Ablauf der Teezeremonie

Der Teeweg bedeutet ein Leben in einem umfassenden ästhetischen Genuß, dessen Zentrum das Teetrinken in einer Versammlung und die sich dabei vollziehende Handlung steht. Die dabei zur Verwendung kommenden Geräte, Blumengestecke, Bildrollen, Gärten, Baulichkeiten, wie auch die hierbei noch gereichten Getränke und Speisen ordnen sich dem Gesamtsinne harmonisch unter.

Um eine Idee vom Ablauf der Teezeremonie zu geben, wird nachfolgend Bechreibung aus dem Jahr 1936 – also z. Zt. von Bohners Übersetzung – wiedergegeben. Verfaßt wurde diese von Lilly Abegg, Ostasienkorrepondentin der Frankfurter Zeitung, die am 19. November 1937 vor den anrückenden Japanern aus Nanking floh. Sie stand insgesamt der japanischen „Kultur“ – nicht jedoch dem Nationalsozialismus – kritisch gegenüber.
Das (leicht gekürzte) Zitat stammt aus ihrem Yamato – der Sendungsglaube des japanischen Volkes; Frankfurt/M. 1936 (Societäts-Verlag), S. 170-83 (Das Werk findet sich in der „Liste der Bücher die [1933-45] nicht angezeigt werden durften“ der deutschen Nationalbibliographie):

Will man über den Zen-Buddhismus etwas erfahren, der von jeher eine so große Rolle in Japan gepielt hat, so wird man am besten einen buddhistischen Tempel aufsuchen, um sich die berühmten Meditationen „anzusehen“. In einer großen dämmerigen Halle, die mit japanischen Strohmatten ausgelegt ist, sieht man überall am Boden kniende Gestalten, vornübergebeugt, wie im Gebet. Einige sind umgefallen und scheinen zu schlafen. Ein Tempeldiener geht durch den Saal und versetzt ihnen erfrischende Püffe. Nach einer Weile kommt er wieder, um die Neueingeschlafenen aufzuwecken. Für die meisten Anwesenden scheint der Schlaf ein dringenderes Bedürfnis zu sein als die tiefen Meditationen des wachen Geistes.

Bekanntlich ist der Schlaf von jeher der größte Feind der Meditationen gewesen – und vor vielen Jahrhunderten waren es buddhistische Mönche in China, die den Tee entdeckten und bei ihren nächtlichen Uebungen zu trinken pflegten, um nicht einzuschlafen. Die Mönche lehrten das Teetrinken alle Gläubigen, bis es schließlich bei allen Kulturvölkern der Erde eingeführt wurde. Die Mönche entdeckten auch sehr rasch die heilsame Wirkung des Tees. Spätere Forschungen haben ergeben, daß der Tee – jedenfalls der grüne Tee, der in China und Japan getrunken wird – viele für den Körper nützliche Stoffe enthält: Alkali, Eisen, Mangan und Vitamine. Die Mönche priesen das neue Getränk also mit gutem Grund als ein Geschenk der Natur.

Buddhistische Mönche waren von jeher besonders ästhetisch veranlagt und kunstliebend. Sie erhoben das Trinken des Tees, dieses Naturgeschenks, zu einem Kult, sie erfanden die Teezeremonie. In China selbst ist sie nicht über die Anfänge hinausgekommen, in diesem großen verwöhnten Reiche war sie eine Modesache wie so manches andere auch. Ein buddhistischer Mönch brachte den Kult des Teetrinkens aber nach Japan, wo er sich im Laufe von mehreren Jahrhunderten entwickelt und verfeinert hat, bis er schließlich der nationale Kult Japans geworden ist. Die japanische Bezeichnung „Cha-no-yu“ bedeutet wörtlich: „heißes Wasser des Tees“, wird jedoch immer mit Teezeremonie übersetzt.

Die Zeremonien sind oft be­schrie­ben worden. Ein Diner geht ihnen voran, aber das Tee­trinken ist die Haupt­sache. Zum Brauen des Tees benutzt man ge­pulver­ten Tee und nicht Tee­blät­ter, so daß das Getränk einer Erb­sen­sup­pe in Far­be und Kon­si­stenz gleicht [Fn.: In Japan lebende ausländische Gourmets haben entdeckt, daß sich eine ausgezeichnete Eis­creme daraus machen läßt). Es gibt eine dickere Art, koi-cha genannt, und eine dün­ne­re, die man usu-cha nennt. Die er­stere wird am Anfang der Zeremonie ge­nos­sen, die letztere ge­gen das Ende. Der Tee wird auf eine unnatürlich langsame Art und Weise gebraut und getrunken; jede Bewegung ist durch einen kom­pli­zier­ten Code von Regeln festgesetzt.…
Für einen Europäer ist die Zeremonie langatmig und be­deu­tungs­los. Wenn man ihr mehr als einmal bei­wohnt, so wird sie un­er­träg­lich monoton. Nicht mit einem orien­ta­li­schen Fonds von Geduld geboren, verlangen wir nach etwas Neu­erem, Leben­di­gem, nach etwas, das we­nig­stens einen Schein von Logik und Sinn hat. Aber die Teezeremonien wurden nicht für uns geschaffen. Wenn sie jene unterhalten, für die sie ersonnen wurden, so unterhalten sie sie, und man braucht weiter nichts mehr darüber zu sagen. Auf jeden Fall ist ein Tee mit Zeremonien vollkommen harmlos, was mehr ist, als man von einem Tee mit Klatsch sagen kann. … Wenn die Tee­ze­re­mo­nien auch keine „Phi­lo­so­phien“ ver­körpern, wie manche ihrer Bewunderer sagen, so haben sie doch wenigstens in ihrer spätesten Form zur Reinheit in der Kunst beigetragen. Viele mögen sie für nichts­sagend halten. Niemand kann sie aber als vulgär brand­mar­ken.
Basil Hall Chamberlain; Allerlei Japanisches.

Es ist nur eine Spielerei mit Worten, wenn man darüber streitet, ob die Teezeremonie ein künstlicher Kult oder eine kultische Kunst ist. Sie gehört zu den japanischen Künsten im weiteren Sinne, zu jenen Künsten, die es nur in Japan gibt, wie auch die Kunst des Blumeneinsteckens, die Kunst des Gartenbaues und einige andere Künste, die Japan mit China gemeinsam hat.

Die Schlüsselstellung, die das Handwerk in der japanischen Kunst einnimmt, erstreckt sich vornehmlich auf die praktische Seite, auf die Gebrauchskunst. Eine ähnliche Stellung nimmt im Geistigen die Teezeremonie ein. Jedenfalls ist auch sie ein Schlüssel zum Verständnis der japanischen Kunst, aber ein sehr schwieriger.

Die erste japanische Abhandlung über den Tee verdanken wir der Tatsache, daß ihr Verfasser, der buddhistische Abt Eisai, seinem Herrn, dem jugendlichen und anscheinend recht ausschweifenden Shogun von Japan, Minamoto-no-Sanetome (1203-1268), den reichlichen Weingenuß abgewöhnen wollte. Eisai beschreibt nicht nur die heilsamen Einflüsse des Tees auf die Gesundheit, sondern gibt zugleich genaue Vorschriften über die Zubereitung und die Art, wie man den Tee trinken müsse. Und zwar erhebt er das Teetrinken zu einer religiösen Handlung mit Gongschlagen und Weihrauchbrennen. Bis zum heutigen Tag hat die Teezeremonie etwas von diesem religiösen Ursprung bewahrt. Immer noch wird Weihrauch dabei verbrannt. Und es gilt als besonders angemessen, die Gäste durch die Schläge eines Gongs in das Teezimmer zu bitten.

Als Va­ter der Teezeremonie betrachten die Japaner den buddhistischen Abt Shogu, dessen Herr, der Shogun Yosimasa, alle seine Regierungsämter niederlegte, um sich ausschließlich einem künstlerischen Leben zu widmen; er baute den Silberpavillon in Kioto, wo er zusammen mit dem Abt das verfeinerte Rituell des Teetrinkens erfand. Damals schon wurde die Größe des Teezimmers genormt. Seit jener Zeit ist es immer vier und eine halbe Matte, ungefähr 3 mal 3 Meter, groß gewesen. Shogu und sein Herr waren auch die ersten, die auf Kunst und Stoffechtheit bei der Auswahl aller für den Teekult notwendigen Gegenstände Wert legten.

Oda Nobunaga und Hideyoshi, die größten Feldherren Japans, waren begeisterte Anhänger und Förderer des Teetrinkens und zwar in einem solchen Maße, daß man aus den Überlieferungen jener Zeit den Eindruck gewinnt, es handle sich um ästhetisierende Kunstgönner, nicht aber um die ruhmreichen Einiger Japans und schwertgewohnten Eroberer, die bereits vor der Armada die größte Flotte der Welt aufgestellt haben. Hideyoshi hat vermutlich die größte Teegesellschaft gegeben, die je auf Erden stattgefunden hat. Im Herbst 1587 lud er alle Teeliebhaber in Japan ohne Unterschied des Standes nach Kioto ein und forderte sie auf, ihre Teegeräte mitzubringen: Schalen, Feuerzangen, Weihrauchbehälter, Kessel und anderes mehr. Jeder der vielen Tausende von Geladenen schlug ein kleines Zeltchen auf, und Hideyoshi soll seinem Versprechen gemäß jedes Zelt aufgesucht, den Tee gekostet und die Gegenstände begutachtet haben. Die Teegesellschaft dauerte neun Tage.

Kriegsherren und Fürsten schenkten damals ihrem tapfersten und erfolgreichsten Vasallen als höchste Anerkennung Teetöpfe und -tassen. Manch einer soll sich über eine besonders kunstvolle Tasse mehr gefreut haben als über wirtschaftliche Vergünstigungen oder Standeserhöhungen. Samurais starben in den vom Feind angesteckten Schlössern mit dem Teetopf in der Hand; es wird sogar von einigen erzählt, daß sie ihr Schwert im Stiche ließen, um die Teeschalen zu retten. In vielen aristokratischen Familien werden bis auf den heutigen Tag Teeschalen verwendet, die von Nobunaga, Hideyoshi oder Iyeyasu einem Vorfahren der Familie geschenkt wurden, und von einigen ganz besonders geschätzten Tassen wird erzählt, daß sie bei der Flucht vor dem Feinde oder bei Unglücksfällen als einzige Gegenstände auf geheimnisvolle Weise gerettet worden seien. Man braucht an diesen Ueberlieferungen, die sich natürlich nicht nur auf Teegeräte, sondern auch auf andere Kunstgegenstände beziehen können, nicht zu zweifeln. Geschichtlich verbürgt ist zum Beispiel die Tatsache, daß sich ein Samurai den Bauch aufschlitzte, um ein kostbares Bild in seinen Eingeweiden vor der Verbrennung zu schützen. Er war in ein brennendes Gebäude gestürzt, um das Kunstwerk zu retten. Als er wieder hinaus wollte, fand er alle Ausgänge von den Flammen versperrt. Unter den rauchenden Trümmern fand man seinen verkohlten Leichnam und in dessen Innern das unversehrte Bild.

Hideyoshi war mit Rikyu, einem der größten japanischen Teemeister, eng befreundet. Der große Feldherr brachte dem Meister eine Achtung und Verehrung entgegen wie kaum einem anderen Menschen. Aber es war ein gefährliches Zeitalter, in dem man selbst seinen Verwandten und Freunden nicht zu trauen pflegte. Es gelang den Feinden des Teemeisters, Hideyoshi einzureden, daß sein Freund Rikyu an einer Verschwörung gegen ihn beteiligt sei und ihn vergiften wolle. Hideyoshi schöpfte Verdacht und verurteilte ihn zum Tode. Als einzige Gunst erwies er Rikyu die Ehre, durch eigene Hand sterben zu dürfen. An dem festgesetzten Tag lädt Rikyu seine besten Freunde zur Teezeremonie ein. Sie können sich nur schwer beherrschen, aber er bleibt vollkommen heiter und ruhig. Okakura Kakuzo schildert Rikyus Ende [siehe Biographie].

Die Kunst des Teetrinkens wird wie vor Jahrhunderten von den sehr angesehenen, meist aristokratischen Teemeistern gelehrt. Viele japanische Frauen verbringen heute noch mehrere Stunden wöchentlich bei einem solchen Meister, ähnlich wie man bei uns zum Klavierunterricht oder zur Handarbeitsstunde geht. Nicht nur junge Mädchen, sondern auch viele verheiratete Frauen aus den oberen Gesellschaftsschichten suchen immer wieder den Meister auf, weil man der Meinung ist, daß die Dinge, die man bei der Teezeremonie lernt, eine nützliche Grundlage für Benehmen und Umgangsformen in jeder Lage bilden.

Der Kult des Tees ist in Japan immer eine Angelegenheit der Aristokratie und der wohlhabenden Schichten gewesen. Er war nie Sache des Volkes. Dennoch hat er eine tiefgehende Wirkung auf das ganze japanische Volk und auf die japanische Kultur ausgeübt, weil er immer ein Quell der Einfachheit gewesen ist. Die Teemeister waren es, die fortwährend über die Entwicklung der Kultur, des Stils wachten und immer wieder reinigend alle Auswüchse und Fehlgriffe beseitigten. Und die Nation besaß bei ihren obersten Führern, bei Fürsten und Teemeistern, eine wachsame Aufsichtsstelle. Niemals konnte die Kunstausübung der führenden Schicht Luxus und Verschwendung zur Folge haben, weil ihr Einfachheit und Reinheit zum Ziel gesetzt waren.

Neben den Shinto-Schreinen haben die Häuschen für die Teezeremonie durch die Jahrhunderte den japanischen Stil rein bewahrt. Das Teezimmer befindet sich, wenn der Besitzer es sich leisten kann, meistens in einem besonderen kleinen Häuschen, das wir seiner ganzen einfachen Art nach am ehesten ein Gartenhäuschen nennen würden. Selbstverständlich besteht es nur aus naturfarbenem, unbemaltem Holz, und die Hauptsache ist, daß es so aussieht, als ob es mitten in der Natur stände und mit dieser verwachsen sei. Alles muß einen zufälligen und unbeabsichtigten Eindruck machen: das Bäumchen am Eingang, die Bambushecke, die bunten Blätter, die im Herbst auf dem Pfade liegen. In Wirklichkeit ist alles genau ausgedacht und sorgsam aufgebaut worden. Selbst das Herbstlaub wurde im Walde gesammelt und in den Garten gestreut, um die Gäste in eine herbstliche Stimmung zu versetzen.

Frauen beim Tee
Frauen bei der Tee­ze­re­mo­nie (ca. 1935)

Es gibt zwei Arten von Teezeremonien: eine sogenannte informelle und eine formelle. Sie unterscheiden sich entsprechend ihren Bezeichnungen durch den Grad der Förmlichkeit voneinander. Ausländer haben leicht Gelegenheit zur Teilnahme an der zwanglosen Art, die durchaus schon einen tiefen Eindruck vermitteln kann, aber äußerst selten an der förmlichen. Die Höchstzahl der Gäste bei der zweiten sind fünf Personen. Wenn einer davon sich nicht formvollendet zu benehmen wüßte, so würde das außerordentlich unangenehm und störend auffallen. Für einen ausländischen Neuling ist es aber unmöglich, sich richtig zu benehmen, selbst wenn er vorher alle Regeln auswendig gelernt hat, die zu beachten sind.

Die Gäste einer förmlichen Teezeremonie betreten den Garten nicht durch den Haupteingang, sondern möglichst unauffällig durch eine Gartentür. Dann pflegen sie in einer einfachen und offenen Wartehütte im Garten zu verweilen. Niemand kommt, sie zu begrüßen. Bis der Hausherr erscheint und durch seine stumme Verbeugung andeutet, daß er die Gäste im Teezimmer erwartet.

Schweigend geht der am meisten geehrte Gast, als der Führer der kleinen Gruppe, über den schmalen, mit großen Steinen belegten Pfad auf das Teehäuschen zu. Einer hinter dem anderen folgen ihm die übrigen Gäste. Dieser Weg, der meistens nur fünf bis sechs Meter weit ist, je nach der Größe des Gartens, führt an einem kleinen Wasserbecken vorbei. Hier muß ein jeder mit einem hölzernen Schöpflöffel seine Hände und seinen Mund spülen, genau so, wie das bei den Shinto-Schreinen vorgeschrieben ist.

Das Teehäuschen besitzt keinen richtigen Eingang – nur durch eine niedere öffnung kann man gebückt in den Raum gelangen: der Sinn ist der, eine demütige Haltung vorzubereiten. Dann knien die Gäste nacheinander voff dem Tokonoma, der kleinen Nische, die sich in jedem japanischen Zimmer befindet, um das dort aufgehängte Rollbild zu würdigen.

Sonst findet man in dieser Nische immer Rollbild und Blumenvase zusammen, aber bei der Teezeremonie darf nur eines von beiden Dingen vorhanden sein. Die Kunst des Gastgebers besteht darin, die Bildrolle oder die Sinnspruchrolle so zu wählen, daß sie die Aufmerksamkeit der Gäste zu erregen vermag. Natürlich ist die Wahl des Bildes bestimmten Regeln unterworfen, die von der Jahreszeit, dem besonderen Anlaß und anderem abhängen. Es ist meistens ein sehr wertvolles altes Familienstück, das nur bei feierlichen Anlässen hervorgeholt wird.

Als nächstes bewundern die Gäste das Weihrauchgefäß. Nachdem der Hausherr zu Ehren der Gäste den Weihrauch auf die glühenden Holzkohlen des Herdes geschüttet hat, pflegt der Führer der Gruppe den Hausherrn zu fragen, ob er das Gefäß betrachten dürfe. Vorsichtig nimmt er es mit beiden Händen auf und bewundert es – vielleicht ist es tausend Mark wert, vielleicht fünftausend oder noch mehr, wie das bei jedem Gegenstand in diesem Raum der Fall sein kann. Danach bewundern es auch die anderen Gäste.

Bis auf diese wenigen vorgeschriebenen Fragen wird während der Dauer der Kulthandlung überhaupt nicht geredet. Es ist eine Feier der Schweigsamkeit.

Ein kleines, auserlesenes, mit vollendeter Kunst zubereitetes Mahl wird zunächst verzehrt. Für jeden Gast holt der Hausherrr das Tablettchen mit dem Essen selbst herbei. Bediente zu beanspruchen, wäre ein Verstoß gegen den Sinn der Teezeremonie. Nach alter Sitte dürfen die Gäste bei diesem Mahl keine Speise übrig lassen. Der Gastgeber selbst ißt jedoch nicht mit. Nach dem Mahle verbeugt er sich tief, zum Zeichen, daß der einleitende Teil der Feier beendet ist. Die Gäste begeben sich wieder in die Wartehütte oder in einen anderen Teil des Gartens, wo man eine Bank für sie aufgestellt hat.

Hat der Hausherr seine weiteren Vorbereitungen beendet, so ertönt meistens ein leiser Gong. Bei seinem Klang versinken die Gäste, die sich unterhalten oder geraucht haben, in andachtsvolles Schweigen. Wieder setzt sich die kleine Prozession in Bewegung, und noch einmal findet die symbolische Reinigung statt.

In dem Teeraum ist die Bildrolle jetzt verschwunden, und eine Blumenvase ist an ihre Stelle getreten. An dem vorgeschriebenen Platz steht ein Gefäß mit kaltem Wasser und der Behälter mit dem Tee. Der Hausherr tritt herein, die Teeschale in den beiden Händen. Dann bringt er die anderen Geräte, die er noch braucht, und zwar in einer bestimmten Reihenfolge und mit feierlichen Bewegungen, bei denen jeder Handgriff genau festgelegt ist. Achtet man genau auf diese Bewegungen, so wird man finden, daß es die für diesen bestimmten Zweck einfachsten, praktischsten und zugleich anmutigsten sind. Es wäre nicht zweckentsprechend und jedenfalls überflüssig, andere Bewegungen auszuführen. Es würde zu weit führen, alle einzelnen Handlungen des Gastgebers zu beschreiben. Das Entscheidende ist, daß nicht gesprochen wird. Während das Teewasser siedet, sollen die Japaner die Empfindung haben, als ob das Meer rauscht oder der Wind durch die Kiefern streicht …

Der Tee, der nun getrunken wird, ist kein gewöhnlicher japanischer Tee, sondern eine besondere Sorte, die zu Pulver gemahlen wird. Der Hausherr schüttet das Pulver in die Teeschale, schöpft – natürlich in genau Vorgeschriebener Weise – mit dem Schöpflöffel das kochende Wasser und gießt ein Drittel des Inhalts – nicht mehr und nicht weniger – in die Teeschale. Den Rest schüttet er in den Teekessel zurück. Dann nimmt er ein kleines Bambusinstrument, das einem Rasierpinsel nicht unähnlich sieht und das der Abt Shogu erfunden haben soll, und schlägt damit den Tee in der gleichen Weise, wie wir Schlagsahne schlagen. Feierlich überreicht er die Teeschale dem am meisten geehrten Gast, der den Inhalt in den üblichen dreiundeinhalb Schlucken austrinkt. Er stellt die Teeschale vor sich hin und nimmt sie wieder auf, um sie zu bewundern – auch das gehört zum Ritus. Er darf sie dabei nach allen Seiten drehen. Das gleiche wiederholt sich bei den übrigen Gästen. Es ist nur eine Teeschale im Gebrauch, die jedesmal wieder ausgespült wird. Nach der eigentlichen Zeremonie haben die Gäste die Pflicht, alle gebrauchten Gegenstände vom Gastgeber zu erbitten und sie eingehend zu begutachten und zu bewundern.

Die vorstehende Schilderung ist nur eine kurze Skizzierung des formalen Hergangs einer Teezeremonie, die volle vier Stunden dauert. Wenn die Gäste fort sind, geht der Hausherr noch einmal allein in den Teeraum, um dort zu meditieren.

Japanerin Teeutensilien
Japanerin mit Tee­zeremonie-Ut­en­si­lien und ei­nem be­sonders schö­nen Ex­emp­lar ein­es Furo-Feu­er­beckens zum Gebrauch im Som­mer. (Studio­auf­nahme um 1890.)

Wie das Summen des siedenden Wassers nach der Überlieferung an das Rauschen des Meeres erinnert, so rufen auch alle anderen Dinge, von den Holzbalken der Decke bis zu dem kunstvollen Blumenaufbau in der Nische, der manchmal nur aus einem einzigen Blumenzweig besteht, besondere Naturempfindungen wach. Der kundige Japaner wird sich auch daran erinnern, daß diese Art, den Pflaumenblütenzweig in eine Bronzevase zu stecken, von einem berühmten Blumenmeister aus dem 16. Jahrhundert stammt. [Vgl. Kōan 32]

Ausgeprägter Formenzwang in Verbindung mit feiner Naturempfindung, das sind die beiden Grundelemente der Teezeremonie. Der Westländer könnte sie bei der ersten Beurteilung für ein Erlebnis rein ästhetischer Art halten. Aber sie ist dem Japaner doch viel mehr, denn, wie Okakura Kakuzo sagt: „ … in ihr prägt sich, verbunden mit Ethik und Religion, unsere ganze Haltung gegenüber dem Menschen und der Natur aus. Sie ist Hygiene, denn sie erzieht zur Reinlichkeit; sie ist Wirtschaftlichkeit, denn sie beweist, daß Behagen eher in dem Einfachen als in dem Vielfachen und Kostbaren wohnt; sie ist Geometrie der Moral, insofern sie das Verhältnis unseres Gefühls zum All bestimmt.“

Vor wenigen Jahren hat eine aristokratische Familie in Tokio eine Teeschale für 189 000 Yen [1932: 1 Yen = 0,48 g Gold] verkauft. Das waren nach dem damaligen Kurs [ca 1935] ungefähr 375 000* Reichsmark. Selbst das kleine Bambusinstrument zum Schlagen des Tees kann Preise von schwindelerregender Höhe erreichen. Daß solche Geldsummen für unscheinbare Gegenstände ausgegeben werden, ist ein Zeichen dafür, daß bei der Teezeremonie ein recht deutlicber Snobbismus herrscht. Man ist stolz auf eine alte Schale, die schon mehrmals zerbrach und zusammengekittet werden mußte, und man legt Wert darauf, ein Teehäuschen zu besitzen, das recht von Wind und Wetter mitgenommen aussieht.

*) Dies zu einer Zeit, als ein deutscher männlicher Arbeiter 50-60 ₰ Stundenlohn, so er denn Arbeit hatte, bekam. Stempelgeld war 9 Reichsmark/Woche. Die Löhne in Japan waren im Vergleich noch deutlich niedriger, ein Grundschullehrer erhielt ¥ 40, ein kaufmännischer Angestellter um ¥ 75 monatlich.
Zur Keramik von Teeschalen, deren Herstellung: Iten, Charly; Der Teeweg und die Welt der japanischen Teeschalen; Unterägeri 2004 (Diss. Zürich), 456S [289 Abbildungen von genaustens vermessenen Teeschalen. Erkläng der Herstellungsverfahren usw.]