immer ein und dasselbe ungeboren (nicht-wachsend [不生 nicht-lebend]), nicht sterbend, wird nicht mehr noch weniger dies will das Wort sagen. Es gibt in der Welt die mannigfachsten Religionen, Christentum, Buddhismus und andre mehr, sowie die mannigfachsten Verkündigungen, ihr Grund und Quell geht auf dies wahre Wesen zurück; in welcher Lehre, in welchem Glauben (, shū) auch immer dies wahre Wesen darf nicht weiter ein anderes sein.

Wake noboru fumoto no michi wa ō-keredo
onaji taka-ne no tsuki o miru kana.

Viele Wege sind es, getrennt aufsteigend vom Fuße des Berges,
auf dem gleichen Gipfel den Einen Mond zu beschauen.

Beim Tee ist es nicht anders: Der Tee ist letztlich ein Werkzeug (dōgu), den WEG (Tao) zu üben. Geht man aufwärts zur Quelle dieses Tees, so führt dies wohl zu dem Einen Band (Einen Weg) Eisen des Ungeborenen-Niesterbenden. Bei diesem Worte tut man wohl, mehr als das „Zehntausend Meilen“ das „Eine Band“ zu beachten; außerhalb dieses „Einen Bandes“ (Einen Weges) gibt es auch nicht die Zehntausend Meilen. Auch die Zehntausend. Hunderttausend, Millionen ( und siehe die Anm. zu Kōan 3.) Meilen sind alle in dem Einen Band.


№ 18: Nicht

Kalligraphie des Zeichens Mu (nicht).

Dieser Kōan für diejenigen, die diese Seite mit einem
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betrachten: Hat der/die/das Apples Dogcow Clarus
Buddha- oder sonst irgendeine Natur?
Sexy Bill Gates wirft 8-Zoll Floppy.

(Zur Auflösung mit Maus überfahren.)

Die allererste Aufgabe der 48 Aufgaben des Mumenkuan (Mumon-kan und Kōan 31) lautet Hat das Hündchen Buddha-Natur?, worauf Yūeh-chouYü-wen Wen-Yän (= Wu-Men; jp.: Um-mon Bun-nen) (864-949) BYL I, 160. Zu Dschau-dschou Tsung-Sën (778-897 {?alternativ BYL II, S. 166}; jp.: Jō-shū Jū-shin) finden sich im BYL eine Vielzahl von Zitaten (Schwerpunkte: 2. {S. 57-59}, 9. und 30. Kōan).
BYL I: 61ff, 70ff, 199ff, 208f, 240, 310, 367, 389, 399, 407, 442, 489-496 [Biogr.], 522, 525; II: 72, 81, 159ff, 166ff, 241ff, 247ff, 281, 286; III: 29ff, 50, 73, 75, 77ff, 81f, 94, 95f;
BYL2: 60f, 95-7, 135, 154, 175, 199-202, 265-9, 286-9, 317-9, 334, 336f, 341f, 344, 354-7, 360, 404f, 407, 472, 476-8.
mit Mu antwortete.
Diese zum ersten Anfange von dem erfahrenen Meister, dem Meditationsschüler gegebene Aufgabe, worüber dieser letztere sich redlich den Kopf zerbrechen mag, wird jedem, auch dem Hochgebildeten, weidlich Schwierigkeiten machen. Bedauerlich ist nur, wenn die meisten meinen: Meditation (禅学, Zen-gaku) sei nichts für sie, es sei etwas zu Schwieriges. Es geht eben nicht mit allem so rasch wie etwa mit der Herstellung bestimmter Waren. Selbst wenn man rasch verstünde und dem alten Meister gut geantwortet hätte, wäre das doch nichts, wenn das damit Gewonnene nichts brächte zum eigensten Gewinne. Man muß so werden, daß das Wesen (Hontai) in Ding und Sinn (, Idee) eins wird und man vom Scheitel bis zur Sohle wahrhaft echt und ganz ohne Beschränkung das (große) Erlebnis hat und in diesem Sinne Mu (Nicht, Nicht-Sein, Nicht-Existenz) antworten kann. Man könnte dann (gerade so gut) U (, Sein, Existenz, bejahend) oder auch „TEE“ oder auch noch andres antworten. Wenn Himmel und Erde ganz TEE werden (so daß man das Ganze mit dem Prinzip des Tee umfassen kann), so wirkt überall und in allem TEE (da ist freie Tätigkeit in allen Dingen). Doch ich lasse weitere Ausführungen. Selber forschen, selber es gewahren, das ist not. Auch ein Buch geheimster Weisheit bleibt ohne Wirkung, so sich nicht einer findet, der ihm gewachsen ist. Man hat der Katze Goldstücke gegeben, sagt das Sprichwort (und was sind Goldstücke für die Katze?). Ja, was dies Eine Zeichen Mu besagt, erlernt sich nicht so rasch.


№ 19: Woher kommt der Wind?

(Der Wind: Du weißt nicht, von wannen er kommt.)

風来何處

Man sagt: Woher kommt der Wind? Hat der Wind sich gelegt, so weiß man nicht das Geringste von ihm. Erhebt er sich und wird zum Sturme, so hat er eine so furchtbare Kraft, daß er auch das größte Schiff zum Kentern bringen mag; hat er sich dann wieder gelegt, so scheint es, als sei überhaupt kein Wind in der Welt: nirgends ist er, und doch erfüllt er Himmel und Erde; das ist der Punkt, der schwer zu begreifen ist.

Und so der Mensch des Tee (Chajin,Teemeister) tritt er in den Teeraum, trinkt Tee und ist er dann wieder hinausgegangen und etwa wieder in seinem Berufe und man fragt: Wo ist nun Cha-dō (das Tee-Wesen) und was ist es nun mit dem Chajin? Vom Kopf bis zu den Füßen ist dieser Mensch von Tee erfüllt, und auch nicht das Geringste ist davon verschwunden, und daß es so ist, wird sich schon bemerkbar machen. Es ist wie mit dem Winde: du denkst, er sei nicht da, und er ist doch da, Himmel und Erde erfüllend.

Zu der Frage nach des Windes Woher gibt man seit alters diese Geschichte: Einst fragte Kusunoki Masashige einen Zen-Mönch: Was ist denn überhaupt diese Meditationslehre für eine Sache? Der Mönch fragte: Wie ist Ew. Edlen Namen? Worauf die Antwort: Ich bin Kusunoki Masashige. Da rief der Mönch: Kusunoki Masashige! Masashige antwortete: Ja! Da fragte der Mönch: Ihr habt geantwortet, aber von welchem Orte (Eurer selbst) habt Ihr geantwortet? Das machte, wird erzählt, dem Herzog Kusunoki mit einem Male nicht wenig zu schaffen, und solchen Ursachenzusammenhangs (in-nen) halber erlangte er außerordentliches Erwachen. Ein zweites, Sekundäres mag hier beigefügt sein: Alles Buddhistische (佛法, Buppō) wird bezeichnet als Lehre (法門, Hōmon), da etwas gegenüber ist; in jedem Falle steht mir etwas gegenüber. Das wahre Wesen (本身本体, Honshin-hontai) ist eigentlich leer; doch so ihm jemand ruft: Holla! Höre!, so kommt aus dem aller Ichheit Enthobenen (Mitte-losen, Ohne-Herzen 無心, Mushin) wunderbarerweise Antwort in gleicher (grober) Art: Was gibt's? Wenn aber einer höflich bescheiden anruft: Verzeihung! Ist die Frage gestattet? so antwortet das Gefragte gleicherweise bescheiden und sanft. So konkretisiert sich die wundergleiche Wahrheit (眞理, Shinri) [der wahre Logos.]

Zum griechischen Logos

Logos (griech. Λόγος, „Wort,“ „Sprache“) bezieht sich auf alle durch die Sprache dargestellten Äußerungen der „Vernunft“. Logos hat ein weites Bedeutungsspektrum, das von Wort, „Satz“ und „Rede“ über „Definition“ und „Argument“ bis zu „Rechnung“ oder „Lehrsatz“ reicht. Die Wissenschaft der Logik und sämtliche Wissenschaften mit Endung “-logie“ leiten sich davon ab.
In der klassischen Rhetorik nach Aristoteles bezeichnet Logos eine der drei Arten der Überzeugung, nämlich die durch Folgerichtigkeit und Beweisführung. Die anderen beiden sind Ethos (Autorität und Glaubwürdigkeit des Sprechers) und Pathos (rednerische Gewalt und emotionaler Appell).
Entwicklung
Der logos bedeutet in der griechischen Grammatik erst einmal „(geschriebene) Rede“ im Sinne ihres materiellen Gehaltes von Buchstaben, Wörtern, Syntagmen und Sätzen, in der griechischen Rhetorik dann „(gesprochene) Rede“ im Sinne ihres Inhaltes.
In der griechischen Philosophie findet sich der Terminus bei Heraklit als eine die Welt durchwirkende (oder über den Göttern angesiedelte) Gesetzmäßigkeit. Platon abstrahiert den Ausdruck logos dann so weit, dass er mit der Bedeutung „Darstellung“ oder „Erklärung“ als philosophisches Vokabular nutzbar wird, jedoch ohne an zentraler Position eine Rolle zu spielen. Bei Aristoteles wird er sodann zur „Definition“.
Die Stoa sieht dann im Λόγος das Vernunftprinzip des Weltalls. Der logos ist der ruhende Ursprung, aus dem alle Tätigkeit hervorgeht. Er konstituiert somit sowohl die „Kausalität“ als Ursache-Wirkung-Prinzip, als auch eine hiervon angeleitete, dem alttestamentlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang nicht unähnliches sittliches Prinzip.
In der Neuzeit ist logos noch im Sinne von „Vernunft“ im weiteren Gebrauch. Der abgeleitete Terminus Logik jedoch bildet sowohl eine Sparte innerhalb der Philosophie und der Mathematik, wie er auch weiterhin die „Gesetzhaftigkeit“ dargebotener Gedanken und das Vermögen wie auch die Art und Weise, diese zu denken, meinen kann.
Literatur:

Siehe dazu auch den Ansatz westlicher Logik bei Wittgenstein und beim Buddhismus:
– Wittgenstein, Ludwig; Russell, Bertrand (introd.); Tractatus logico-philosophicus; London 1922 (Kegan Paul, Trench, Trubner) 189 S.; Sert.: International library of psychology, philosophy and scientific method; Text dt. und engl.
– Gudmunsen, Chris; Wittgenstein and Buddhism; London [u. a.] 1977 (Macmillan), VII, 128 S.  [S. 121-4 Bibliogr. zu L. Wittgenstein]
– Kalansuriya, A. D.; A philosophical analysis of Buddhist notions – the Buddha and Wittgenstein; Delhi 1987 (Sri Satguru Publ.), 255 S., Sert.: Bibliotheca Indo-Buddhica, 34; ISBN 81-7030-111-5 [analysiert nicht Wittgenstein als Buddhisten, sondern den Buddhismus unter Zuhilfenahme Wittgensteinscher Methodik]

Wer selbst mit dem Innersten Guten dem Gegenüber begegnet, dem wird von drüben her mit im Innersten Guten begegnet; wiederum, wer mit im Innersten Bösem begegnet, dem antwortet Böses. Wird die Trommel stark geschlagen, so tönt sie stark.

Uteba naru tatakeba
hibiku kane no hachi.

Wie man schlägt, so klingt es,
wie man haut, so schallt es,
Das metallne Becken.

Wahrlich, das wahre Wesen (die Wahrheit) ist unparteiisch (stracks, gerecht, gerade, redlich). Denkt einer, er habe etwas in aller Verborgenheit getan, niemand wisse darum – so ist dem doch nicht so: das wahre Wesen des Alls richtet auch dies und bringt es in Ordnung: auf wunderbarste Weise erhält jener bösen Lohn. Dieses wahre Wesen oder der Wind, die Welt erfüllend, auf die verschiedenste Weise je nach verschiedensten Berührungen sich kundtuend, ist es, wovon unser Wort spricht.

Zum Beispiel
„Wo wird der Patriarch erblickt?“ Diese Frage Wu-men’s nach dem wahren Geist des Patriarchen bietet den Schlüssel zum Verständnis des Kōans. Die zwei Mönche, die über die Bewegung der vor ihren Augen im Winde flatternden Tempelfahne diskutieren, bleiben auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung und sind meilenweit vom Erleuchtungswissen entfernt. Des Patriarchen Wort: „Der Geist bewegt sich“ schreckt sie auf, so daß sie sich nach innen, dem eigenen Selbst, zukehren. Doch darf die Aussage des Patriarchen nicht nach ihrem Wortsinn an der Oberfläche vom Standpunkt des die Außenwelt leugnenden philosophischen Idealismus verstanden werden. Wu-men offenbart den wahren Geist des Patriarchen. Sein Wort der totalen Verneinung weist auf die transzendente Wirklichkeit hin, die über Bejahung und Verneinung hinausliegt. Von diesem Standpunkt her kann man ebensowohl sagen, Wind, Fahne und Geist bewegen sich, wie auch sagen, sie bewegen sich nicht. Alle unterscheidenden Worte sind für falsch befunden.
Das Beispiel
Einst wehte die Tempelfahne im Wind. Zwei Mönche stritten miteinander. Der eine sprach: „Die Fahne bewegt sich.“ Der andere sprach: „Der Wind bewegt sich.“ So ging es hin und her, ohne daß sie zur Übereinstimmung kamen. Der Patriarch sprach: „Es ist nicht der Wind, der sich bewegt, es ist nicht die Fahne, die sich bewegt, euer Geist bewegt sich.“ Die beiden Mönche erschauderten.
Wu-men erklärt:
Es ist nicht der Wind, der sich bewegt, es ist nicht die Fahne, die sich bewegt, es ist nicht der Geist, der sich bewegt. Wo wird der Patriarch erblickt? Wenn einer dies fest erfaßt, so weiß er, daß die beiden Mönche Eisen kaufen wollten und Gold erhielten. Der Patriarch vermochte sein Mitleid nicht zurückzuhalten und hat sich lächerlich gemacht.
Der Gesang lautet:
Es bewegt sich Wind, Fahne, Geist.
Im gleichen Urteil sind sie für schuldig erklärt.
Er weiß nur, daß er den Mund öffnet, Aber merkt nicht, wie er beim Sprechen fällt.


№ 20: Der Bambus hat Knoten und damit Oben und Unten

竹有上下節 ([たけ]上下[じょうげ][ふし][]り)

Der Bambus ist innerlich hohl (und damit Eines) und hat Knoten, und damit Oben und Unten: Diese Welt ist durchweg Eines in (völliger) Gleichheit; wird darinnen aber nicht Oben und Unten geschieden, so kann keine Gemeinschaft sein und bestehen, selbst nicht die im wildesten Barbarenlande. Im Heere braucht es Generale und Divisionskommandeure, in der Gesellschaft oberste und stellvertretende Leiter; sie nehmen die obersten Stufen ein, und von da geht es abwärts Stufe um Stufe geordnet, und erst dann kann alles funktionieren und kann etwas erreicht werden. Auch Danjūrō, (Ichikawa Danjūrō, 市川團十郎 ist der Bühnenname von bis dato 23 Kabuki-Darstellern, die oft jüngere, würdige Schauspieler als ihre „Söhne“ adoptierten. Gemeint hier ist der zur Meiji-Zeit berühmte, überragende neunte Träger des Names, Hideshi Horikoshi 堀越秀, 1838-1903.) der große Schauspieler, kann nicht alles allein machen, sondern unter ihm (und immer weiter hinab) müssen Leute sein, die mitspielen. Freilich wenn es nur lauter Untere, lauter „gewöhnliche Leute“ wären, so würde die Sache vollends nicht zuwege zu bringen sein. Oben wie Unten sind unentbehrlich. In fremden Ländern redet man zwar von Gleichberechtigung von Mann und Frau oder von Demokratie, wo alles gleich und gleich sei – aber hat man nicht auch dort einen Präsidenten und in jedem Verein einen Vorsitzenden?

Auch für den Menschen des Tee gilt das Gesagte: vornehm und gering, arm und reich, alt und jung, Mann und Weib, alle mögen den Weg des Tees erlernen und hiezu zusammenkommen; allein, es gibt solche, die durch Jahre hindurch gewonnen haben; es gibt solche, die einer ältern Generation zugehören; wenn man sie als Hauptgäste empfängt und unter ihnen (Stufe um Stufe hinab) alle andern willkommen heißt, so geht alles und jedes aufs vortrefflichste; und es können nun Gäste und Gastgeber miteinander ohne Sondermeinung (kokoro-oki naku) des Tees sich erfreuen; es ist dann, wie dies Wort (Kōan) sagen will: das Herz wahr – gerade wie der Bambus; das Wesen (der Geschmack) darin ohne Besonderung (kū, „leer“); Oben und Unten in seiner Unterscheidung richtig funktionierend.

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№ 21: Nimm eins und dringe durch!

(mit einem alles durchdringen)

一以貫之

Ein Herz werdend, das Ziel erreichen, sei’s in welcher Angelegenheit auch immer – dies will das Wort sagen. Werde hart und fest und führe die Sache durch! Freilich dies hart und fest ist nicht, wie’s dir scheinen könnte, etwas so Steifes, Unbewegliches, sondern es ist wie die Verse sagen:

Yo no naka wa
mame de shikaku de
yawarakaku
tōfu no yō na
hito ni nare hito
Uka-uka to
kurasu yō de mo
hyōtan no
mune no atari ni
shime-kukuri ari
In dieser Menschenwelt
werde wie Bohnenkäse,
der, obwohl eckig, doch schwappelig
und (zu dem allem) mame [Bohne:-treu (Wortspiel: mame hat diese und jene Bedeutung. (Bohnenkäse = Tofu). Tatsächlich handelt es sich beim Vers um eine Anspielung auf ein Gedicht des Zen-Mönches Ingen Ryūki (隱元隆琦; nach Japan geflohener chinesischer Mönch, Begründer der Obaku-Schule. 1592-1673), bei dem jede Zeile eben die erwähnten zwei Bedeutungen haben kann: まめで / しかくで / やわらかで.))] ist!
Sieh den Flaschenkürbis!
Hängt er so sorgenlos pendelt und pendelt, –
so du genau ihn besiehst, ist um die Brust er
festen Bandes umgürtet.

So nur geht es in der Welt. (Es handelt sich um ein Zitat aus Kung's „Gesprächen:“ 子曰、參乎、吾道一以貫之。曾子曰、唯。子出。門人問曰、何謂也。曾子曰、夫子之道、忠恕而已矣。 (4.15). A. C. Muller übersetzt: The Master said: Shan, my Way is penetrated by a single thread. Ceng Zi said, Yes. When the Master left, some disciples asked what he meant. Ceng Zi said, Our master's Way is to be loyal and have a sense of reciprocity, and that's it. Parallelstellen untersucht Haupt, Christine; Und der Meister sprach …; München 2006 LMU-Diss.) Und jener Stehauf-Dharma: so freudig wackelt er hin und her, fällt und fällt und rollt gutherzig, wohin man will, doch am Ende steht er immer wieder aufrecht da. Im tiefsten Herzen darf auch keinen Augenblick der Grundwille, das eigne Ziel zu erreichen, verloren gehen. Freilich, um ein Beispiel hier zu nennen: In Japan schreibt man von rechts her, das Buch macht man von rechts her auf und liest von rechts weiter und weiter und kommt so allmählich von rechts zum Ende des Buches. Bei den Abendländern schreibt man von links her. Öffnet von links her das Buch und das Ganze geschieht von links – aber letztlich kommt Rechtsher und Linksher doch auf ein und dasselbe heraus. Die Krabbe läuft querwegs, und sie mag querlaufend zehntausend Meilen [Kōan 17] zurücklegen (und ihr Ziel ebenso erreichen); das ist ihre Eigenart. In allen Dingen gilt: Das Ziel als das Eine vor sich haben und immerzu darauf zugehen, dann kommt man zum Ziele: das will dieses Wort sagen.

Beim Tee ist es ebenso, und eigentlich ist dabei nichts Besonderes: Geh immerzu Schritt für Schritt voran in dem, was du übst, so erreichst du zuletzt das Eine des Ziels.


№ 22: Chüti's einer Finger(zeig)

倶胝一指

Chü-ti
Chüti's Fingerzeig, 1832 von Shunsō Shōju (1751–1835, 春叢紹珠).

Sehr oft sieht man ein Bild gemalt: ein Mann nach Art des dicken Hotei deutet auf den Mond, und sein junger Diener daneben deutet ebenso auf den Mond. Das ist: der chinesische Abt Chüti (倶胝, jp.: Gutei, Pinyin: Jùzhī; Schwarz: Dschü-Dschih, Doumoulin: Chü-chih) hob, wenn jemand zu ihm zu Gast kam, alsbald einen Finger und deutete stracks gen Himmel; sein Diener, der immer um ihn war, nahm in der Folge auch unwillkürlich die Gewohnheit an, gen Himmel zu deuten, wenn er mit jemandem zusammenkam. Der Abt vernahm davon, rief ihn, ließ ihn vor sich Platz nehmen, und sogleich hob der Diener wieder den Finger und wies nach oben. Der Abt, dies sehend, brach ihm auf der Stelle den Finger. Darüber kam der Diener zum großen vollen Erwachen – dies ist, was diese Aufgabe (Kōan) zum Inhalte hat.

Beim Menschen des Tee gibt es Geräte und Gefäße, die da vor Augen gestellt und gebraucht werden; es gibt gewisse Fertigkeiten (temai) damit verbunden; der wahre Sinn der Gästebewirtung (beim Tee) ist jedoch letztlich nicht Teeschale, Teeschöpfer und anderes mehr zu gebrauchen, sondern des Tee-Gastherrn Herz lasset die Gäste den TEE genießen. Viele freilich werden ganz von den Gefäßen und Geräten hingenommen; das ist das gleiche wie mit dem Finger dort. Chüti weist zwar mit dem Finger auf die Sache, aber der Finger ist doch nur das Gerät (das Werkzeug); wenn Aug' und Ohr von diesem Finger besessen werden, so ist das eitler Wahn. Solange man sich nicht von dem Finger trennen kann, kann man den wahren Mond nicht erblicken. Buddha zu verehren, ist ganz gut; aber wenn man selbst zu Buddha wird, braucht es keine weitere Buddha-Verehrung mehr. Das wird hier gesagt. Auf den Mond mag man zeigen: zum Monde geworden, braucht es keinen Finger mehr – das sagt dies Wort (Kōan).


№ 23: Unmittelbar auf die Person deuten, das Wesen schauend Buddha werden

指人身見性成佛 ([じき][]人心[にんしん] [けん][しょう][じょう][ぶつ])

Eine Schriftrolle mit dieser Schrift wird gern bei einer Teezusammenkunft buddhistischer Art aufgehängt, Großmeister Bodhidharma’s Wesenspunkt (Groß-Augenmerk) zeigend. Fragt man nun, wie sich darüber etwas Näheres sagen lasse, so mag man sagen: Wo ist Buddha? Der Fragende, das ist Buddha, und weiter wo besonders ist (Buddha) nicht. Wie der Kurzvers Hokku(-Vers) sagt: Er sucht um sich herum die Fuki-Blüten, (Petasites japonicus) auf denen er mit seinen Füßen steht.

Das ist es. Vielleicht ist dies mit Folgendem am leichtesten zu verstehen: Der Neujahrsmorgen kommt herauf; die Nacht ist der Helle gewichen; die Raben rufen, die Sperlinge zwitschern; selbst der Schöpfeimer des Ziehbrunnens weckt mit dem ihm eignen Laut ein glückbringend festliches Gefühl. Haben Raben, Sperlinge, Ziehbrunnengeräusch eigens zum Neujahrsmorgen ein Besonderes gebracht? Gewiß nicht. Nur du in deinem Herzen bist zur Neujahrswelt geworden, und daher das Neuempfundene in Ohr und Herzen. Alle die unzähligen Erscheinungen sind Eines (Ein Herz, 万法一心). Buddha, du selbst bist Eines (Ein Wesen), nicht zwei; so ist er (samt dir) auch nicht irgendwo besonders. Das wird hier gesagt. Dieses Wahre Innerste (本心, Honshin, eigentliche Herz, Ur-Herz) ist wahrhaft ganz leer; daher mag es zum Buddha werden, zum Dämon (Teufel) werden, zur Schlange auch, zur Katze auch, zu irgend etwas werden.

Kairaishi
kubi ni kaketaru
ningyōbako
hotoke dashitari
oni wo dashitari

Sieh mal den Puppenspieler da!
Aus seinem Puppenkasten, der
am Hals ihm niederhängt, nimmt er
den Buddha jetzt, und jetzt den Teufel.

Der Mensch auch, der es wie Vogel und Getier treibt, ist zwar der äußeren Gestalt nach ein Mensch, im Innern aber ist er Vogel und Getier geworden. Um noch einen Schritt weiterzugehen, zugespitzt gesprochen: Es sieht ein Mensch die Pflaumenblüte in des Nachbars Garten und möchte sie; er streckt die Hand nicht aus, er pflückt sie nicht, doch seinem Herzen nach hat er schon Diebesuntat begangen und verfällt der Welt der hungrigen Dämonen. Diese Aufgabe (Kōan) gibt Hinweise, wie man verstehen muß, dies Buddha in eigner Person. (Vgl. Beispiele 30 und 33 des Mumonkan.)


№ 24: Tag um Tag guter Tag

日々是好日 (日々[にちにち][]好日[こうにち])

Tag um Tag wahrlich ist ein herrlicher Tag, sagt dies Wort (Kōan): solange jemandem alles vortrefflich nach Wunsch geht und er vergnügt und munter ist, ist ja keine Frage, daß Tag um Tag ein guter Tag ist. Allein in eines jeden Leben, sei er hoch oder nieder, arm oder reich, gibt es böse Tage, die drücken, und solche gibt es gar viele; es stimmt also nicht damit, daß nur lauter herrliche, schöne Tage seien, denkt man. Aber dem ist doch gewiß auch nicht so. Gerade auch diese schlechten Tage werden gute Tage genannt. Um im Bilde zu reden: der Mensch atmet ein und aus, solange er lebt; und solange er ein- und ausatmet, währt sein Leben; hört das Ein- und Ausatmen auf, so stirbt er. Gibt es einen Atem, der ausgeht, so gibt es – das ist eben der Punkt – gewiß auch einen Atem, der eingeht; und gibt es ein Einatmen, so gibt es ein Ausatmen. Gibt es den Morgen, so gibt es den Abend; gibt es den Himmel, so gibt es die Erde; gibt es vorn, so gibt es hinten; gibt es Freude, so gibt es Leid: alle die unzähligen Wesen und Dinge sind in dieser Art gebaut; hier ist ein Himmelsgesetz, dem nichts sich zu entziehen vermag. Nichts hindert also, Leid für Freude und Freude für Leid zu nehmen. Vergleichsweise gesagt: Eine Last von hundert Kwan (375 kg) drückt schwer; legt man sie ab, so fühlt man sich sehr erleichtert und hat seine Freude; aber eben in dem schweren Drücken war die Erleichterung und Freude mitenthalten; wäre der Druck nicht gewesen, hätte man auch das schöne Gefühl der Erleichterung nicht erlebt. Wie der Edle (Koji) Tesshū (鉄舟) singt:

Harete yoshi kumorite yoshi Fuji no yama
moto no sugata wa kawarizarikeri.

Ob heiter klar, ob auch umwölkt der Fujiberg –
die eigentliche Gestalt, sie ändert nimmer sich.

Vom Wesen her gesprochen, ist es eins, ob gutes Wetter ist, ob schlechtes; oder anders gesagt: Leid und Freud zusammen verschlungen (geschluckt), werde Tag um Tag guter Tag. Auch beim Tee führt nur Übung (Mühe, hartes Ringen) zum Erfolge; und Erfolg führt wieder zur Übung; vom Wesen aus gesagt: beides vereint, das ist der gute Tag!


№ 25: Auf roter Glut eine Flocke Schnee

紅炉上一點雪 (こう一点いってんゆき)

Anfang Winters, wenn man erstmalig wieder wärmendes Feuer braucht, wird eine Schriftrolle mit diesen Schriftzeichen gerne gebraucht. Im gewöhnlichen Sinne gesprochen ist es dies: Beim wärmenden Feuerbecken trinkt man den Tee und draußen wirbeln die dichten Schneeflocken. Vom Tee aus gesprochen, ist jedoch der Sinn viel tiefer.

Das Feuer im Becken ist zur roten Glut geworden, und darauf fällt eine Flocke Schnee: völlig machtlos ist sie. [Menschliche Kraft ist wie solche Flocke]. In Beispielen [die vielleicht seltsam sind] gesprochen: Der größte Räuber und Mörder kann doch nicht alle Menschen töten. Und: da ist einer, der bezahlt immer seine Rechnungen, er rettet die andern, hilft vielen; er ist im Kleinen gut; aber so er im Großen schlecht ist, ist er doch letztlich ein schlechter Mensch.

Auch der beste Mensch, Tag um Tag wirkend – lauter Gutes kann er doch nicht tun. Von hervorragenden Menschen, wahren Helden und großen Staatsmännern bringen die Zeitungen davon mancherlei.

Allein, wenn Herz und Mitte des Wesens das Große Gute wirken, dann erlischt gewissermaßen all das Kleine. Leute, die zwei Augen haben, finden ganz natürlich, daß alle zwei Augen haben. In einem Lande aber, wird uns erzählt, wohnten lauter Einäugige. Einer dachte, solch Einäugigen lebendig zu fangen und mit sich zurückzubringen und zur Schau zu stellen und großen Gewinn zu machen, und machte sich nach jenem Lande auf. Als er aber dorthin kam, wo nur Einäugige lebten und diese den Zweiäugigen sahen, riefen sie: Was für eine Rarität!, liefen herbei, fingen ihn und stellten nun umgekehrt ihn, den Zweiäugigen, zur Schau.

Das kleine Gute wird zunichte vor dem großen Schlechten. Mag ich auch noch so viel Gutes tun (noch so große Leistung vollbringen) daß immer mir vor Augen steht das Nao (das [unendliche] Noch), dies will dies Wort, dies eigentümlich tiefe, sagen.


№ 26: Wo Fūryū nicht ist, ist Fūryū

(nicht-Fūryū ist Fūryū)

不風流処是風流 (風流[ふうりゅう]ならざる[ところまた] (abweichend gem.: 五灯会元)[また]風流[ふうりゅう])

Vorbemerkung: Wort und Terminus Fūryū (Fūryū: Nelson: “taste, elegance, refinement” [Radikal 182, nicht 16]. „Das nicht auf Worten beruhende“ i. S. d. chinesischen Redensart „nicht bis 3 zählen können.“) mag man in verschiedenster Weise wiedergeben: einmal ist es Geschmack, Geschmacksrichtung; dann in den Künsten etwa Schule, Schulrichtung, und weiterhin Stil, Art, ja Kunst überhaupt; man mag es auch als das Poetische im Gegensatz zum Unpoetischen, Prosaischen umschreiben, ja endlich als das Schöne überhaupt. Man kann Fūryū auch noch weiter und anders wiedergeben – der Leser mag sich selbst die Verdolmetschung finden und dieselbe im Folgenden einsetzen.

Fūryū: This very difficult term to translate is one of the most frequently occuring expressions in the [Crazy Cloud] Anthology. It has several different meanings therein, not to mention the many meanings it has had in the hands of other poets in other times. Its component characters are fū, “wind,” and ryū, “stream” or “to flow.” If we concentrate on the different meanings of fūryū that appear in these selected translations, three meanings can be singled out. The first is the beauty of a simple rustic life. Fishermen, woodcutters, anyone living far away from the artificiality and compromise of the vulgar busy world epitomizes this kind of beauty.…
The second meaning of fūryū found often in the Anthology is still a Variation on the idea of beautiful and good but with erotic or, at least, romantic connotations. This is its sense in the poem at hand. The poem entitled “Night Conversation in the Dream Chamber” (poem № 545) presents another good example of that usage. Perhaps the difficulty of translating fūryū stems from the fact that it really has very little “meaning” but a wealth of connotation depending on the context in which it appears.
This leads to the third way in which the term is used, which is as a slang word with virtually no meaning at all but powerful connotations that escape neat definition. The closest equivalent in English is “far out,” itself slightly passé slang. It is characteristic of slang that one needs to acquire a feeling for what it means in order to understand it. … Fūryū obviously expresses approval, but when one tries to specify the grounds for that approval, one is in the mental quicksand of the kōans. … Sometimes, usages overlap, as in poem № 493, where Ikkyū applies it to Lan-t’san. Lan-t’sans not seeking fame and fortune as the act of a “free spirit” was “far out,” yet the picture of him roasting his potatoes in the open air is also fūryū in the rustic sense. Fūryū has been left without translation [in the Anthology] in the hope that the reader will acquire a feeling for the word as it is used in different contexts.

Eine Schriftrolle mit diesem Worte finden wir sehr häufig aufgehängt. Es will sagen: auch der Fūryū-Mensch, wenn er nur sein Fūryū hat, genügt noch nicht; mit diesem Fūryū ist es nicht genug. Zum Nicht-Fūryū muß es werden. Freilich, wollte man mit dem Nicht-Fūryū anfangen, so wäre das vollends verkehrt. (Das wäre wie der Vers sagt):

Ikkyū no mane shite
tera wo oi’dasare


Wollt’ es machen wie Ikkyū –
warf man ihn zum Tempel 'naus.

Tokonohana

Natürlich ist schon recht und gut, wenn einer am Ende, wie der in diesem Liedchen, wie Zen –Meister Ikkyŭ werden will; wo aber die Kraft fehlt und es wie in dem Liedchen ist, da geht es eben nicht. Nur das über das Fūryū hinausgeschrittene Nicht-Fūryū kann die Sache leisten. Solange man in dem [Stand des] Fūryū ist, kann man nur als Fūryū-Vertreter wirken; erst wenn man zu Nicht-Fūryū gelangt ist, kann man alles andre mit einbegreifend (anvermählend, 和して) in Harmonie verbindend) umfassend wirken. Welche Richtung (, ryū) auch immer jemand erlangt, so kann er nur in dieser Richtung (Schule 風派, ryūha) erfreulich, vereinend wirken; andrer Richtung gegenüber will ein Zusammengehen (eine Gemeinsamkeit, Verkehr, Austausch) nur schwer gelingen. Erst wenn er die eigne Richtung (ryūgi, Sinn, Begriff, Lehre der Richtung) abwirft und Sinn und Wollen der ändern Richtungen miteinbegreift, kann er völlig die Sache führen. Daher gilt es, zuallererst fest und völlig in der eigenen Schule (修業, shūgyū, Praxis) sein, darnach darüber hinausgehen (sie wegwerfen) und allen begegnen.

Oder anders gesagt: einer lernt in der Schule allerlei und hat jetzt viele Kenntnisse und ist ein sehr guter Schüler; aber wenn er jetzt nicht darüber hinaus ins Leben tritt und im Handel oder der Industrie sich [bzw. das Gelernte] ganz frei und selbständig (jiyū jizai) betätigt, so ist gar nichts erreicht.

Man muß in den Lebensstand kommen, wo es heißt (wie das alte Wort sagt): „Wo kein Wasser ist, ist doch Wasser.“ [Man muß zu dem (schöpferischen bzw. praktisch lebendigen) Stand kommen, da man Wasser schöpft, wo gar kein Wasser vorhanden erscheint.]


№ 27: Mit dem Herzen das Herz weitergeben

oder von Herz zu Herzen (vom Wesen zum Wesen, vom Innersten zum Innersten)

以心傳心

Man schreibt oft nur die ersten beiden Zeichen: I-shin Mit dem Herzen oder die letzten beiden Zeichen Den-shin Weitergeben das Herz, (das Herz tradieren); dem Sinn nach will dies immer dasselbe sagen. Einst versammelte Shaka alle großen Jünger (Dai-Rakan); schweigend hielt er eine Kompira-Blüte vor sich. Aber die Menge der Jünger verstand den Sinn davon nicht. Nur Kas'yapa 撉詞迦葉; jp. Kashō; pali: Kassapo.
Neumann: „Das Beiwort kumaro bedeutet so viel als der jüngere und unterscheidet ihn vom Großen Kassapo, Mahakassapo, dem vorzüglichsten der Waldeinsiedler: vergl. Mittlere Sammlung 245f.“)
Der aber immer als vorbildlicher Mönch geschildert wird: „Daher sagt einmal der Meister zu Kassapo, dem vorzüglichsten der Mönche in rauher Zucht: »Alt bist du jetzt geworden, Kassapo, beschwerlich sind dir da diese ärenen Fetzengewande, die abgetragenen: so magst du denn, Kassapo, nunmehr äusliche Kleider anlegen und dich zur Mahlzeit auch einladen lassen, und du sollst mir nahe weilen.« Kassapo aber antwortet, er sei schon seit langem ein Waldeinsiedler und preise das Waldeinsiedlertum, seit langem nehme er nur Almosenbrocken an, trage nur die drei Gewänder aus geflickten Lappen, als ein Bedürfnisloser, Zufriedener, Zurückgezogener, der Geselligkeit flieht und unermüdlich ausharrt; der da solch eine Regel beim Erwachten sich erwählt hat und anderen empfiehlt, weil sie zum eigenen Wohlbefinden bei Lebzeiten führt und zugleich auch den Jüngern zur rechten Nachfolge voranleuchtet: darum will er, aus Rücksicht auf sich sowohl wie aus Erbarmen mit den Ordensgenossen, dabei bleiben. Der Meister nun billigt auch diesen Standpunkt und sagt: »Recht so, recht so, Kassapo: vielen zum Wohle bist du ja, Kassapo, so beflissen, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und Heile für Götter und Menschen. Darum magst du denn, Kassapo, nur eben die ärenen Fetzengewande behalten, die abgetragenen, und nimm die Almosenbrocken an, und weile nur im Walde.«“
[Aus der Längeren Sammlung: Anmerkungen, S. 663. Digitale Bibliothek Band 86: Die Reden Buddhas, S. 4364 (vgl. Buddhos Bd. 2, S. 863)]) war der einzige der Anwesenden, der das (schweigende) Drehen der Lotusblume in der Hand Śakyas als „das Rad der Lehre“ richtig interpretierte. Aufgrund der geschilderten „Weitergabe gilt er als der „erste indische Patriarch“ im chinesischen Verständnis – „2. Patriarch“ wurde dann Ananda, der Vetter Śakyas, bekannt für seine Rezitation der gesamten Lehre beim ersten buddhistischen „Konzil der Fünfhundert“ (nach 483 v.u.Z.).
sah sie und lächelte. Shaka gewahrte solches und übergab daher ihm „Sinn und Wesen“ (das Letzte, Innerste) des Buddhismus. Das ist dies Mit dem Herz das Herz (das innerste Wesen, den Kern) weitergeben. Sagt auch der Edle Gempaku:

Cha no michi wa
kokoro ni tsutae
me ni tsutae
mimi ni tsutaete
ippitsu mo nashi.

Den Weg des Tee –
tradiere mit dem Herzen
tradiere mit dem Aug’
tradiere mit dem Ohre –
doch nicht mit einem einzigen Pinselstriche!

Etwas leichter (einfacher) mag es so gesagt sein (mit dem Volksspruche):

Ki ga areba
me mo kuchi hodo ni
mono o ii

Hat man etwas in dem Herzen,
spricht das Auge es, als sei’s der Mund.

Für die großen Wortfechter, Theoretiker und die Vielstudierten ist das vielleicht schwierig. Wäre es etwas aus der Prüfung für das höhere Beamtentum, so würden sie wohl trefflich Red’ und Antwort wissen. Aber mit diesem I-shin den-shin Mit dem Innersten das Innerste hat es andre Bewandtnis: gerade darin, in dem Nichts-Sagen ist der Sinn, der unsagbare, unerschöpfliche; wird dieser weitergegeben, dann ist das wahrhaft das Mit dem Innersten das Innerste. Nicht leicht ist’s; ohne Meditieren (zazen) und praktisch darum Ringen, ist dies Wort (und das in ihm Gewollte) schwer erfaßbar.


№ 28: Ein (jedes) Jahr hat einen Frühling

一歳一春有

Das Wort will offenbar sagen: Mit jedem Jahre kommt gewiß der Frühling, da alles licht und fröhlich wird. Ein simples Wort ist dies. Man mag auch für gut finden zu sagen: im Menschenleben seien gewisse Jahre der Frühling, darnach die mittleren Jahre der Sommer, die Jahre des beginnenden Alters der Herbst, das eigentliche Alter der blätterentblößte Winter; man mag sagen: innerhalb eines Tages sei der Morgen der Frühling, der Mittag der Sommer, der Abend der Herbst, die Nacht der Winter; im großen, im kleinen walten diese vier Gezeiten – worauf es uns aber ankommt, das ist: den Frühling und seine Zeit beachten! Was nämlich das Wesen des Tee ist das lebt der Bauer, auch ohne daß er darum weiß, alle Tage; niemand ist dem Tee gemäßer als der Bauer. Im Frühlingswetter sät er den Samen; den Kornregen nutzend, pflanzt er die Setzlinge aus; wird es Sommer, so jätet er Unkraut; des Herbstes Reifen wartet er ab – vortrefflich alles und jedes (unbewußt gleicht er sich der Jahreszeit an).

Beim Tee ist es nicht anders: Von dem Teebusche, dessen Tee der Chajin trinkt, werden Anfang des Sommers die Blätter gepflückt und in die Teebüchse getan; und Anfang des Winters wird diese geöffnet und des Jahres Tee erstmals gekostet.

Bei günstigem Winde zieht man die Segel hoch, bei widrigem Winde rafft man sie: geht man auf den Grund all solchen Handelns, so ist es der, dem unser Wort gilt: Im Frühling sät man den Samen; diesen Einen Frühling nutze gut! Wer dieses Frühlings Frist ungenutzt vorüberziehen läßt, dem geht das ganze Jahr verloren. Für des Menschen ganzes Leben gilt dasselbe: wer des Lebens Frühling ungenutzt vorübergehen läßt, hat für das ganze Leben unwiderbringlichen Schaden: dies ist, was unser Wort sagt. Des Einen ganzen Jahres Gestaltung liegt im Neujahrstage; des ganzen Tages Gestaltung in der Frühe des Morgens.


№ 29: Der Menschen Dinge alle sind wie das Ross des Alten von Sai

人間万事サイ翁馬

In Sai(shang) in Tang lebte einst ein Alter, der hatte ein treffliches Pferd. Eines Tages lief ihm das Pferd auf und davon: der Alte von Sai war nicht im Geringsten bestürzt. Tage darnach kam das Pferd in Begleitung eines andern hochvortrefflichen Pferdes zurück: der Alte war darüber auch nicht weiter erfreut. Nach einer Reihe von Tagen ritt der Sohn des Alten auf dem vortrefflichen Renner, stürzte und kam schrecklich zu Schaden. Aber der Alte war darüber auch nicht weiter betrübt. Da geschah es, daß die Hunnen einfielen. Die jungen Männer spannten die Sehnen und kämpften; neunzig Tote hatten die Männer von Sai. Der Sohn des Alten von Sai allein aber mit seinen gebrochenen Schenkeln konnte nicht in den Kampf; Vater und Sohn blieben sich einander erhalten. Dies ist nun zwar gar nicht, wie es japanischer Volksgeist will; aber das sei hier nicht weiter beachtet. In dieser flüchtig treibenden Welt ist es mit allem, wie mit dem Roß des Alten von Sai; nichts ist allemal so und nicht anders. (一定 , ittei, ganz und gar bestimmt, eindeutig, entschieden] Sagt man ja auch: Ist Dunkel (Yin), so ist auch Licht (Yang). In keinem Augenblicke kann man sagen: das ist das Ganze. Darauf weist dies Wort.

Der Alte von Sai (andere Form)
人間万事塞翁馬

Freud und Leid reißen den Menschen mit sich fort. Der Jubel des Sieges betäubte ganze Völker und zog sie mit sich – zu ihrem Untergang. Daß das Leid, dieses Negative, unter das Dasein Hinunterneigende, den Menschen mit sich fort in die Tiefe reißt, braucht, (denkt man) kaum gesagt zu werden. Und doch, sind nicht wir es, die in den Brunnen des Leids hinabstarren, der traurigen Süße, der lockenden, lauschend? Sind nicht die Massen, die Völker selber es, in der Trübnis und Wirrnis der Traurigkeit gegen das eigenste Selbst wütend, es zerfleischend, den Mephisto-Satz denn alles was besteht ist wert, daß es zugrunde geht kreischend jubelnd, das Leid erst wahrhaft zum Leide machend? – Der Alte von Sai ist nicht so. Der edelste Renner, den er mit Lebenssorgfalt gezüchtet, läuft ihm davon, scheint für ihn verloren. Der Alte von Sai ist wohl innerlich davon betroffen und bewegt. Aber selbst dieser größten Kostbarkeit mag er verlustig gehen – ihn selbst letztlich trifft das nicht. Nach einigen Tagen kommt das Pferd zurück und hat, O Wunder! ein anderes Pferd mit sich gebracht, wie es trefflicher kaum zu denken. Den Alten von Sai bewegt dies Geschehen, und, die Freude rührt an sein Herz. Aber sie reißt ihn nicht mit sich fort. Und wieder geschieht ein hartes Unglück: der Erbsohn stürzt vom Pferde und verletzt sich aufs unglücklichste. Aber den Alten von Sai zerschmettert dies Leid nicht. Nicht lange, so entbrennt ein heftiger Kampf mit herandrängender wilder Horde. Und sieh, gerade durch jenes Unglück, das der Erbsohn erlitten, bleibt er bewahrt. Der Alte von Sai aber bleibt im Innersten ruhig wie zuvor. – Die Griechen sprachen von Sophrosyne, zu Deutsch von der Besonnenheit, aber solange das gleichsam nur ein Moralwort ist, solange nicht das Nicht-Leben-Nicht-Tod hier hineinreicht, solange treffen wir es nicht. Die Menschen des Ostens sagen gern von ihren Helden: Nicht Freude noch Leid bewegte sie; nicht Zorn noch Jubel war auf ihrem Antlitz zu schauen fast zu stehenden Redensarten sind solche Worte geworden; und im Abendlande hat man auch oft davon gesprochen, daß der Mensch des Ostens nie seine innere Erregung oder Bewegung zeige. Sicher mit Unrecht. Soziale Schichtung, wechselnde Zeitalter haben große Beherrschtheit vielen im Osten aufgezwungen; die Sitte hat vieles geformt. Aber wo das vorgenannte Wort von großen Helden gesagt wird, da weiß ein jeder: Freude und Jubel haben diese bei der Verwirklichung ihres Lebens bis ins Tiefste ergriffen, und alle Bitternis der Pein haben sie geschmeckt. Da sieh den edelsten der Menschen zittern und zagen vor Qual und Schmach; und es ist nach uralter Anschauung des Ostens, wie sie Kung (Gespräche letztes Buch) ebenso lebt, der König der Könige, der die tiefste Schmach trägt – aber da ist etwas über Freude und Leid hinaus, und das erblicke! und sieh das Gleichnis des Alten von Sai! Da ist hier die amorphe Masse Quarz und dort der klare leuchtende strenggeformte Bergkristall das von den Steinen aus aufwärts hinauf hebe ins Menschliche, in das Volk, in die Völker und über sie hinaus!


№ 30: Eins

Das Zeichen Eins, gleichen Sinnes wie Nicht (Mu) worüber wir oben geschrieben, will sagen: Das ganze eigene Sein (Zenshin) in Eines zusammenfassen, EINS werden, ist not; das ist der erste Anfang von allem. Wenn wir Japaner eine Rechnung oder derlei schreiben und Punkt für Punkt notieren, schreiben wir immer dies Schriftzeichen Eins und dann wieder Eins. Immer kommt Eins als Erstes hervor. Das Ungeboren-Unvergängliche wahre Wesen (Hontai, das Nicht-Leben-Nicht-Tod-Wesen) ist das Eins gewordne große Urelement.

Der Mensch, in diese Welt hervorgeboren, bekommt seinen Geschlechts-, Familien- und Vornamen. Das wahre Wesen dieses Eins ist Grund und Anfang, aus dem Zwei und Drei folgen. Man kann aus diesem Eins, indem man es vervielfältigt, Zehn und Hundert machen, und kann aus jeder Zahl durch Teilung Eins erlangen. Auch beim Tee gilt solches: (Der Tee ist Eins) Anfang und Urgrund (moto) ist der Tee; mag man auch das einzelne Gerät oder Gefäß lieben, – es ist doch so geschaffen und gewählt, daß nicht der Mensch des Tees allein es nutzt und brauchen kann, sondern daß es für jederman im Tag-für-Tag-Gebrauch willkommen-unentbehrlich wird. Man mag es nur frei und ungehindert gebrauchen, so folgen tausendmal zehntausend Wandlungen daraus hervor. Dies Leitwort (Kōan) Eins ist das Allererste, und alles andere fließt aus ihm; in diesem Sinne ist es geschrieben.

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№ 31: Verdorrter Baum begegnet keinem Frühling

枯木不逢春

Verdorrter Baum treibt keine Blüten, selbst wenn es Frühling wird – das ist wie das Wort: Des Mörders Klinge, des Lebendigen Klinge (Leben und Tod gibt das Schwert; die Bösen strafen, die Guten schützen, ist des Schwertes Werk). Solange der Baum lebendig ist, mögen auch im Winter die Blätter von ihm fallen, – sowie der Frühling kommt, sproßt und blüht der Baum neu.

Man darf nicht beim Steinspiel (Go) Steine zwecklos setzen; denn soviele man auch solche setzt, diese sind und werden alle tote Steine; keinem Frühling wird da begegnet. Darum setze mit aller Sorgfalt und Entschlossenheit lebendige Steine; jeder einzige Stein hat Kraft und wirkt gewaltig. Auch der Mensch des Tees (Chajin) muß sehr auf dies Ein Zug, eine Bewegung (Jeder Zug lebendige Bewegung) achten. Die Ausländer sagen: Wenn ein Japaner einer Angelegenheit halber einen Bekannten besucht, so gibt es erst eine lange Begrüßung, man fragt nach dem Wetter und redet von allen möglichen und unwichtigen Sachen, und zuletzt, so kommt es vor, geht der Besucher wieder nach Hause und hat vor lauter anderem Reden ganz vergessen, die Angelegenheit, derentwegen er gekommen, zur Sprache zu bringen. Im Auslande, dem aufgeklärt („in der Sache klar“) genannten, hat sich die Sitte gebildet, solches Unnötige (Überflüssige) abzukürzen (bzw. ganz wegzulassen); die Zeit ist beschränkt; man bringt also das Wichtige allein vor und geht dann wieder nach Hause. Im Südklausenbericht (Nambōroku) wird gesagt: Tee solle nicht über zwei Stunden dauern; ausgenommen freilich den Fall, da das Zusammensein (das Gespräch) in Eintracht, Ehre, Reinheit erblüht.

Etwas unsorgfältig (achtlos, gedankenlos, somatsu) behandeln, das ist, wie wenn man einen toten Stein setzt: selbst wenn der Frühling kommt, kann es da kein Blühen geben – das ist, worauf im obigen Worte hingewiesen wird. [Wa-kei-ui-dan, » Kōan 10]


№ 32: Föhrenrauschen

松風

Anmerkung: Der Rauschen des Windes in den Kiefern des Bergwaldes galt als besonders schön und natürlich. Zumindest für das Ohr des chinesischen Dichters war das Geräusch des siedenden Wassers im Kessel gleichartig. Bei der formalisierten Teezeremonie wird in andächtiger Stille (innerer Sammlung) dem kochenden Wasser gelauscht.

[wörtlich: Föhrenwind] Tritt man in den Teeraum und das Wasser siedet im Kessel, so macht es ein Geräusch wie das Rauschen in den Föhren – man fühlt sich alsbald im Genienbereiche; ein schönes Gefühl ist das. Dies Wort Föhrenrauschen finden wir nicht nur auf Schriftrollen geschrieben; auch auf Teeschalen, Teeschöpfern und so fort finden wir es. Rauscht der Wind in den Föhren – ah! tönt es; und dies On (dieser Ton), das ist In (, Ursache). Die Welt ist ein Komplex von In. Wenn zwei Sachen einander gegenüber kommen, so erwächst sogleich ein In. Trifft der Wind auf die Föhre, so gibt es das On (den Ton), zugleich liegt darin ein In. Das Sprichwort sagt: Der Nichtsahnende ist Buddha (eine gute Seele). Dann sind die meisten Leute Buddha; sie ahnen nichts. Wer aber die Dinge tief sieht, gewahrt sogleich, wie die Dinge zum In werden. Und das In entfaltet sich nach den mannigfachsten Seiten, fort und fort wirkend. Zum Beispiel: ein Mensch des Auslands und einer Japans schließen die Ehe; das Kind wird eine Verbindung (Mischung) beider. Geht aber in der Folge die Eheschließung nur nach der japanischen Seite hin, so wird die dritte Generation wieder japanisch; geht sie umgekehrt fort und fort nach der ausländischen Seite hin, so werden die Nachkommen wieder ganz und gar Ausländer. Das ist: dies In ist von so großem Gewichte. Auch böse [oder: schlecht, arg, übel] Natur, die immer fort mit dem Guten zusammen sich verbindet, wird ins Gute verwandelt; und selbst der Gute, der immerfort nur mit Bösen sich mischt, wird natürlicherweise zuletzt böse. Daran ist nichts zu ändern. Deshalb ist not, dies In, welches bei dem Föhrenwind On (der Ton) ist, zu einem guten In zu gestalten.


№ 33: Des gewöhnlichen Lebens Herz und Sinn – das ist der Weg

(Was das tägliche Leben ausmacht – das ist der Weg)

平生心是道 ( (abweichend gem. 馬祖語録: 示衆云、道不用脩、但莫汚染。何爲汚染。但有生死心、造作趨向、皆是汚染。若欲直會其道、平常心是道。)[びょうじょうしん][][どう])

Des gewöhnlichen (alltäglichen) Lebens Herz und Sinn (kokoro) entspreche dem WEG (Tao), sagt der Spruch; das ist: was du allezeit tust, das ist und werde gerade das, was ein Mensch des Tees (Chajin) will. „Herz und Sinn,“ das will sagen: der Geist (seishiri); das ist in Wahrheit die im Grunde des Herzens eines jeden wohnende Kraft, Gutes und Schlechtes, Verkehrtes und Rechtes zu scheiden. Wo Verstand und Willkür diese Scheidekraft (handanryoku) zu ihrem [besonderen, eigennützig-eigenwilligen] Gebrauche an sich heranziehen, da wird der Geist in der Folge umwölkt (getrübt). Darum gilt es, kraft des (ungetrübten) Geistes des innersten Herzens, das Verkehrte, Schlechte ganz und gar auszufegen. Das freilich ist überaus schwer. Der Spruch sagt also – um es einmal leicht zu sagen: Wer nicht erzürnte, der lacht; wer nicht geirrt hat, ist der Wissende (Erwachende, satori no hito); wer Böses nicht tut, ist gut – das Tag um Tag zu verwirklichen, darauf habe acht! Das übe!


№ 34: Nicht ein einzig Ding ursprünglich

本来無一物

Dieser Spruch sagt: Ursprünglich (und im Grunde) hast du nicht ein einzig Ding (nicht das Geringste) [oder auch: Ursprünglich hast du ein einzig Ding Nicht; denn ehe du geboren worden, galt dieses Nicht; und wohin du mit dem Tode gehst, gilt dieses Nicht; und solange du nicht begreifst, daß auch während der Spanne, da du lebst, dieses Nicht das Eigentliche (Hontai) ist, hast du überhaupt noch nichts begriffen. Wer nicht in diesem Nicht-Bereiche ist, bleibt immer ein Irrender. Darum gilt es vor allem ändern dieses Nicht-Bereiches (無地, mu-chi) Wesen (Hontai) zu lernen (kenkyū-suru). Wer jedoch bei sich selbst um dieses Nicht weiß, der mag (wohl etwa auch) aufs äußerste beschimpft, beleidigt, geschmäht werden; da er doch dieses Nicht im Herzen hat, ist das alles, als schieße man in den blauen Himmel; er spürt das gar nicht; daß er gar zornig würde, kommt gar nicht in Frage. Singt der Edle Tesshu:

Sake nomeba itsuka kokoro mo harumekite
Shakkin – tori mo uguisu no koe

Trinkt man Wein, so wird man bald so frühlingsfroh!
Selbst des Gläubigers Geschrei „Geld her!“ wird Nachtigallenruf

Das ist die Weise, auf die die Sache zugeht. Wenn bei jemandem dieses elende Ding Geld (kane to iu yatsu) eben nicht ist, dann mag auch der gewaltigste Rechtspraktikus noch so sehr streiten, sich ereifern und herauspressen wollen, es kommt eben kein Geld zum Vorschein. Ein so gewaltiges Ding ist dieses Nicht, das mag man daran sehen. Nichts ist stärker als dieses Nicht. So auch der Krieger: hat er, zur Schlacht gehend, Leben und Tod vollkommen in das Nicht gestellt, so kann er im noch so heftigen Kugelregen unbekümmert still und gelassen bleiben; sowie aber nur auch im – geringsten Leben und Tod da sind in seinem Denken, so fehlt es ihm als Kämpfendem an vollkommener Treue – Leistung.

Auch für den Menschen des Tees gilt solches. Sang Abt Mu-gaku (西田無学 (1850–1918), „Doktor Nicht“):

Nanimono ka sashiagetaku wa omoedomo Dharuma –
shū ni wa ichi – motsu mo nashi.

Möcht’ ich dir so gerne etwas geben!
Doch in Dharma’s Schule haben wir ein Ding Nicht!

Im Sinne dieses Liedes muß man den Tee schmecken.


№ 35: (Monden-)Helle allhinstrahlend, Tau lichtfunkelnd

明展々露堂々 (歴々 (gem.: 圜悟語録: 僧問。明歴歴露堂堂。因什麼乾坤收不得。師云。金剛手裏八稜棒。 )[めいれきれき][]堂々[どうどう])

Der Mond strahlt hell und klar, allüberallhin dringt Licht; die schönen Tautropfen auf den Lotusblättern, auf den Gräsern funkeln – das ist, was der Spruch sagt. Das will sagen: Da ist nichts verborgen zwischen mir und dir; wenn alles wie der helle Mond, wie Tautropfen rein ist, läßt sich das Gegenüber deutlich und klar sehen und verstehen.

Daher, heißt es, ließ es vor Zeiten Ōoka, der Statthalter von Echizen, bei Untersuchungen von Schuldigen nicht zu, daß diese ihm selbst vor Augen kamen, sondern schloß die Türen (, fusuma) und untersuchte so Gut und Böse, Falsch und Recht.

Auch ein noch so großer Arzt kann, selber das Gesicht des Kranken sehend, nicht sofort daraufhin die richtige Behandlung bestimmen.

Herz (und Sinn) recht und (sach)gerecht, und aus solchem Innern heraus die Dinge schauen und dann handeln, das heißt offenbar die Sache wahrhaft verstehen.

Allein, wenn nun einer denkt: Ich bin ganz rein und klar wie der Tautropfen, hell wie der Mond, und alles ist in bester Ordnung (ich bin der große Könner), da eben befindet er sich im größten Irrtum. Nimm als Beispiel weißes Papier: ist es nur ein Blatt, ja dann ist dies Papier zweifellos (ganz) weiß, aber nimm noch ein anderes dazu, ein zweites, und vergleiche die beiden, da ist sogleich eines dieser ganz Weißen nicht mehr so weiß. Auch wenn du denkst: Ich bin der Groß-Teemeister – so wird es damit wohl sein eigen Bewenden haben. Vorerst ist diese Aufgabe (Kōan) da, die zuruft: Werde ganz lautern, hellen und klaren Geistes wie der Tropfen Tau, wie der strahlende Mond!


№ 36: Allzeit ernstlich fege und reinige!

時々勤払拭

Dies Wort sagt: Fege und reinige Tag um Tag den eignen Geist! Warum fegen und reinigen? Das ist wie bei berühmtem Schwerte: blank ist es zwar, aber Rost mag sich jeden Augenblick ansetzen. Ist das Schwert nun sehr angerostet, so bemerkt man nicht, wenn weiter Rost dazu kommt; ist es aber gut gewetzt und geschliffen, so erscheint Rost gar leicht. Eben deshalb gilt: Laß nie und nimmer Rost sich ansetzen! Das ist: Werde nicht müde, den eignen Geist zu fegen und zu läutern!

Für den Menschen des Tees gilt dies ebenso: Hat er etwas gelernt und gemerkt, so muß er sich unentwegt darin üben (feilen, sich darin schleifen). Sagt doch das Sprichwort: Hat man hundertmal eine Stelle vor sich hingelesen, so wird ihr Sinn von selber klar. Ist man (andrerseits) nachlässig gegenüber dem, was man gelernt und gemerkt hat, so mag man noch so viel gewonnen haben, es geht wieder verloren. Das ist es, wovon dies Wort redet.


№ 37: Name und Nutzen miteinander aufgeben

名利共休

Man kann von dem Menschen freilich nicht verlangen, dieses Achten auf Namen und Ruhm, auf Nutzen und Vorteil gänzlich beiseite zu lassen; es müssen doch alle etwas von diesem Namen, von diesem Nutzen haben und erlangen. Nur: den vor Augen liegenden Namen und Nutzen muß der Geist aufgeben, das ist es. Die Welt strebt nur nach dem Eignen, ihr vor Auge und Munde Liegenden, und das ist verkehrt; wer Tag um Tag sich übend müht, von diesem kleinen Namen und Nutzen loszuwerden, der kommt wunderbar zu dem Erlebnis des großen, wahren (natürlichen) Namens und Nutzens. Denken wir beispielsweise an einen Mann wie den Amerikaner Edison. Ein Mann wie Edison hat wahrlich viele Erfindungen gemacht; aber dabei hat er doch nie an sich selbst gedacht; alles hat er der Gemeinschaft, Reich und Staat zugute erfunden, daher kommt auch sein großer Name und Ruhm und, das will sagen, der für die Gemeinschaft (shakai) gar nicht zu Ende zu beschreibende Nutzen und Gewinn. Es will also hier dementsprechend nicht etwa gesagt werden: Gib ganz und gar dies Trachten nach Namen und Nutzen auf! Nur: des großen Namens und Nutzens halber gib den kleinen Namen und Nutzen auf; das ist es, was das Wort sagt.


№ 38: Kraft zu Kraft

力圍希

Bild einer Teezeremonie um 1950. Teemeister kniend links vom im Boden eingelassenen offenen Feuerbecken, Holzkohlestückchen mit Stäbchen nachlegend; der Kessel an Kette hängend darüber.
Teezeremonie (um 1950).

Den Dingen wohnt eine rhythmische Reihe (ein Takt. Man ist versucht zu übersetzen: ein Potential) inne (und man muß es mit dieser halten, wenn man mit den Dingen zustande kommen will); bei allem Transportieren von Dingen, und seien sie noch so schweren Gewichtes, werden die Dinge, wenn man es mit dieser rhythmischen Reihe hält, wunderbar leicht. Will man mit einem Ding zu Rande kommen, so setze man zuerst (gleichsam vorschußweise) ein wenig Kraft ein und füge dann Kraft hinzu und bringe noch immer weiter Kraft hinzu: nichts Abgründig-Unerschöpflicheres (soko no shirenai, bodenlos) gibt es dann als eben diese Kraft. Eines Mannes Kraft z. B. hebt einen Stein von zwanzig Kwan Gewicht; kommt aber noch ein Mann hinzu, so heben die beiden zusammen fünfzig Kwan, und unerwartet leichter kommt es ihnen vor, als da einer allein zwanzig Kwan hob. Sind sie aber zu dritt, so heben sie auf einmal mit Leichtigkeit achtzig Kwan; in dem Verhältnis, wie sie mehr werden, mehrt sich die Kraft. Nichts ist so stark, als wie diese zusammen vereinte (versammelte) Gemeinschaftskraft (danketsu-ryoku). Die Gemeinschaftskraft der Japaner, ihr Treuesinn und ihre Vaterlandsliebe ist so (außerordentlich) fest und stark; daher sind sie noch nie, auch vonseiten des Auslandes nicht, in Schmach versetzt worden.

Auch die Kraft des Wissens und der Weisheit ist eine solch eigentümliche Kraft. Es gibt nichts Abgründig-Unerschöpflicheres, nichts Rätselhafteres als diese Wissens- und Weisheits-Kraft. Im Körper gibt es doch keine besondere Stelle, wo etwa Wissen und Gedanken (sozusagen) aufgespeichert wären (und ihren Sitz hätten); wenn ich aber jemandem begegne, den ich vor drei Jahren gesehen, so weiß ich doch, er ist der und der; und was ich vor drei Jahren gelernt, das kommt mir im Denken wieder hervor – so außerordentlich wundersam ist diese Kraft. Es ist auch dieser Kraft gleichsam keine Grenze gesetzt. Diejenigen z. B., die nur einmal auf einen Sprung Tōkyō in Augenschein genommen haben, mögen von sich sagen: Wir kennen Tōkyō. Und diejenigen, welche auf die mannigfachste Weise, von einer Ecke bis zur andern, Tōkyō sozusagen studiert haben, können auch sagen: Wir kennen Tōkyō. Vergleicht man freilich die beiden miteinander, so findet man: Die, die nur einmal vorbeigekommen sind, wissen doch in allem noch nicht so recht Bescheid, sie sind unfrei, vielfach behindert; die ändern, die sich gründlich umgeschaut haben, sind in der allerbesten Lage, wissen überall Bescheid, fühlen sich ganz unbehindert. Das rührt davon her, daß sie Kraft eingesetzt und immer weiter Kraft hinzu verwendet haben.

Darum muß auch der Mensch des Tees, mag er noch so weit schon gekommen sein, doch immer noch genug hinzulernen – und zwar mehr als genug; daß er immer über das Bisher hinaus (Kraft einsetze,) Kraft hinzufüge und übe und übe – das ist des Edeln Rikyū hohe Mahnung.


№ 39: Goldhaar-Klinge, haarfeine Klinge

金毛剣吹毛剣

Man schreibt bald Kommoken, bald Suimōken, und das will sagen: schärfe und schleife den eignen Geist, so daß die Schneide, wie die Spitze eines Haares, (eigentlich) nicht mehr zu sehen ist. Mit einem berühmten Schwerte mag man völlig frei und unbehindert (jiyū jizai) jegliches schneiden und zerhauen; die Bewegung der Schneide freilich kann man dabei nicht eigentlich sehen, so göttlich-wundersam ist ihr Wirken. Auch bei einem Meister des Tees (Chajin) kann man nicht weiter unterscheiden: ist es ein Narr oder ist es ein Weiser; aber in seinem Wirken der Welt gegenüber zeigt er einen Bereich völliger Freiheit und Unbehindertheit (jiyū jizai). Das ist es eben freilich, was man erst nach Mühen über Mühen (shugyō) in sich hat.


№ 40: Geh, geh! Komm, komm!

去々来々

Das will sagen: Wenn du gehen willst, geh! Willst du kommen, so komm! Bei aller Zen-Praxis ist das Selbst der eigentliche Standort (die Mitte) und alles, was getan wird, hat als Fundament das Selber-Wollen, -Können, -Tun (jiriki); keinerlei Vorschrift ist da, die mit Gewalt dich zwingen will und sagt: Das mußt du tun! Jenes mußt du tun! Vielmehr du selbst übst Zen aus dir selbst, und zu dir selbst kehrt zurück, was du gewinnst; keinesfalls gibt es ein Mit-Gewalt-etwas-aufdrängen. Wer fragen will, der komme! Wer gehen will, niemand hält ihn auf. Daher, auch beim Tee: will einer sich dazugesellen, wohl, der komme! Mag er es nicht, so bleibe er weg! Bis ins letzte frei und ungehindert (jiyū jizai), froh und unbekümmert (kiraku), das ist, wovon dies Wort spricht.

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№ 41: KA(TSU)!

Zu diesem Schriftzeichen (, Ka(tsu) [vgl. Kōan 59])
Dieser – nicht übersetzbare Ausruf – geht auf Baso Dōitsu (709-88, bekannt für seine Kōans 30 und 33 im Mumonkan; ch. Mǎzǔ Dàoyī, W.-G.: Ma-tsu Tao-i, 馬祖道一) zurück. Popularisiert wurde er für die Rinzai Schule von Rinzai Gigen. Interessant noch das Wortspiel mit 瞎, wörtlich „ein Auge,“ umgangssprachlich wohl mit „Depp“ nicht falsch wiedergegeben, hat es in der Zen-Terminologie eine weitere, positive Bedeutung: Es bezeichnet einen Erleuchteten, der äußerlich (für den ignoranten Beschauer) keinerlei Zen-Erfahrung hat.
ist auf dem Wandbilde (oft) mehreres andere Geschriebene hinzugefügt, oder auch steht das Zeichen für sich allein. Dieses Ka(tsu) gebrauche ich, wenn ich einen, der mir gerade da vor Augen ist, schelte (heftig anfahre), wie wenn man etwa sonst japanisch im gewöhnlichen Leben Koriya yai! ruft. In der Rinzai-Richtung (des Meditations-Buddhismus) (Rinzai-Zen, basiert auf dem Studium der Kōans (von denen etwa 1700 im Umlauf sind (Fuller-Sasaki in Zen-Dust (S. 153, Anm 7), bemerkt, daß eigentlich mehr Kōans existieren. Jedoch sollte jedem, der im Ching-tê ch'uan-tê lu [jp.: Keitoku dentō roku; entstanden 1004/1011] namentlich genannten 1701 Zen-Meister je ein Kōan zugewiesen werden.). Bekanntere Sammlungen sind das Bi-yän-lu und Mu-mon-kan. Beispiele daraus, dienen auch im vorliegenden Band als Anregung [z. B. » Kōan 18]. Die Meditation über Kōans soll die Rinzai-Schüler durch stetig sich vertiefende Erfahrungen zur „plötzlichen“ Erleuchtung (悟, Satori) führen. Der Schüler wird angehalten, das Denken aufzugeben und sich bis zur Erschöpfung einem oft offenkundig bedeutungslosen Rätsel zu widmen. So werden ihm die Grenzen des Denkens deutlich und er öffnet sich einer Realität, die nicht in Worten auszudrücken ist. Die Vision ist aber nur dann befriedigend, wenn sie von einem Rinzai-Meister (Roshi) beglaubigt und das Verständnis durch schwierigere Kōans vertieft wird. Dazu wurde ein (je nach Tempel andrer) strikter „Lehrplan“ entwickelt, der die Reihenfolge der zu meisternden Kōan genau festlegt. Nach Abschluß des Kōan-Stuiums (in etwa 15 Jahren), soll der Mönch den Tempel verlassen und seinen „heiligen Fötus“ (shōtei; 聖胎) reifen lassen, bevor er selbst als Lehrer auftritt.
In China wurde die Praxis der Kōan-Meditation während der T’ang-Dynastie entwickelt, seine gegenwärtige japanische Ausformung geht jedoch auf Hakuin (1685–1768) zurück, einen Zen-Meister, der auch Dichter und ein großer Kalligraph war. Vgl. Shibayama Zenkei; Hakuinkei kanna no ichikanken; in Zengaku kenkū, № 38 (1943), S. 1-30 und Geschichte des Rinzai
)
gibt es die sog. Vier Ka(tsu), vier verschiedene Gebrauchsweisen [dieses Ka(tsu)]: zu einer Zeit ist Ka(tsu) wie des Diamant-Königs-Schatzschwert (金剛王宝剣, Kongō-ō-hōken) wieder zu einer andern Zeit ist es wie der kauernde goldmähnige Löwe (Kyochi-kommō no shishi) zu einer andern Zeit ist es wie Sondierstab und Schattengras (Tangan-eisō), wieder zu einer ändern Zeit ist das Ka(tsu) das unausgesprochene (nicht-gebrauchte) Ka(tsu), in diese vier Arten (Wege) wird (Katsu) geteilt. So ist es in Rinzai ein sehr wichtig gehaltenes Kōan. Wie das Diamant-Königs-Schatzschwert, das ist im Kōan: das eigne Wahre Wesen (Hontai) strackgerade, wie jenes Diamant-Königs-Schatzschwert ganz scharf, ganz stark. Weiter, wie der kauernde goldmähnige Löwe, das ist mit andern Worten: wie die Katze, die die Maus fangen will, sich gerade am Boden duckt, um jetzt loszuspringen, oder wie wenn man, den Feind vernichtend zu treffen, ungeheuer Munition zusammenbringt – das heißt also für den Menschen des Tees (Chajin): Übung aufs äußerste anäufend. Dann „wie Sondierstab und Schattengras,“ das ist, wie wenn man mitten drinnach etwas sucht (sondiert); also wie wnn man im Stockfinstern nach einem Grashalm sucht; beim Tee (Chadō) bedeutet das: den Dingen auf den Grund zu kommen streben und im Draufzugehen die Sache zu fassen kriegen. Und wieder zu einer Zeit „das unausgesprochene (nicht-gebrauchte) Ka(tsu),“ das ist der Bereich, da die Übung zur Vollendung geführt hat, keine weiteren besonderen Vorrichtungen (shudan, Mittel und Wege, Manipulationen) mehr not sind, die Dinge aufs beste geschehen; mit ändern Worten: die Schule ist absolviert, das Studium des Nicht-Handelns (des vollen Könnens ohne äußeres „Machen“) ist erreicht.

Nur wo diese Vier Ka(tsu) recht gebraucht werden, dringt man in dieses Kōan [Ka(tsu)] ein.


№ 42: (Dir) zu Häupten unendlichströmende Flut,
zu den Füssen unendlichströmende Flut

頭上漫々 [ずじょうまんまん] 脚下漫々 [きゃっかまんまん]

Von der Welt des schönen Geschmacks aus gesprochen, will dies Wort, mag man denken, von einer Zeit reden, da wie im Frühling alles in voller Blüte ist. Aber was dieser Sinnspruch (Kōan) will, ist: Sieh den Menschen – sein Körper ist nur etwa sechs Ellen groß; aber der denselben erfüllende Geist reicht zu Äupten in alle dreiunddreißig Himmel und dringt unter den Füßen bis auf den untersten Grund der tiefsten Höllen (Muken-naraku), die ganze Welt erfüllend. Vergleichsweise mögen wir hier Männer wie Admiral Tōgō oder General Nogi anführen: auch ihr Körper hatte sein begrenztes Maß, aber ihre innere Macht erfüllte alles, und indem jeder das Seinige erschöpfend bis zum Äußersten tat, war Verdienst und Leistung (kōseki) so gewaltig, daß jeder in der ganzen Welt, wenn man ihren Namen nennt, auch wenn er sie persönlich nie gesehen hat, voller Verehrung gegen diese Männer ist. Davon also ist die Rede: wer nicht dieser einzelne auf sich selbst beschränkte Mensch ist, sondern wer vielmehr der zu den Äupten (bis in die höchsten Höhen) strömende, zu den Füßen (bis in die tiefsten Tiefen) strömende große Mensch ist, von dessen Tun und Lassen hallt die ganze Welt wider.


№ 43: Tausend Meilen gleicher Wind

千里同風

Dieser Spruch ist gleichen Sinnes wie der oben genannte „Zehntausend Meilen Ein Eisenband“ (» Kōan 17): Himmel und Erde insgesamt sind von dem Winde erfüllt; mit andern Worten: die Wahrheit des Alls ist überall in der ganzen Welt; zu dieser Wahrheit zu erwachen, gibt es zwar die buddhistischen, christlichen, konfuzianischen und andern Schriften; aber wenn es zu dieser Wahrheit selbst kommt, sind diese letztlich nicht mehr not. Sie für Mittel und Gerät zu nehmen, in das Wesentliche einzudringen, ist gut; aber in dem, was man so Lehren nennt, steckt diese Wahrheit nicht. Wenn man nicht allererst von hier aus [nämlich daß die Wahrheit nicht im Geschriebenen, bloß Überlieferten steckt] in die Sache hineingeht, so kommt man kaum weiter. Daher haben die Ahnenmeister von allen möglichen Seiten her die Sache besprochen. Auch für den Menschen des Tees gilt Gleiches: solange er noch in diesem Ding Tee befangen ist (auf dem „Tee“ herumsitzt), ist das, was Begegnung mit der Wahrheit zu nennen ist, reichlich unmöglich; solange er nicht erst einmal dies Ding Tee durchbrochen hat (durch diesen „Tee“ ganz hindurchgestoßen ist), kann es nicht zum Verständnis (gateri) des Wesens (Hontai), wo nicht Leben noch Tod ist, kommen. Das ist, was der Spruch sagt, es vergleichend mit dem Winde, der überall und allerorten da ist und sich gleich ist. Auch das Schriftbild 破砂盆 (Ha-sha-bon) Den Sandteller zerbrechen will (letztlich) Gleiches sagen.


№ 44: Zehner-Ochse

十牛

Man sieht dies oft gemalt und jeweils Worte (Verse) dazu geschrieben; man sieht es auf Wandschirmen, Wandtüren (Fusuma) in zehn Abteilungen gemalt. Dieser Zehner-Ochse zehnmal der Ochse (牛, ushi, = Rind, Kuh, Ochse, Stier]) stellt im Bilde die Stufen dar, wie des Zen-Beflissenen Übung Schritt um Schritt tiefer wird.

Auch Shaka war erst nur ein gewöhnlicher Mensch (bompu) sagt das alte Wort; ohne Übung und Ringen wird nirgends etwas erreicht.

Dies Wesen Mensch hat seine Natur, wie der Ochse seine hat; das Herz im Tiefsten (der Herzensgrund), kokoro no moto) das ist (hier) der Ochse, und von da empor, Stufe um Stufe, von der Menschenexistenz bis zur Buddha-Existenz, das ist hier gemalt. Vom Ochsen gezogen, zum Tempel des Guten Glanzes (Zenkoji) wallend wie man oft sagt, [in diesem Sprichwort]: der Ochse, ist nichts anderes als Buddha. Eben in dieser Weise spricht diese Bildreihe.

Flötenspielender Mann auf dem Rücken eines Wasserbüffels.
Tuschebild der sechsten Stufe: „Auf dem Ochsen nach Hause reitend.“ (Teil einer Serie im Museum des kyotoer Shōkoku-ji (相国寺). Kopien von Tenshō Shūbun aus dem 15. Jhdt. der verlorengegangenen Originale, die im 12. Jahrhundert hergestellt worden waren.)

Erste Stufe: Den Ochsen suchend. Das Bild: Ein Mann hat ein Seil und blickt nach drüben. Der Zen-Schüler schickt sich an. Zen zu üben; er tut Wunsch und Gelöbnis, es zu tun. Der Mensch des Tee schickt sich an, Tee zu lernen, faßt erst den entscheidenden Entschluß; das zeigt das Bild; das Seil ist der Tee.

Zweite Stufe: Die Spur erblickend: Der Mann hat mittlerweile die Spur des Ochsen entdeckt – der Mensch hat gerade einmal ein wenig etwas begriffen; beim Tee: der Mensch hat etwa ein, zwei Sachen davon in sich aufgenommen.

Dritte Stufe: Den Ochsen erblickend: Der Mann hat den Ochsen und dessen Schwanz von hinten gerade einmal erblickt – der Übende hat ein wenig etwas vom Zen-Geschmack verspürt; beim Tee: der Mensch hat ein klein wenig Tee-Geschmack verschmeckt.

Vierte Stufe Den Ochsen vollauf erblickend (d.i. finden). Das Bild: Der Mann hat den Ochsen gefunden, nimmt das Seil und will den Ochsen mit aller Gewalt heranzerren; der Ochse ist wild, und der Mann wird nicht damit fertig. Beim Tee: Der Mensch weiß zwar schon, was es um den Tee ist, ist aber noch nicht dahin gelangt, frei damit umzugehen.

Fünfte Stufe Den Ochsen wahrhaft erblickend (d.i. weidend). Das Bild: der Ochse hat sich an den Mann gewöhnt – der Übende hat etwas Orientierung über sich selbst und sein eigenes Wesen gewonnen. Beim Tee: Selbst und Tee sind bis zu gewissem Maße eins geworden (zusammengewachsen).

Sechste Stufe: Auf dem Ochsen nach Hause reitend. Das Bild: der Ochse, den Mann tragend, frei – Wahres Wesen (Hontai) und Wahrheit des Alls sind vereint. Beim Tee ist es, da Tee und Zen Ein Geschmack sind. (» Kōan 30)

Siebente Stufe: Williger Ochse bleibt beim Menschen. Der Mensch hat den Ochsen frei gelassen, das Bild (beliebig) freien Samadhi's. Es ist, da der Übende weder des Seiles noch des Ochsen weiter besonders bedarf. Beim Tee: Teeschöpfer sind nicht weiter not; die eigne Natur ist Chajin (ein Mensch des Tee).

Achte Stufe: Mensch und Ochse sind vergessen – Bild des runden Fensters. Der Übende ist eingedenk des All-Leeren (Issai-kū). Beim Tee: zu dem Bereich ist man gekommen, auf den der berühmte Drei-Abend-Gesang weist:

Mi wataseba hana mo momiji mo nakarikeri
um no tomaya no aki no yugure.

Du blickst umher:
Blumen und roter Ahorn auch sind entschwunden,
O Abend im Herbste (einsam) an der Hütte am Meere!

Neunte Stufe: Zum (Ur-)Grund sich wendend, zum Ursprung zurück. Bild: blühende Blume. Von der Höhe des Erwachtseins zu der Erkenntnis, daß Leere Form (Gestalt, Körperliches) ist, blickend, sieht der Übende die Weiden grün, die Blumen rot (» Kōan 12), und nichts weiter anderes ist damit. Beim Tee: Tee-Schalen, Tee-Schöpfer gehören zum schönen Tee-Brauche (Cha-dō), und gar nicht zu verwerfen sind sie.

Zehnte Stufe: Der Mensch zu Hause, die Ände in den Schoß legend. Bild: Hotei oder eine ähnliche Gestalt gibt Kindern Geschenke – Der Übende hat den Buddha Stand erreicht; frei und ungehindert (jiyū jizai) lustwandelt er in der Welt – der Mensch des Tee hat den Stand erreicht, da er (wie Kung sagt) seines Herzenswünschen folgen kann, ohne das Maß (hor), das Gesetz (Dharma) zu übertreten – eine Welt (Himmel und Erde), von der der gewöhnliche Mensch nichts weiß noch kennt.

Slideshow: Zehner-Ochse

Bilder nach denen im Museum des kyotoer Shōkoku-ji (相国寺). Kopien von Tenshō Shūbun (天章周文 *?1414, † ?1444-50 oder 1463) aus dem 15. Jhdt. der verlorengegangenen Originale, die im 12. Jahrhundert hergestellt worden waren.

(Anklicken, um das nächste Bild zu sehen.)


№ 45: Geh, trink Tee!

きっ

Das ist des berühmten Abts „Yūeh-chou von Tang“ Wort (Kōan): als jemand an die Tür des Abts klopfte (um Meditationsanweisungen im Zimmer des Abtes zu erhalten), rief er alsbald: Geh, trink Tee! und das ist dieses Teetrinkens („Geh, trink-Tee's“) Anfang. In sehr alter Zeit, ehe die Teeweise im einzelnen festgelegt war, ward dieser TEE zu herrlichem Erwachen (zu wahrem innerem Erlebnis).

Was Zen ist, das ist ursprünglich weder in Predigten noch in Reden noch in Schriften zu finden; all diese Dinge wie Predigten, Reden, Schriften sind etwas Vorherberechnetes (und Ausgedachtes); Mundwerk sind sie; was aber das Tatsächliche betrifft, so gilt das Wort: Der Unenthaltsamste ist der Arzt (welcher immer davon redet, daß man sich von diesem oder jenem enthalten müsse); der Ausschweifendste ist der Bonze – man ist am weitesten entfernt von wahrer Wirklichkeit, wenn man sie im Munde führt. Dies Geh, trink Tee! will eben gar nicht dies Um-die-Dinge-herumgehen, sondern jetzt, auf der Stelle, trink einen Schluck und wisse, wie es um den Tee ist, und dieser Tee wird zum großen Erwachen, und außer diesem gibt es kein Erwachen.

Teezeremonie-Utensilien in Kästchen aus hellem Holz.
Teezeremonie-Utensilien.

Ein Frommer (Koji) redete einst gar herrlich vor einem Zen-Meister über die Geduld. Nichts Herrlicheres, sagte er, hat doch der Mensch als die Geduld. Geduld – wer das kann, der vermag alles in der Welt. So? dachte da der alte Meister und schlug mit der Tabakspfeife, die er in Änden hatte, dem über die Geduld Vortrag haltenden Fromme hart auf den Kopf. Da veränderte sich dessen Gesichtfarbe, und rot vor Wut zürnte er So mir nichts, die nichts einen zu hauen, ist doch der Gifel der Frechheit!. Da sagte der alte Meister zum Frommen: Nun sehe ich also, was diese Geduld ist. Elender Jähzorn ist sie. Da kam jener zum ersten Mal, wird erzählt, zum Wissen (erwachen) um die wirkliche Geduld.

Diese chinesische Form ist die ursprüngliche: Geh! im Sinne der Aufforderung, etwas zu tun, nahezu gleich komm! haltenden Frommen, hart auf den Kopf. Da veränderte sich dessen Gesichtsfarbe, und rot vor Wut zürnte er: So mir nichts dir nichts einen zu hauen, ist doch der Gipfel aller Frechheit! Da sagte der alte Meister zu dem Frommen: Nun sehe ich also, was diese Geduld ist. Elender Jähzorn ist sie. Da kam jener zum ersten Mal, wird erzählt, zum Wissen (Erwachen) um die wirkliche Geduld.

So spricht dieses Wort (Kōan) von wahrem wirklichem Wesen. Denn in allem und jedem gilt dies: nichts taugt, wo nur Worte es sind und die Wirklichkeit fehlt.


№ 46: Schranke (des Tores)

Dies ist der berühmte (yakamashii) Kōan, über welchem der Begründer des Daitokuji, Landesmeister Daitō, (Der Tempel, = Ryūhōzan [龍寶山], wurde von 1315-25 von Shūhō Myōchō [宗峰妙超] auch Daitō Kokushi [大燈國師, 1282–1337], Schüler des Nampo Jōmin [南浦紹明, 1235–1308], unter der Schirmherrschaft der Hanazono- und Go-Daigo-tennō errichtet. Einer der hiermit verbundenen Mönche war Ikkyū. Im 20. Jhdt. wurden auch westliche Übende in den Tempel aufgenommen, darnter Ruth Fuller-Sasaki und Irmgard Schlögl.) dreizehn Jahre geforscht und dann das Große Letzte Erwachen erlangt hat. Was dieses Große Letzte Erwachen anlangt, so gibt es freilich allerlei Erwachen (satori, Wissen). Zum Beispiel, allgemein ist etwas gerade einmal interessant (lustig, omoshiroi) oder es ist traurig. Diese eindrucksmäßigen Empfindungen werden leicht aufgenommen, werden aber ebenso rasch wieder vergessen. Nur wenn die Eindrücke äußerst tief sind, z.B. äußerst traurig oder äußerst interessant, bleiben sie für immer. Da es mit dem Großen Letzten Erwachen derart ist, so gilt es über noch so viel (anderes Erwachen, Wissenswertes) hinaus ringend zu reifen; ein Wissendwerden (Erwachen) aus bloßer Klugheit oder kleinem Talente hilft hier gar nichts. Das Zeichen 關 Kan kommt von dem Grundwerke Mu-mon-kan (Nicht-Tor-Schranke, Torloses Tor; 禅宗無門關) und so spricht man auch von Kan-Sammai (Kan-Samadhi (Sammai „Das Vergessen von Gehör und Stille“ (d. i. Überwinden der drei Schranken [vgl. Mu-mon-kan 47: „Tou-shuai’s drei Schranken“]) ist nicht gleichbedeutend mit dem samādhi. Es wird während der Zazenübung erreicht, ist jedoch noch nicht das volle satori (» Koan 1 Anm: „Wilder Füchse Zen“).)) und angesichts des Mu (Nicht, vgl. Kōan 18) spricht man von Mu-Samādhi; und jenes die Eiche im Hofe, dem Wesen (mi) nach Baum der Erleuchtung (Bodai-ju, Linde) oder Drei Pfund Hanf – diese alle sind Kōans gleicher Natur (gleichen Sinnes) und weichen nicht weiter besonders voneinander ab.


№ 47: Wissen um das Genug

知足

Wissen um das Genug will sagen: Wisse, daß du reichlich hast! In dem „Zehnfachen Kommen“ in des Erhabenen Shaka’s Großgefährt heißt es:

Reichtum und Fülle kommt von Mitleid und Barmherzigkeit
Segen und Tugend kommt von (der Pflege) der Wurzel des Guten
Freisein von Krankheit kommt vom Glaubensherzen
Liebe und Ehre kommt von Langmut und Geduld
Wissen und Weisheit kommt von Reinheit des Herzens
Hoher Stand kommt von (edler) Sitte und Ehrfurcht
Kurzes Leben kommt von Töten des Lebens
Kranker Leib kommt vom Unreinen
Armut und Elend kommt von filzigem Geizen
Blindheit erleiden kommt von Brechen der Gebote.

Um ein Beispiel hier anzuführen, so wird hier gesagt: „Reichtum und Fülle kommt von Mitleid und Barmherzigkeit“ – mag einer noch so arm sein, wenn er in der Kälte am Wege ein armes Mädchen trifft, das für Geld den Vorbeikommenden (Wahrsage-)Auskunft geben möchte: Ach! denkt er, in dieser Kälte! ein so junges Ding! und dann zu einem so (nichts einbringenden) Geschäft hierher kommen! das muß einen doch erbarmen! und nimmt aus dem Busen ein klein wenig Geld und gibt es ihr freundlich – wenn es auch noch so wenig ist, indem er es gibt, ist er mit einem Male zu dem Wissen um das Genug gekommen; ich habe genug; ich kann den Leuten geben – dieser Sinn ist in ihm geboren. Reichtum und Fülle hat er erlangt. Umgekehrt aber, mag er noch so reich sein und hat nicht dies Gebenkönnen und strebt unzufrieden in seinem Teil, mit immer tieferem Begehren weiter und weiter, so mag er zwar als Mensch reich sein, er weiß aber nichts von seinem Reichtum, und seine Welt ist im Grunde die Welt eines armen und bedürftigen Mannes.

Wer also fühlt und weiß: „Wie es heute (gerade) ist, so ist es wirklich gut“ das ist: wer für den heutigen Tag zum Wissen um das Genug gekommen ist, und wer auf diese Weise Tag um Tag fühlt und weiß, daß, wie es ist, es recht und gut ist, – für den wird das ganze Leben recht und gut. Das beste Zaubermittel gegen Seekrankheit, heißt es, ist sich mit der Bewegung des Schiffes in gleicher Weise zu schaukeln – sowie Schiff oder Körper sich trennen (etwas für sich Besonderes wollen), wird man seekrank. Eben auf solche Weise erlebe, was da auch kommt, heute und wieder heute, das Selbst nicht getrennt vom Anderen! Dann bleibt aller Kummer (kurushii to iu koto) fern, und der Gedanke eines Ungenügens kommt überhaupt nicht auf.


№ 48: Gestern grün in Jahren, heute weisses Haupt

昨日青年 今日白頭

Das will heißen, wie die Schriftzeichen (und die Worte) es sagen: gestern war man noch jung, heute schon ist man ein alter Mann mit weißhaarigem Haupte. Vom Tee zu sprechen, so ist ja nicht weiter schlimm, wenn man ihn zu einer Vergnügung im Alter macht und dann zu einer Art Teegenuß (Tee-Andacht, Cha-sammai), kommt, oder wenn man Frauen und Mädchen in den Formen und Gebrauchsweisen des Tees unterrichtet; man mag das also ruhig tun; aber (wenn etwas erreicht werden soll und wahre Meisterschaft erreicht werden will), ist es unerläßlich, daß der junge Mann sich schon in der blühenden Kraft der Jugend damit befasse; Tee und Zen als Ein Geschmack müssen geschmeckt werden (das Starke, Ernste, Feste muß hervordringen); wenn man damit im eignen Berufe tätig ist, so wirkt ein Element (Genso), das die Dinge außerordentlich fördert. Wenn man aber diesen sog. Tee zu einem bloßen Tee-Vergnügen (zur bloßen Tee-"Kunst") macht und auf diese Art immer weiter hineindringt, so kann es geschehen, daß man eben um des TEE willen des eigentlichen Hauptgebiets (Honryo, des Lebens selber) verlustig geht. So soll es aber gewiß nicht sein. Den Tee schlürfend, zum Sinn (Dort) des Weltalls erwachen, soll eben zum Element(Sairjō) werden, das dem eigenen Hauptberufe hilft. Daher ist not, sich schon von jungen Jahren an damit zu befassen. Ist man erst ein alter Mann geworden, so gilt, was das Sprichwort selbst von den Himmlischen sagt: Fünf Hinfälligkeiten, Acht Leidensbitternisse – auch der Mann, der heute noch in größter Kraft und Blüte dahinlebt, wird unausweichlich, alt geworden, krank und siech und geht dahin und stirbt; viel rege sein und tun läßt sich im Alter nicht mehr. Darum, so wird gewünscht und wird erhofft: in jungen Jahren, wo noch Kraft und Mut und Eifer (鋭気, eiki) überströmen, werde man mit TEE wahrhaft vertraut.


№ 49: Berg ruft Banzai!

山呼万歳声 ([やま][]万歳[ばんぜい][こえ])

Watzmann
Der Berg ruft!

Eine Schriftrolle mit diesem Zen-Worte wird bei glücklichen Gelegenheiten aufgehängt, und auf den ersten Blick sieht es aus, als ob dies Leitwort (Kōan) sage: der Berg ruft Lebe-hoch (Banzai)! Dem ist aber nicht so. Sagt der zu einem Gemälde hinzugeschriebene Vers des Abtes Sengai:

Toshi akete ikutsu naruka Jūrojin?
Wieder ist ein Neujahr da – wie alt bist du, Glückesgott des ewig-langen Lebens?

Zähle die Jahre (des Alters) Buddhas! wird oft dem in das Gemach (des Meisters) zwecks Meditation Tretenden von dem Meister als Aufgabe (Kōan) gegeben.

Es rasteten einmal auf Übungsreise übende Mönche (雲水) vor dem Tore eines Tempels und debattierten gewaltig über Weg und Weise der geistigen Schau (Zen-dō). Da kam vom Innern des Tempels ein Mönch und sagte: Ich sehe, Ihr seid alle sehr bewandert in der geistigen Übung (Shugyō); ich möchte nur einmal etwas fragen: ist der Stein da vorn außer Euch oder in Euch (außerhalb Eures Herzens (kokoro), Eures Geistes, oder innerhalb)? Oder, [was das Gleiche etwa beim Tee wäre]: Sind Teetopf und Schale, die du vor dir gewärtig beim Teebereiten brauchst, außer dir oder in dir? – Da wurden die versammelten Mönche alle sprachlos – baff und wußten nicht, was erwidern, und wurden zuletzt dieses Mönches Schüler und kamen zu rechter Übung. So wird erzählt.

Den Stein aber laß am besten, wie er ist (tada ishi sono mama); er ist weder in dir noch außer dir.

Es sei noch ein anderes Beispiel angeführt. Vor dem Tore eines Tempels ward ein Banner errichtet, und, die es sahen, debattierten eifrig darüber, ob das Banner sich selber bewege oder ob der Wind das Banner bewege. Da kam Zen-Meister Huinung [Hui-neng], der sechste Patriarch (der Zen-Richtung) hinzu und sagte: Bewegung des Banners ist es nicht, Bewegung des Windes nicht; Eures Herzens (kokoro) Bewegung ist es. Da sagten die anderen wie aus Einem Munde: Natürlich, so ist es! und sie begriffen. So wird erzählt. Ursprünglich ist, was hier Herz genannt wird, ein Absolutes-Ohne-Willen(-noch-Absicht) (絶対無意, zettai-mu-i, völlig blank). Sieht es den Berg, so sollte zwischen Berg und Herzensspiegel rein gar nichts dazwischen sein; ruft er also Banzai, so ruft er eben; und im Tee rufen dann Teetopf, Teeschale, Teeschöpfer und alle andern Sachen Banzai! Hat man erfaßt, was da gemeint ist, so hat man auch die Jahre des Alters des Glücksgottes des Langen Lebens oder die Jahre Buddhas rasch gezählt. Daß Berg und Ich Eins sind (ittai, Ein Körper, Ein Wesen), ist freilich überaus schwer wirklich zu erfassen.


№ 50: Dreißig Prügel

三十棒

Diese Aufgabe ist gleichbedeutend mit dem, daß Meditationsmeister Süd-Himmel-Prügel (Nanten-bō) von Westpalast (Nishi-no-miya) immer [mit einem großen langen Pinselzuge] einen ungeheuren Prügel zeichnete – alles Kleinzeug zerschmetternd heißt es da – und in dem zu dem Bilde beigeschriebenen Verse schrieb:

I o eru mo
Nantenbō
I o ezaru mo
Nantenbō

Wenn ich mein Wollen erfüllt –
(bin ich) Nantenbō –
wenn ich mein Wollen nicht erfüllt –
(bin ich) Nantenbō –

(Das ist) ob ich mein wahres rechtes Sinnen fortzusetzen vermocht, ob ich es nicht vermocht – so bleibt doch nichts anderes übrig, als, unbekümmert um Kleinzeug, immer voranzuschreiten. Freilich gilt es darauf zu merken, daß es nicht heißt: das eigene eigenwillige (eigensüchtige) Sinnen fortzuführen, sondern das wahre (rechte) Sinnen. Im Zehn-Satz-Kwannon-Sutra zur Verlängerung des Lebens (Emmyō-jūku-kwannon-kyō D.i. die ch. Version (觀音經延命十句觀音經) Kumārajīva’s des XXIV. Kapitels des Saddharma-puṇḍarīka-sūtras. Engl. in: Suzuki Daisetz; Manual of Zen Buddhism; S. 30-8 Der Sensōji [浅草寺] hat einen Miniaturdruck mit Gold auf blauem Papier im Format 75 ⨉ 17 mm herstellen lassen.) heißt es:

Kanseon Namu Buddha und andre Buddha's! En-verbunden andre Buddha! En- verbunden Buddha-Dharma! En- verbunden Ewige Freude (Jōraku)! morgens sinne (bete) ich mit reinem Herzen (zu) Kanseon, sinne abends Kanseon; Sinnen, Sinnen kommt aus dem Herzen; Sinnen, Sinnen läßt nicht vom Herzen.“

„Sinnen, Sinnen lässet nicht vom Herzen“ das ist wie das Volkslied singt:

Omoi dasu yo de o horeyo ga asai
omoidasazu ni wasurezu ni

So lang ich an meine Geliebte noch denken könnt', war meine Lieb' nicht tief zu ihr;
Ohne an sie zu denken
(immer an sie denken) …
ohne sie zu vergessen (das ist die Lieb').

Ferner: Dies dreißig (dreimal zehn) will sagen ein ganzes Leben; auf Tee-Schalen, Tee-Schöpfern, (Tee-) Blumenvasen und ähnlichem findet man oft die Aufschrift Drei-Tausend-Ruten; und diese Welt wird volkstümlich die Drei-Tausend-Welt(en) genannt; wenn man einmal dafür „Dreißig Prügel“ schreibt, hat das alles den gleichen Sinn. Das wahre Sinnen muß man mit allen Kräften fördern und halten; wenn man einfach (achtlos) drauflos geht, fällt man wie von selber in gesteigerte Ichsucht und Selbst-Hoffart; auf dem Wege des Zen haben diese nichts zu suchen. Reist man durch die Wüste, so sieht man oft und wieder, erzählt man, eine Fata Morgana; läßt man sich durch sie verleiten, so gibt es nicht Weg noch Rückkehr mehr. Unverwandt den Stein(zeich)en oder Kamelspuren nachgehend oder nach den Sternen sich richtend, erreicht man das Ziel der Reise. Wenn man also den Weg einmal hat, dann nicht abweichen, sondern unablässig das Wahre Sinnen fortsetzen, oder anders: dem, ehe Vater und Mutter geboren, ursprünglichen Sein dreißig Prügel geben – dann erst geht es. Auch im Tee wird, wenn man erst das Wahre Sinnen, d. i. die Wahrheit (Shinri) ergriffen hat und darnach Tee trinkt, der Tee wahrhaft lebendig: ohne äußerstes Lernen geht es aber nicht. Der Edle(Koji » Kōan 1) Shukwō hat, wie bekannt, unter Zen-Meister Ikkyū, der Edle Rikyū unter Abt Kokei, der Edle Gempaku unter Abt Jōgen und ebenso haben die alten berühmten Teemeister alle, dies Wahre Sinnen fortzusetzen (und zu fördern), Zen geübt und eigens in Cha-dō (Tee-Weg) Unterweisung empfangen.

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№ 51: Föhre tausend Jahre grün

松樹千年翠 (松樹[しょうじゅ]千年[せんねん][みどり])

Dieses Leitwort (Kōan) gehört zusammen mit dem „Der Föhre Farbe hat nicht alt noch neu“ [» Kōan 13]. In jenem Lied des Zen-Meisters Taiko (大赬)

Arashiyama
hana no sakari ni
kite mireba
matsu o nokoshite
tsumoru shira yuki

Schaut man des Wildbergs blütenvolle Pracht,
So ist’s wie tiefverschneiter weißer Schnee,
Der nur das Grün der Föhren frei noch lasset.

und in dem Verse des Hai(ku) (Beachte:
To express oneself,
in seventeen syllables,
is very diffi…

)
vom Heiligen Basho

Matsu de me o
yasumete yuke yo
Yoshino – yama

Auf (grünen) Föhren lass' die Augen ausruhn,
So du durch Yoshino’s Berge gehst
[So überwältigend ist die weiße Pracht der Kirschbaumblüten]

wird die Pracht der Blüten hochgepriesen. Fallen aber die Blüten, so wird es gar einsam, und dann wendet sich das Herz (der Menschen) (von den Kirschblüten) den Glyzinienblüten oder den blühenden Schwertlilien zu, immer dem nachsetzend, was (gerade) in Mode (und in der Pracht) ist; kaum daß ein Augenblick vorüber ist, ist das Herz schon wieder zu einem ändern übergegangen und würdigt auch keines Blickes mehr, was eben noch ihm hoch und köstlich war.

Sieh des Edlen Rikyū Tee-Weise (茶法式, Cha-hō-shiki): Bis heutigen Tages in der Shōwa-Ära hat sie sich, nach wie vor, fort und fort erhalten. Das ist dies „Föhre tausend Jahre grün.“ Läßt sich freilich einer dabei von Geräten, Gefäßen und all den andern Sachen gefangen nehmen (und hinreißen), dann ist es, wie wenn er Modesachen nachjagt. Wie Rikyū in dem Liede der Hundert Gedichte sagt:

Cha no yu to wa
tada yu o wakashi
cha o tatete
nomu bakari naru
to shirubeshi

Zu wissen ist:
Cha-no-yu ist nur:
Wasser kochen,
Tee bereiten,
trinken.

Einzig, Tee zu trinken, muß das Ewig – Unveränderliche sein. Sagt das Zen-Wort: „Spielt man mit Sachen, so verliert man das Eigentliche (本心, das innerste Herz, Hon-shin) wahrhaft im höchsten Maße bedauerlich ist, wenn man dies Eigentliche, das das Wichtigste ist, verliert.

Was das „grün“ betrifft, so ist es, wie der Leitspruch sagt:

"Kansui tannyo ran" (潤水湛如濫. Der Satz stammt aus Abschnitt 82 des 碧巌録.)
„Schluchtwasser ist voll tiefem Blau.

Wasser ist zwar durchsichtig – farblos; strömt es aber in der Schlucht, zeigt es sich tiefblau. Auch die Luft ist durchsichtig; blickt man aber auf den Himmel, so ist da das Blau. Bei der Meditation (Zen-dō) ist es der Kern (道力, die innerste Kraft), beim Tee ist es die Person (jinkaku), und so spricht man [immer] von der naturgegebnen Farbe.


№ 52: Eine Blume erblüht, und du weißt um den Frühling der Welt;
Ein Blatt fällt, und du weißt um den Herbst der Welt

一花開天下春 一葉落天下秋 (一花]いっか]]ひら]いて天下]てんか]]はる]なり 葉落ちて天下の秋を知る)

Dieses Leitspruches erster Teil wird im Frühling, der zweite Teil im Herbste als Schriftrolle aufgehängt: gehn die Blumen auf, so schmeckt man die Welt (Kibun, Atmosphäre) des Frühlings; fällt ein Blatt, so empfindet man den Herbst; so wird (hier) gesagt. Aber eigentlich ist man mit diesem „Blumen erblühn, und man weiß, daß es Frühling ist; Blätter fallen, und man weiß, daß es Herbst wird“ (jedesmal) weit hintennach. Singt der Edle Rikyū:

Hana o nomi
matsuran hito no
yama-zato ni
yuki na no kusa no
haru o shirabaya

Ihr, die ihr nur auf (Frühlings) – Blumen harret –
Am Bergdorf unterm Schnee der (frischen grünen) Gräser Frühling,
Schaut ihr ihn?

In diesem berühmten Liede des Edlen will gesagt sein: Indes niemand es noch sieht, unter Lasten von Schnee, bereitet sich die Welt des Frühlings vor, ja ist schon da.

Auch ist da das Zen-Wort: Greift man ins siedende Wasser, ist da noch eine (eis)kühle Stelle (Kakutō yū reisho) nach dem Vollmond nimmt der Mond ab, wie der Volksmund sagt: Nach der Fülle kommt die Leere. Daher man denn bei der Teebereitung, wenn man mit dem Wasserschöpfer (mizusashi) Wasser herbeibringt, nur acht Teile oder neun Teile (von zehn) voll füllt – sehr eigentümlich (omoshiroi) ist dies und ist wert, daß man es durchschmecke (darüber gründlich nachsinne).

Bei allen Dingen ist gut, etwas zurückzuhalten (und nicht die ganze Kraft herauszulassen), wird gesagt.

„Fällt ein Blatt, so weißt du, daß es Herbst,“ – dies ist nichts Anderes als das Natur-Urprinzip (shizen no shinri), daß nach der Fülle die Leere kommt.

Und betrachtet man alle Dinge, bis dahin, wo sie zum Gelingen (zur Verwirklichung) gebracht sind – der Bitternis und Mühung, wo niemand es sah, Wirkung und Ergebnis ist die uns vor Augen erscheinende Blüte. Großmeister Bodhidharma sah unverwandt auf dem Shao-shih-Gipfel (BYL: Schau-shï) des Sung-shan neun Jahre gegen die Wand, das ist: neun Jahre übte er, der Wand gegenüber, in Stille, Meditation (Bodhidharma brachte der Tradition nach vor allem das Lānkavātara-Sūtra [erste Übersetzung ins ch. 443] in den Ch’an ein. Daraus folgt auch die nonverbale Übertragung des des Dharma (ishin-denshin, Kōan 27)
vgl. Suzuki, Daisetz (1966); Studies in the Lānkavātara-Sūtra das in zahlreichen Ausgaben erschienen ist.
)
(zazen). Danach erfaßte dann der zweite Patriarch Großmeister Huiko (太祖慧可, jp.: Eka, 487-593. Weitere Fundstellen zu ihm BYL I: 40, 42, 265, 315, 468; II: 168, 272, 274, 281.) das Eigentliche Wahre Wesen (Hontai) ganz und gar, wie es in den Worten („Schriftzeichen“) „Mit dem Herzen das Herz tradieren; keine besondere Lehre aufstellen“ dargelegt wird; und in sechster Generation erschien der große Meister(大篤, Dai-toku) Zen-Meister Hui-nëng, (jp.: Roku-so E-nō, siehe Kōan 2 Anm.) und von da an wurde Zen immer mächtiger und blühender –

Mempeki no ushiro sugata ya
hana no haru.

Zur Wand hinstarrend unverwandt (versunken) die Gestalt –
Dahinter (unbemerkt) der Lenz erblühet

Bodhidharmastatue in ocker glasierter Robe mit charakteristischem Kopf, betonten Augenbrauen und Bart vor zerklüfter Felswand.
Bodhidharma meditiert beim Felsen (Furnaceville, Kentucky, 2009).

Das ist: diese neun Jahre der Wandversunkenheit haben außerordentliche Tugend (, toku, Wesenskraft, Gutes) aufgehäuft, und dieses verborgene Gute (陰篤, in-toku) kam, als seine Zeit gekommen, zu vollem Vorschein.

Allein, um von diesem verborgenen Guten zu sprechen, so hatte ja Kaiser Wu von Liang für den Großmeister Dharma einen herrlichen Tempel errichtet und fragte nun den Großmeister Dharma: „Wenn der Kaiser derart Gutes aufgehäuft hat, was für ein Verdienst kommt ihm dann zu?“ Großmeister Dharma erwiderte auf (Kakutō yū reisho) der Stelle: „Kein Verdienst (無功篤, mu-kudoku, Nicht-Verdienst. vgl. BYL I 37. Schon allein wegen unterschiedlicher Lebenszeiten kann ein solches Treffen nicht stattgefunden haben, zur Entwicklung der Hagiographie Bodhidharmas vgl. McRae, John; Seeing through Zen; Berkeley 2003; ISBN 0-520-23797-8.)“ – Das ist: man mag noch so sehr gute Werke („gute Wurzel,“ zen-kon) und verborgenes Gutes (in-tokii) aufäufen – sowie man etwas für sich behalten will, ist es aus damit (dame). Das ist: indes man nichts davon weiß, erblüht des Natürlich-Guten Blume.

Um von dem Guten (toku) des Zazen (In-Meditation-Sitzen) zu sprechen, so trägt Zazen viel zu Geistesübung und – Stärkung bei und ist ein Weg (, ho), in das Reich des Ichlosen (Selbstlosen) einzugehen, und wo Kōan (Leitworte, Aufgaben) gegeben werden, und man kommt zu unverwandter Versenkung in den Kōan (公案三昧, Kōan-Sammai) und geht in das Schauen (禅定, Zenjo, Dhyāna) ein, so ist dies gut; aber in diesen Bereich einzugehen, ist reichlich schwer; die allerverschiedensten Wahnvorstellungen (忘色) und verkehrten Gedanken und Meinungen drängen sich heran, es kommt einem auf einmal in den Sinn, daß man vor drei Jahren dem Nachbar drei Maß (sho = 1,8 l) Kleinbohnen geliehen hat und der sie noch nicht zurückgegeben hat. Mit solcherlei kann man natürlich nicht zur unverwandten Versenkung (Samadhi) kommen.

Siehst du die Blumen, weißt du um den Frühling; fällt das Blatt, weißt du um den Herbst – das ist, wie ja auch das Lied Rikyū’s es dartut – daß sicher nichts zufällig geschieht, sondern daß das auch noch so Verborgene wie von selber offenbar wird (und hervorkommt).


№ 53: Berges Farbe reinen-lauteren Wesens

山色清浄身 (山色]さんしょく]]あに]清浄身]しょうじょうしん]]あら]ざらんや)

Dies Zen-Wort sagt: Wenn das Wesen (die Person, der „Leib“) gereinigt ist, erscheint die Farbe der Berge von selbst rein und klar. Unter den 48 Grundsätzen des Mumonkan [» Kōan 3] ist hier (hergehörig) das Leitwort (Kōan) Chao chou's: „Wasche die Schale! [浄鉢]“ Ein Mönch kam zu Abt Chao-chou, sein Schüler zu werden und sagte: „Ich bitte gebt mir etwas Unterweisung!“ Der Abt fragte: „Hast du (den Reis) schon gegessen?“ worauf der Mönch antwortete, er habe (den Reis) schon gegessen. Der Abt fragte, ob er denn auch die Eßschale schon gewaschen habe, worauf der Mönch sagte, das habe er noch nicht getan. „Dann wasche zuerst die Schale und dann komm!“ Was will das sagen? Viele bitten den Zen – Meister um eine Aufgabe (Kōan) und vermögen schlagfertigwitzig und gescheit darauf zu antworten, und doch ist der Teemeister es nicht zufrieden (yurusanu, 'erlaubt nicht') – „gesteht nicht [wahre Meisterschaft, bzw. wahres Fortgeschritten – sein dem Betreffenden] zu“). Warum? Solange einer nicht seinen (ganzen) bisherigen Schmutz genugsam weggetan und den Bereich des Reinen Lauteren (清浄, seijo) erreicht hat, da (all das andre) weggeworfen ist, mag er noch so oft in das Gemach des Meisters zum Zen gehen – der Meister ist es doch nicht zufrieden (yurusanu).

Tosanu wa
tosasu tame no,
michibushin.

Daß ich immer noch nicht dich (die Straße) passieren lasse,
Ist, dich passieren zu lassen,
Straßenreparatur (die ich für dich tue).

Das ist eben der Sinn (ritai) des Wasche die Schale! Chao chou's; er will dich deinen Geist waschen und reinigen machen. Wenn bei der Teebereitung der Gast Yu (heißes Wasser, bzw. Tee) wünscht und man die Teeschale zuerst mit Yu (füllt und dann) ausschwenkt, mit dem Teetuch auswischt und, um den Geruch des Teetuchs (der vielleicht haften geblieben sein könnte) zu tilgen, nochmals Yu in die Teeschale gießt und ausschwenkt, und darnach aufs neue Yu eingießt und dann dem Gaste darreicht, so wird hier große Mühe darauf verwandt [die „Schale zu waschen“]: wahrhaft reiner Tee ist es (der damit angeboten wird).

Färbt man z. B. etwas, so muß zuerst der Untergrund völlig rein sein, dann erst läßt sich wirklich gut Farbe aufsetzen. Alles läßt sich dann trefflich färben. Oder, man will Wasser in eine Flasche tun: ist schmutziges Wasser in der Flasche, so mag man noch so sehr reines Wasser darauf gießen, das Wasser in der Flasche bleibt schmutzig. Wenn einer sich Magen und Darm verdorben hat, gibt der Arzt erst ein Abführmittel, welches Magen und Darm ausfegt; erst darauf läßt er dann heilende Arznei schlucken. Das bloße negative Gereinigtsein tut es also auch nicht (bzw. nicht immer). Es gibt Fälle, da ist es, wie das Sprichwort sagt: Im reinen Wasser wohnen keine Fische. –

Mehrere Daruma-Figuren bei der Verbrennung in einem offenen Feuers.
„Tote Figuren sind sie.“ Verbrennung von Daruma-Puppen in einem japanischen Tempel (2018), eine Otagiake genannte Zeremonie.

Iro no sekai ni iro naki hito wa
kibutsu, kanabutsu, ishibotoke.

In einer Welt der Farbe Menschen ohne Farbe
(Das) sind Holz – Buddhas, Metall – Buddhas, Stein – Hotoke

Tote Buddha(figuren) sind sie. Auf dem Gereinigten (清浄身, seijo-shin) (oben darauf und über es hinaus) bedarf es noch dringend der FARBE (色気): Shaka wollte diese Welt zu Buddha bringen; Kung wollte diese Welt zum Edlen, Berufenen bringen; Rikyū wollte diese Welt zum Tee bringen. In diesem Sinne ist hier von FARBE die Rede.

Gut, gut müssen wir dies (gerade dies) verschmecken und müssen üben und ringen.


№ 54: Wedel

拂子

Dies sieht man oft auf einem Hängebild, und ein Gedicht ist oft dazu geschrieben. Wenn man in der sommerlichen Meditationshalle in Meditation sitzt und die schrecklich vielen Mücken und Insekten die Übung stören wollen, so wedelt man mit diesem Wedel und kann damit wundersam die störenden Insekten vertreiben, ohne welche zu töten. Dies „ohne zu töten, vertreiben“ – das ist dies Prinzip. Beispielsweise, es tritt ein Räuber ein und den Umständen zufolge kommt es dahin, daß er einen Menschen tötet, und dem Morde zufolge wird der Räuber des Todes schuldig; bin ich aber in Vorbereitschaft und lasse es gar nicht dahin kommen, daß der Räuber mich tötet, so wird er auch nicht des Todes schuldig. Mag ein Feuer ausbrechen, so braucht doch daraus kein großer Brand zu werden, wenn man nur im vornherein darauf genugsam vorbereitet ist. Sagt doch der Volksmund: Wenn das Begräbnis vorüber ist, spricht man vom Arzt (den man hätte rufen sollen oder können). In dieser Richtung liegt das Wundersame des Wedels. Wenn der berühmte Edle Okayama Tesshu, hoch ein Meister in der Schwertkunst, sagte: Nichts geht über die Schwertkunst-ohne-Schwert, so weist dies auf dasselbe hin.

Da sind im Teegemache Blumen in die Vase gesteckt – nicht nur zum Ansehen sind sie da; da ist auch das Sinnen, das Innesein (nen) des Schönen.

Oder, um es nocheinmal anders zu sagen: Für morgen bin ich zum Tee geladen und ich werde gewiß zur Tee – Gesellschaft gehen; in Wirklichkeit bin ich noch nicht zur Tee-Gesellschaft gegangen; morgen werde ich gewiß gehen – dies eben ist das Innesein.

Gesetzt ein Räuber will einbrechen, so bricht er ja nicht auf der Stelle ein, sondern hat sich die Sache vorher genügend überlegt, und dann kommt er; bis er aber hereinkommt, sinnt er zwar das Böse, hat aber noch nicht absolut die böse Tat getan; wenn nun dies Herz mit seinem bösen Sinne immerfort nach der Seite des Guten hin gewendet wird, so kann von selbst das böse Sinnen nicht dagegen aufkommen: das ist die Wahrheit (das Gesetz, Prinzip dōri), wovon hier die Rede ist; religiöses Lehren und Wollen (shūkyō, 'Religion') wird wichtig. Auch hat dieses Sinnen, das im Herzen ist, zwar nicht sichtbar äußere Form, ist aber von ungeheurer Kraft.

Wie der Wedel die Insekten vertreibt, so vertreibe alles nur immer aufkommende böse Sinnen, daß du auch nicht andere in Unannehmlichkeiten und Irrnis bringest: darauf sei allezeit aufmerksam dein Herz gerichtet! Das ist, was hier gesagt werden will.


№ 55: Gott

Eine Schriftrolle mit dem Schriftzeichen „Gott“ (Gottheit, Götter) wird bei Feiern mit Anbetung (sairai) und ähnlichen Anlässen aufgehängt.

Kami no to o hirakite mireba nusa bakari
mairu kokoro zo kamt zo mashimasu.

So du die Türen (des Schreins) des Gottes öffnest und siehest –
Heilige weiße Opferstreifen nur sind zu sehen –
In dem Herzen, das andächtig nahet, wohnt Gott.

Wer Gott gläubig sein Herz zuwendet, der empfängt gewiß. Denn er reinigt und läutert den eignen Geist, und so tritt sein innerstes Wesen ('Herz') zutage und kommt in Einklang mit dem (Großen) Wesen (自然) und dem Gesetz des Himmels. (天理, tenri)

Auch heißt es:
Willst du bittend (und betend) es erzwingen – Gott nimmt aufdringliche (hirei, unanständige) Bitten nicht an.
Sie bleiben unerhört.

Du gehst zu dem Zen-Meister zur Meditationsstätte – auch da gilt Gleiches. Auch wenn er dir von seiner Erleuchtung nichts Besonderes gewährt, so hast du doch einen Schritt weiter voran getan, wie das Volkswort sagt: Nicht getroffen, aber doch näher gekommen.

Und wenn du beim Tee wahrhaft und wirklich Tee schmeckst, so hast du dementsprechend auch Wesenswirkung. Tee ist Freund langen glücklichen Lebens. Es mag dies Wirkung (toku) aus eigner Kraft genannt werden, aber doch ist es dies allein nicht. Denn beispielsweise, ehe wir geboren werden, haben wir schon von den Eltern empfangen, und wenn wir geboren sind und es wird uns nicht alsbald Sorge und Hilfe zuteil, so sterben wir; und auch späterhin, in Schule und Unterricht, entsprechend der Natur und dem Können eines jeden, oder in den Bemühungen, für den eigenen Beruf tüchtig zu werden, oder wenn wir den Spuren großer Meister folgen, müssen eigne Kraft und fremde Kraft miteinander wirken; wie das Wort sagt:

Eigen und fremd gleichermaßen, In diesem Leib Buddha.

Buddha ist es, Gott (Kami) ist es. Aber wie das Wort sagt: Eine hundert Ellen Stange hinaufkletternd, geh an der Spitze noch einen Schritt weiter! – nenn es eigne Kraft, nenn es fremde Kraft! auch im Tee gibt es äußere Strömung und gibt innere Strömung und gibt allemöglichen Strömungen, Formen und Verhaltungsweisen; aber über dies alles hinaus noch eine Stufe höher, da thront Gott. Sagt das alte Lied:

Nanigami no owashimasu ka wa shiranedomo
tada arigatasa ni namida kobururu.

Welcher Gott hier weilet (und verehrt wird), weiß ich nicht
Nur: vor Dank und Ehrfurcht fließt die Träne.


№ 56: Föhren rauschen an den mond-erglänzten Wassern

江月昭松風 (江月[こうげつ][]らして松風[しょうふう] (Letztes Zeichen emendiert aus 証道歌.
„Strom – Mond (über weiten Wassern erglänzender Mond) strahlt über Föhrenrauschen.“ Zu Shōfū vgl. » Kōan 32.)
[]
)

Auf den Wassern weithin hell strahlender Mondenschein trifft auf herrliche rauschende Föhren – (ein höchstes Schönes wird durch ein zweites höchstes Schönes erhöht) so entsteht ein unsagbar Schönes. Es ist die Welt des Rein-Echten Absoluten (無相, Mu-sō) Groß Vollkommen-Rund-Spiegel-Wissens; wie das Wort sagt: Weißes Roß springt in die Blüten des Schilfes (Hakuba roka ni iru, 白馬入茵花), oder wie in noch anderem Worte gesagt wird: Weißer Reiher auf dem Schnee. Es ist jener allerhöchste Bereich, da Himmel und Erde lückenlos eins werden. Es ist das, wenn Kung (Konfuzius) sagt: Mit siebzig Jahren konnte ich meines Herzens Wunsche folgen, ohne das Maß zu übertreten. Nur durch unablässiges Bemühen ist die Meisterschaft erreichbar.

Kokoro naki mi ni mo aware wa shirarekeri
shigitatsu sawa no aki no yugure.


Im herbstlichen Abend
Am verlassenen Riede
Sah eine Schnepfe ich
Auffliehn aus den Wassern
Da kam über mein Herz,
Das fern sich wußte
Von allen menschlichen Leidenschaften, (Kokoro naki mi (心なき身) über mich, der ich (sozusagen) ohne Herz war.)
Doch eine Rührung …

Auch Einen solchen Kandō-jin (der freien heiteren Muße Lebenden) also wie den Dharma–Meister Saigo, der auf höchster Stufe des Lernens und Wissens steht (setsugakumu-i), frei von eignen Wünschen und Begierden, überkommt ein Rühren.

Die Götterschildkröte (霊亀曳尾, Reiki o o hiku
Abgeleitet aus der Geschichte bei Dschuang-Dsi (XVII, 10), in der Übersetzung von Richard Wilhelm (1912):
Die Schildkröte
Dschuang-Dsi fischte einst am Flusse Pu. Da sandte der König von Tschu zwei hohe Beamte als Boten zu ihm und ließ ihm sagen, daß er ihn mit der Ordnung seines Reiches betrauen möchte.
Dschuang Dsi behielt die Angelrute in der Hand und sprach, ohne sich umzusehen: „Ich habe gehört, daß es in Tschu eine Götterschildkröte gibt. Die ist nun schon dreitausend Jahre tot, und der König hält sie in einem Schrein mit seidenen Tüchern und birgt sie in den Hallen eines Tempels. Was meint Ihr nun, daß dieser Schildkröte lieber wäre: daß sie tot ist und ihre hinterlassenen Knochen also geehrt werden, oder daß sie noch lebte und ihren Schwanz im Schlamme nach sich zöge?“
Die beiden Beamten sprachen: „Sie würde es wohl vorziehen, zu leben und ihren Schwanz im Schlamme nach sich zu ziehen.“
Dschuang-Dsi sprach: „Geht hin! Auch ich will lieber meinen Schwanz im Schlamme nach mir ziehen.“

Die Götterschildkröten wurden zu Orakeln benutzt. Auf der Rückseite der Schalen wurden Einschnitte gemacht, die angebrannt wurden. Aus den Rissen, die so entstanden, wurden die Orakel abgelesen. Gute Orakel spendende Schildkröten wurden sorgfältig aufbewahrt. Am Kaiserhof in Nara bestand seit der Taika-Reform (645/702) eine „Kanzlei für Mantik“ [Onyō-ryō, 陰陽寮], die derartige Orakel durchführte. Das Schildkröten-Orakel ist noch in moderner Zeit Teil der Inthronhsationszeremonien der himmlischen Majestät.)
schleppt den Schweif nach, sagt man. Wenn sie nämlich, Eier zu legen, auf das Land steigt, so verwischt sie mit dem Schweif die Spuren, wo sie gegangen ist. Allein die Spuren, wo sie mit dem Schweif verwischt, bleiben zurück. So auch wäscht man mit Seife alles aus der Wäsche heraus; allein der Geruch der Seife bleibt doch darin, und solange man nicht diesen auch herausgewaschen hat, kann man nicht sagen: die Wäsche sei ganz rein. Hier ist also die Rede von jenem schwer zugänglichen Bereiche, den nur der wirklich Erwachte sein nennt. Ein Teemeister (Chajin, Mensch des Tee), der noch nach Teemeister riecht, dem man noch äußerlich anmerkt, daß er Teemeister ist, das ist noch nicht der wirkliche Teemeister. Hier sind große Schwierigkeiten. Da ist etwas wie in dem Gedicht mit Bild eines Paradezugs von Shoku-sanjin. (蜀山人)

Konna mono kau de nai zo to hitobito ni
shimeshi – nagara mo wāre wa kaitashi.

Sage ich den Leuten: Kauft sie nicht („Kauft sie nicht!“ „Geht nicht zu solcher Frau (solchen Frauen)!“)!
Aber selbst im Herzen möchte ich sie kaufen.

Dieser Bereich des Rein-Echten Absoluten (無相, Mu-sō) ist eine Welt! [天地], von der die andern Menschen nicht wissen, und die nur der wirklich Erwachte hat.


№ 57: Mild Wetter weist auf reiches Jahr

和気兆豊年 (和気[わき]豊年[ほうねん][きざ]す)

Wenn das Wetter gleichmäßig mild (harmonisch, in Eintracht, WA ) ist, und in guter Weise (entsprechend) fortgeht, gibt es, wird gesagt, ein reiches (fruchtbares) Jahr. Dieses „Mild“ (Eintracht, WA) stellt der Edle Rikyū an den Anfang seines (berühmten Grund-Mottos aller Teekunst) „Eintracht, Ehre, Reinheit, einsame Stille (siehe Kōan 10): wenn der Gast das Herz des Gastgebers weiß und spürt, und der Gastgeber das Herz des Gastes [» Kōan 06], dann ist dieses WA erfüllt.

Auf den Straßen der Stadt kommen und gehen an Einem Tage Zehntausende von Menschen und unzählige Wagen und Karren, ohne daß sie aneinander stoßen; sie geben sich gegenseitig Raum (sie gehen aufeinander ein, sie kennen das WA). Wo aber dies Einverstehen nicht ist, da erhebt sich alsbald Streit. Auch in Haus und Familie ist das nicht anders. Sieh den Tanz: Sänger, Lautenspieler, Großtrommelschläger und die mit der kleinen Trommel Tanzenden – alle sind aufeinander eingestimmt in edler Ordnung, und erst so gelingt das volle Spiel. Sieh das Heer: unter dem Einen Oberbefehle des Kommandierenden bewegt sich eine Heeresmacht von Vielzehntausenden frei und ungehindert (jiyū jizai). Das kommt daher: Der gemeine Soldat kennt das Herz des Kommandanten, und der Kommandant kennt das Herz des Soldaten. Die Frucht der Eintracht (des WA) zeigt sich. Das Wesentliche aber ist, daß jeder Einzelne unermüdlich bei seiner Sache ist und alle insgesamt die göttliche Bestimmung (den Himmelsberuf 天職, tenshoku) erfüllen, so wird, aus gleichen Gründen, die ganze Welt in Eintracht eines; … weist auf reiches Jahr – das ist die Wirkung. Allein die Eintracht (WA) – wie das für alles Üben und Vorwärtsschreiten gültige Grundwort Eintracht, Ehre, Reinheit, einsame Stille sagt – ist aus der einsamen Stille geboren. Auf sie vor allem gilt es zu achten.


№ 58: Tor auf! Viel fallendes Laub

開門多落葉 (]もん]]ひら]けば落葉]らくよう] (letztes Zeichen emendiert gem. 無可「秋寄従兄賈島」)]おお]し)

Wenn es Spätherbst wird, gibt es im Freien viel fallendes Laub, und so auch in dieser treibenden Welt gibt es lästigen Staub genug, man mag wischen und kehren und wieder wischen, man wischt schwer alles weg, zuletzt bleibt gar nichts andres übrig, als die Blätter wegzukehren, wie sie gerade fallen (den Staub wegzuwischen, wie er fällt). Blätter und Gras, sagt man ja, gibt es ohne Ende.

Singt der Landesmeister Großleuchte (Daitō Kokushi):

Satorinaba shijo gojō no hashi no ue
Yuki-ki no hito wo mi-yama-gi ni shite. –
Wer verstanden hat (Erwachen hat)
Mag auf Vier-Block- oder Fünf-Block-Brücke (Shiiō-, Gojōbashi, die belebtesten Brücken der Hauptstadt (Kioto).
Holzschnitt Gojōbashi
„Reisende auf der Gojōbashi.“ Farbholzschnitt von 1863 aus der Serie Tōaidō meisho fūkei von Utagawa Yoshimori (1830–1884).)

Gehende und Kommende wie Bäume
In den tiefen Bergen schauen.

Sieh den Spiegel! Alles spiegelt er wieder, und doch bleibt keine (trübe) Spur zurück. Trotz alles Wiederspiegelns (Erhellens) ist doch kein Haften (und Verhaftetsein).

Te ni toru na
yahari no ni oke
renge gusa.
Nimm sie doch nicht in die Hand!
Laß sie auf dem Felde, wie sie stehen,
Diese Herbstesgräser! –

Sagte einmal einer, der um Geld spielte, zu einem Zen-Meister: Wenn ich gewinne, freu' ich mich gewaltig; wenn ich verliere, grämt es mich gewaltig; gibt es kein Mittel, daß dieser Gram und Kummer überhaupt nicht aufkommt? Wenn ja, so lehrt es mich bitte!Nichts leichter als das, sagte der Zen-Meister. – Wie ist es damit? Auf jeden Fall lehrt es mich doch! bat der Spieler. Sagte der Zen-Meister: Ob Ihr gewinnt, ob Ihr verliert – denkt immer, es gehöre Euch. Wenn Ihr verliert, denkt, Ihr habt es zum Aufheben gegeben. Wenn Ihr gewinnt, denkt, Ihr höbet es selber auf.Ja, das ist's, sagte der andere und begriff erstmals, wird erzählt. So also stehen die Dinge, und diese (treibende) Welt ist wie Ein- und Ausatmen, wie Tag und Nacht; sobald man an Einem davon haftet, entsteht Schmerz und Kummer. Auch läßt sich, solange wir leben, Schmerz und Kummer nicht völlig vertreiben. Man muß das alles unbekümmert zusammen nehmen („schlucken“), wie es gerade ist; das ist das Beste.

Auch für den Menschen des Tee gilt Ähnliches: Neigt er allzusehr zu (Tee-)Formen und Gebräuchen, so wird er leicht steif und doktrinär und löst sich von der natürlichen (menschlichen) Gesellschaft.

Suteta ki de
suterarete iru
kusa no io.

Grashütten – Einsiedler, du denkst:
Die Welt hast du verlassen, und dabei
Hat dich die Welt verlassen! –

Leicht kommt es dahin, wovon dieser Scherzspruch spricht. Wie Ein- und Ausatmen gilt es zu verstehen, daß, wie das Wort sagt, viele Gesetze oft heißt keine Gesetze.

Mit fallendem und abgefallenem Laube muß man gar wohl zu leben wissen.


№ 59: Den Felsen durch Ka! Ruf öffnen

喝石巌

警策

Dieses Leitwort (Kōan) findet sich vielfach einem Bilde beigeschrieben, und auf dem Bilde ist dann (die bekannte Geschichte) gemalt: ein gewisser Meditationsmeister Tang’s (Chinas) ruft gegen einen Stein (den Meditationserweckungsruf) Ka!, und krach! spaltet sich der Stein.

Das sieht nun freilich einem Zaubermeisterstückchen nicht unähnlich, ist aber doch nicht so zu verstehen: Dieses Leitwort (Kōan) will sagen – um hier zunächst vom Tee zu reden: Übung und Vervollkommnung lehre und weise die Menschen so freundlich auf sie eingehend und so zuvorkommend, daß auch der Stumpfeste sich dem Verständnis zu öffnen vermag.

Auf dem Yodogawa fuhren einst, zwischen Ōsaka und Kyōtō verkehrend, die sog. Dreißig-Koku-Schiffe. Wenn sie bis Hirakata gelangt waren, kamen Schiffe von Händlern heran; wenn diese ihre Sachen an die Fahrgäste verkauften, schimpften und redeten sie derart gemein, daß jeder andre sich am liebsten die Ohren zugestopft hätte. Die Fahrgäste aber fanden die Sache geradezu belustigend, und, in Naniwa (Ōsaka) angekommen, bewirteten sie noch überdies diese Schiffsleute aufs beste und zuvorkommendste. Es dauerte nicht lange, da waren diese groben Leute wie angesteckt („gefärbt“) von feiner städtischer Sitte, sagten immerfort unter Verbeugungen und Verneigungen „Wie Sie wünschen!“ „Gewiß!“ „Gern!“ („Hai hai!“) und hatten das ihnen eigene Schimpfen und gemeine Reden vergessen. So wird erzählt. Wo auf solche Weise Lehre zu erteilen geachtet wird, da muß es selbst einen, der wie ein Stein ist, mittelst des ihm eignen Sehens und Wissens zum Leben erwecken und ihn bewegen. Das sagt dieses Leitwort (Kōan).

Naku koe no yoki mo ashiki mo oyadori no
oshie ni zo yoru yabu no uguisu.

Nachtigallen im Gebüsch, ob ihre Stimme
Herrlich klingt, ob häßlich, kommt nur
Von der Eltern Lehren.


№ 60: Jahr und Monat warten auf den Menschen nicht

歳月不待人 (歳月]さいげつ]]ひと]]]たず)

Dies Zen-Wort wird gern am Jahresende und bei ähnlichen Gelegenheiten gezeigt, als Schriftrolle (Kakemono) aufgehängt; auch in Rahmen gefaßt kann man es oft sehen.

Shiroku naru mono to wa miezu araigami.
Das frischgewaschne (jugendliche) Haar
Sieht gar nicht darnach aus, als würde je es weiß.

„Neujahr – ein Meilenstein zur Schattenwelt,“ sagt Meditationsmeister Ikkyū: Kaum daß wir darum wissen, gehen Jahre und Monate dahin – Achtloser, schon tönt die Abendglocke, und auch dieser Tag ist fruchtlos dahingegangen! Meditationsmeister Hyakujō (E-kai; ch.: Bai-dschang Huai-hai, 720-814. Fundstellen zu Hyakujō E-kai im BYL I: 70, 115, 218f, 223f, 233-5, 292, 373, 388f, 422, 441- [26. Beispiel, ausführlich], 471f, 483, 493, 512, 524; II: 27, 40, 130, 139, 202, 308, 331f; III: 39-. BYL2: 23, 70, 155, 158f, 174-7, 215, 224, 228-30, 292, 31-21, 371f, 375-82, 424-6) tat Landarbeit, wenn er Muße hatte; die Mönche, die seiner warteten, ließen durch Knechte die Geräte wie Pflug, Hacke usw. verstecken; der Meister, der die unerläßlichen Geräte nicht vorfand, ließ notgedrungen diesen Tag die Landarbeit ruhen; er aß aber auch diesen Tag nichts; die Mönche um ihn konnten daher auch nicht anders, als diesen Tag nicht essen und hatten nicht geringe Beschwer. Dies „einen Tag nicht arbeiten, einen Tag nicht essen“ ist in Zen ein gewaltiges Wort; es ist das Gleiche, wie wenn Abt Seigan den Koji Gempaku anweist: Fauler Bhiku, warte nicht bis morgen! [» Kōan 5]. Den Tag, den einen Tag nimm überaus wichtig! Das will hier gesagt sein.

Wenn der Mensch jedoch immerfort nur arbeitet und in Spannung ist, so ertragen das Körper und Seele nicht. Auch die Spannerraupe lockert ihre Spannung; indem sie sich gleichsam zusammenschrumpfen läßt und darnach streckt, spannt sie sich, und so kommt sie voran. Diese Lockerung, das ist im Menschlichen die schöne Entspannung (yoyu): in dem vom Himmel dir gegebenen Berufe (天職, tenshoku) strenge deine Kräfte aufs äußerste an; aber zu Zeiten auch den Geist zu erquicken (shuyo), schaffe dir Muße mitten im Drange der Arbeit! schlürfe den Tee! schlürfe! (genieße!)

Solch edle Entspannung ist von außerordentlicher Wichtigkeit.

Eine Waage, deren Gewichtsgrenze hundert Kwan ist, taugt nicht dazu, 150 Kwan zu wiegen; innerhalb hundert Kwan mag man frei und leicht (jiyū jizai) darauf wiegen. Die Entspannungsmöglichkeit (yoyu) reicht bis 100 Kwan; wenn mehr darauf gewogen werden soll, muß auch die Entspannungsmöglichkeit größer sein. Wenn also auch gesagt wird: Jahr und Monat warten nicht auf den Menschen, so bedeutet das nicht rücksichtslos drauflos zu arbeiten (und die Kräfte verbrauchen), man muß auch schlafen, aufstehen, essen und trinken und dann arbeiten – in der Tat inhaltstief ist dies Wort (Kōan).

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