Kōan 51

Kōan Nr. 51

松樹千年翠

FÖHRE TAUSEND JAHRE GRÜN 1

Dieses Leitwort (Kōan) gehört zusammen mit dem „Der Föhre Farbe hat nicht alt noch neu“ [» Kōan 13]. In jenem Lied des Zen-Meisters Taiko (大赪)

Schaut man des Wildbergsa blütenvolle Pracht,
So ist’s wie tiefverschneiter weißer Schnee,
Der nur das Grün der Föhren frei noch lasset.
Arashiyama
hana no sakari ni
kite mireba
matsu o nokoshite
tsumoru shira yuki

und in dem Verse des Hai(ku)2

Heiligen Basho
Auf (grünen) Föhren lass' die Augen ausruhn,
So du durch Yoshino’s Berge gehst
[So überwältigend ist die weiße Pracht der Kirschbaumblüten]
Matsu de me o
yasumete yuke yo
Yoshino – yama

wird die Pracht der Blüten hochgepriesen. Fallen aber die Blüten, so wird es gar einsam, und dann wendet sich das Herz (der Menschen) (von den Kirschblüten) den Glyzinienblüten oder den blühenden Schwertlilien zu, immer dem nachsetzend, was (gerade) in Mode (und in der Pracht) ist; kaum daß ein Augenblick vorüber ist, ist das Herz schon wieder zu einem ändern übergegangen und würdigt auch keines Blickes mehr, was eben noch ihm hoch und köstlich war.

Hana Kakemono

Kakemono 'Hana'

Sieh des Edlen Rikyū Tee-Weise (茶法式, Cha-hō-shiki): Bis heutigen Tages in der Shōwa-Ära hat sie sich, nach wie vor, fort und fort erhalten. Das ist dies „Föhre tausend Jahre grün.“ Läßt sich freilich einer dabei von Geräten, Gefäßen und all den andern Sachen gefangen nehmen (und hinreißen), dann ist es, wie wenn er Modesachen nachjagt. Wie Rikyū in dem Liede der Hundert Gedichte sagt:

Zu wissen ist:
Cha-no-yu ist nur:
Wasser kochen,
Tee bereiten,
trinken.
Cha no yu to wa
tada yu o wakashi
cha o tatete
nomu bakari naru
to shirubeshi

Einzig, Tee zu trinken, muß das Ewig – Unveränderliche sein. Sagt das Zen-Wort: „Spielt man mit Sachen, so verliert man das Eigentlicheb (本心, das innerste Herz, Hon-shin) wahrhaft im höchsten Maße bedauerlich ist, wenn man dies Eigentliche, das das Wichtigste ist, verliert.

Was das „grün“ betrifft, so ist es, wie der Leitspruch sagt:

"Kansui tannyo ran" [潤水湛如濫]
„Schluchtwasser ist voll tiefem Blau“

Wasser ist zwar durchsichtig – farblos; strömt es aber in der Schlucht, zeigt es sich tiefblau. Auch die Luft ist durchsichtig; blickt man aber auf den Himmel, so ist da das Blau. Bei der Meditation (Zen-dō) ist es der Kern (道力, die innerste Kraft), beim Tee ist es die Person (jinkaku), und so spricht man [immer] von der naturgegebnen Farbe.

Anmerkungen:

1) Der japanische Verfasser verwendet für „grün“ hier das poetische Kanji für „Jadegrün“ [Nelson: 3676].
das Wort in: Zen Sand 5.182; Zengo Jii 246
[ ▲ ]
a) Arashiyama („Wildberg,“ „Sturmberg“) bei Kioto durch seine Blütenpracht, durch die Schönheit des frischen Grüns, durch die bunte Herbstfülle der Ahornbäume und das vorüberströmende Bergwasser einzig – berühmt. [ ▲ ]
2) Beachte:
To express oneself,
in seventeen syllables,
is very diffi…

[ ▲ ]
b) 弄物失本心 , Rūbutsu shitsu honshin [ ▲ ]

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Kōan 52

Kōan Nr. 52 喝

一花開天下の春を知る
一葉落ちて天下の秋を知る

EINE BLUME ERBLÜHT, UND DU WEISST UM DEN FRÜHLING DER WELT;
EIN BLATT FÄLLT, UND DU WEISST UM DEN HERBST DER WELT

Dieses Leitspruches erster Teil wird im Frühling, der zweite Teil im Herbste als Schriftrolle aufgehängt: gehn die Blumen auf, so schmeckt man die Welt (Kibun, Atmosphäre) des Frühlings; fällt ein Blatt, so empfindet man den Herbst; so wird (hier) gesagt. Aber eigentlich ist man mit diesem „Blumen erblühn, und man weiß, daß es Frühling ist; Blätter fallen, und man weiß, daß es Herbst wird“ (jedesmal) weit hintennach. Singt der Edle Rikyū:

Ihr, die ihr nur auf (Frühlings) – Blumen harret –
Am Bergdorf unterm Schnee der (frischen grünen) Gräser Frühling,
Schaut ihr ihn?
Hana o nomi
matsuran hito no
yama-zato ni
yuki na no kusa no
haru o shirabaya

In diesem berühmten Liede des Edlen will gesagt sein: Indes niemand es noch sieht, unter Lasten von Schnee, bereitet sich die Welt des Frühlings vor, ja ist schon da.

Hana Mizusashi
Wasserbehälter (水差)

Auch ist da das Zen-Wort: Greift man ins siedende Wasser, ist da noch eine (eis)kühle Stelle …c nach dem Vollmond nimmt der Mond ab, wie der Volksmund sagt: Nach der Fülle kommt die Leere. Daher man denn bei der Teebereitung, wenn man mit dem Wasserschöpfer (mizusashi) Wasser herbeibringt, nur acht Teile oder neun Teile (von zehn) voll füllt – sehr eigentümlich (omoshiroi) ist dies und ist wert, daß man es durchschmecke (darüber gründlich nachsinne).

Bei allen Dingen ist gut, etwas zurückzuhalten (und nicht die ganze Kraft herauszulassen), wird gesagt.

„Fällt ein Blatt, so weißt du, daß es Herbst,“ – dies ist nichts Anderes als das Natur-Urprinzip (shizen no shinri), daß nach der Fülle die Leere kommt.

Und betrachtet man alle Dinge, bis dahin, wo sie zum Gelingen (zur Verwirklichung) gebracht sind – der Bitternis und Mühung, wo niemand es sah, Wirkung und Ergebnis ist die uns vor Augen erscheinende Blüte. Großmeister Bodhidharma sah unverwandt auf dem Shao-shih-Gipfel (BYL: Schau-shï) des Sung-shan neun Jahre gegen die Wand, das ist: neun Jahre übte er, der Wand gegenüber, in Stille,3 Meditation (zazen).4 Danach erfaßte dann der zweite Patriarch Großmeister Huiko (jp.: Eka, 487-593. Weitere Fundstellen zu ihm BYL I: 40, 42, 265, 315, 468; II: 168, 272, 274, 281.) das Eigentliche Wahre Wesen (Hontai) ganz und gar, wie es in den Worten ('Schriftzeichen') „Mit dem Herzen das Herz tradieren; keine besondere Lehre aufstellen (Kōan 27)“ dargelegt wird; und in sechster Generation erschien der große Meister(大篤, Dai-toku) Zen-Meister Hui-nung, (jp.: Roku-so E-nō Kōan 2 Anm.) und von da an wurde Zen immer mächtiger und blühender –

Zur Wand hinstarrend unverwandt (versunken) die Gestalt –
Dahinter (unbemerkt) der Lenz erblühet
Mempeki no ushiro sugata ya
hana no haru.

Das ist: diese neun Jahre der Wandversunkenheit haben außerordentliche Tugend (, toku, Wesenskraft, Gutes) aufgehäuft, und dieses verborgene Gute (陰篤, in-toku) kam, als seine Zeit gekommen, zu vollem Vorsehein.

Bodhidharma
Bodhidharma

Allein, um von diesem verborgenen Guten zu sprechen, so hatte ja Kaiser Wu von Liang für den Großmeister Dharma einen herrlichen Tempel errichtet und fragte nun den Großmeister Dharma: „Wenn der Kaiser derart Gutes aufgehäuft hat, was für ein Verdienst kommt ihm dann zu?“ Großmeister Dharma erwiderte auf (Kakutō yū reisho) der Stelle: „Kein Verdienst (無功篤, mu-kudoku, Nicht-Verdienst. vgl. BYL I 37-)“ – Das ist: man mag noch so sehr gute Werke („gute Wurzel,“ zen-kon) und verborgenes Gutes (in-tokii) aufhäufen – sowie man etwas für sich behalten will, ist es aus damit (dame). Das ist: indes man nichts davon weiß, erblüht des Natürlich-Guten Blume.

Um von dem Guten (toku) des Zazen (In-Meditation-Sitzen) zu sprechen, so trägt Zazen viel zu Geistesübung und – Stärkung bei und ist ein Weg (, ho), in das Reich des Ichlosen (Selbstlosen) einzugehen, und wo Kōan (Leitworte, Aufgaben) gegeben werden, und man kommt zu unverwandter Versenkung in den Kōan (公案三昧, Kōan-Sammai) und geht in das Schauen (禅定, Zenjo, Dhyāna) ein, so ist dies gut; aber in diesen Bereich einzugehen, ist reichlich schwer; die allerverschiedensten Wahnvorstellungen (忘色) und verkehrten Gedanken und Meinungen drängen sich heran, es kommt einem auf einmal in den Sinn, daß man vor drei Jahren dem Nachbar drei Maß (sho = 1,8 l) Kleinbohnen geliehen hat und der sie noch nicht zurückgegeben hat. Mit solcherlei kann man natürlich nicht zur unverwandten Versenkung (Samadhi) kommen.

Siehst du die Blumen, weißt du um den Frühling; fällt das Blatt, weißt du um den Herbst – das ist, wie ja auch das Lied Rikyū’s es dartut – daß sicher nichts zufällig geschieht, sondern daß das auch noch so Verborgene wie von selber offenbar wird (und hervorkommt).

Anmerkungen:

c) Kakutō yū reisho [ ▲ ]
3) Bodhidharma brachte der Tradition nach vor allem das Lānkavātara-Sūtra [erste Übersetzung ins ch. 443] in den Ch’an ein. Daraus folgt auch die nonverbale Übertragung des des Dharma (ishin-denshin, Kōan 27)
vgl. Suzuki, Daisetz (1966); Studies in the Lānkavātara-Sūtra das in zahlreichen Ausgaben erschienen ist. [ ▲ ]
4) Nach dem erfolglosen Treffen mit dem Kaiser Wu-Di von Liang. BYL 1. Kōan, I S37- [ ▲ ]

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Kōan 53

Kōan Nr. 53

山色清浄身

BERGES FARBE REINEN – LAUTEREN WESENS 4

Dies Zen-Wort sagt: Wenn das Wesen (die Person, der „Leib“) gereinigt ist, erscheint die Farbe der Berge von selbst rein und klar. Unter den 48 Grundsätzen des Mumonkan [» Kōan 3] ist hier (hergehörig) das Leitwort (Kōan) Chao chou's: „Wasche die Schale! [浄鉢]“ Ein Mönch kam zu Abt Chao-chou, sein Schüler zu werden und sagte: „Ich bitte gebt mir etwas Unterweisung!“ Der Abt fragte: „Hast du (den Reis) schon gegessen?“ worauf der Mönch antwortete, er habe (den Reis) schon gegessen. Der Abt fragte, ob er denn auch die Eßschale schon gewaschen habe, worauf der Mönch sagte, das habe er noch nicht getan. „Dann wasche zuerst die Schale und dann komm!“5 Was will das sagen? Viele bitten den Zen – Meister um eine Aufgabe (Kōan) und vermögen schlagfertigwitzig und gescheit darauf zu antworten, und doch ist der Teemeister es nicht zufrieden (yurusanu, 'erlaubt nicht') – „gesteht nicht [wahre Meisterschaft, bzw. wahres Fortgeschritten – sein dem Betreffenden] zu“). Warum? Solange einer nicht seinen (ganzen) bisherigen Schmutz genugsam weggetan und den Bereich des Reinen Lauteren (清浄, seijo) erreicht hat, da (all das andre) weggeworfen ist, mag er noch so oft in das Gemach des Meisters zum Zen gehen – der Meister ist es doch nicht zufrieden (yurusanu).

Daß ich immer noch nicht dich (die Straße) passieren lasse,
Ist, dich passieren zu lassen,
Straßenreparatur (die ich für dich tue).
Tosanu wa
tosasu tarne no,
michibushin.

Das ist eben der Sinn (ritai) des Wasche die Schale! Chao chou's; er will dich deinen Geist waschen und reinigen machen. Wenn bei der Teebereitung der Gast Yu (heißes Wasser, bzw. Tee) wünscht und man die Teeschale zuerst mit Yu (füllt und dann) ausschwenkt, mit dem Teetuch auswischt und, um den Geruch des Teetuchs (der vielleicht haften geblieben sein könnte) zu tilgen, nochmals Yu in die Teeschale gießt und ausschwenkt, und darnach aufs neue Yu eingießt und dann dem Gaste darreicht, so wird hier große Mühe darauf verwandt [die „Schale zu waschen“]: wahrhaft reiner Tee ist es (der damit angeboten wird).

Färbt man z. B. etwas, so muß zuerst der Untergrund völlig rein sein, dann erst läßt sich wirklich gut Farbe aufsetzen. Alles läßt sich dann trefflich färben. Oder, man will Wasser in eine Flasche tun: ist schmutziges Wasser in der Flasche, so mag man noch so sehr reines Wasser darauf gießen, das Wasser in der Flasche bleibt schmutzig. Wenn einer sich Magen und Darm verdorben hat, gibt der Arzt erst ein Abführmittel, welches Magen und Darm ausfegt; erst darauf läßt er dann heilende Arznei schlucken. Das bloße negative Gereinigtsein tut es also auch nicht (bzw. nicht immer). Es gibt Fälle, da ist es, wie das Sprichwort sagt: Im reinen Wasser wohnen keine Fische. –

In einer Welt der Farbe Menschen ohne Farbe
(Das) sind Holz – Buddhas, Metall – Buddhas, Stein – Hotoked
Iro no sekai ni iro naki hito wa
kibutsu, kanabutsu, ishibotoke.

Tote Buddha(figuren)-sind sie. Auf dem Gereinigten (清浄身, seijo-shin) (oben darauf und über es hinaus) bedarf es noch dringend der FARBE (色気): Shaka wollte diese Welt zu Buddha bringen; Kung wollte diese Welt zum Edlen, Berufenen bringen; Rikyū wollte diese Welt zum Tee bringen. In diesem Sinne ist hier von FARBE die Rede.

Gut, gut müssen wir dies (gerade dies) verschmecken und müssen üben und ringen.

Anmerkungen:

4) Hori in Zen Sand 5.145 übersetzt: „The mountains in color are the pure [Buddha] body.“ Über die Trefflichkeit des Ausdrucks kann man sicher streiten, insbesondere wenn man die möglichen Anspielungen im Zusammenhang mit seijō/shōjō mit in Betracht zieht. [ ▲ ]
5) Vgl. die Cha-dō-Umdeutung eben dieses Wortes in 45 (Mumonkan, 7). [ ▲ ]
d) Stein – Buddha – Figur(en), steinerne Götzen. [ ▲ ]

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Kōan54

Kōan Nr. 54

拂子

WEDEL

Dies sieht man oft auf einem Hängebild, und ein Gedicht ist oft dazu geschrieben. Wenn man in der sommerlichen Meditationshalle in Meditation sitzt und die schrecklich vielen Mücken und Insekten die Übung stören wollen, so wedelt man mit diesem Wedel und kann damit wundersam die störenden Insekten vertreiben, ohne welche zu töten. Dies „ohne zu töten, vertreiben“ – das ist dies Prinzip. Beispielsweise, es tritt ein Räuber ein und den Umständen zufolge kommt es dahin, daß er einen Menschen tötet, und dem Morde zufolge wird der Räuber des Todes schuldig; bin ich aber in Vorbereitschaft und lasse es gar nicht dahin kommen, daß der Räuber mich tötet, so wird er auch nicht des Todes schuldig. Mag ein Feuer ausbrechen, so braucht doch daraus kein großer Brand zu werden, wenn man nur im vornherein darauf genugsam vorbereitet ist. Sagt doch der Volksmund: Wenn das Begräbnis vorüber ist, spricht man vom Arzt (den man hätte rufen sollen oder können). In dieser Richtung liegt das Wundersame des Wedels. Wenn der berühmte Edle Okayama Tesshu, hoch ein Meister in der Schwertkunst, sagte: Nichts geht über die Schwertkunst-ohne-Schwert, so weist dies auf dasselbe hin.

Da sind im Teegemache Blumen in die Vase gesteckt – nicht nur zum Ansehen sind sie da; da ist auch das Sinnen, das Innesein (nen) des Schönen.

Oder, um es nocheinmal anders zu sagen: Für morgen bin ich zum Tee geladen und ich werde gewiß zur Tee – Gesellschaft gehen; in Wirklichkeit bin ich noch nicht zur Tee-Gesellschaft gegangen; morgen werde ich gewiß gehen – dies eben ist das Innesein.

Gesetzt ein Räuber will einbrechen, so bricht er ja nicht auf der Stelle ein, sondern hat sich die Sache vorher genügend überlegt, und dann kommt er; bis er aber hereinkommt, sinnt er zwar das Böse, hat aber noch nicht absolut die böse Tat getan; wenn nun dies Herz mit seinem bösen Sinne immerfort nach der Seite des Guten hin gewendet wird, so kann von selbst das böse Sinnen nicht dagegen aufkommen: das ist die Wahrheit (das Gesetz, Prinzip dōri), wovon hier die Rede ist; religiöses Lehren und Wollen (shūkyō, 'Religion') wird wichtig. Auch hat dieses Sinnen, das im Herzen ist, zwar nicht sichtbar äußere Form, ist aber von ungeheurer Kraft.

Wie der Wedel die Insekten vertreibt, so vertreibe alles nur immer aufkommende böse Sinnen, daß du auch nicht andere in Unannehmlichkeiten und Irrnis bringest: darauf sei allezeit aufmerksam dein Herz gerichtet! Das ist, was hier gesagt werden will.

Einige moderne Autoren, behaupten bei den „Wedeln“, die auf Bildnissen von Zen-Meistern zu sehen sind, handle es sich um „Fliegenklatschen (aus Pferdehaar)“ oder ähnlichen Unsinn. Tatsächlich sind es Yak-Schweife – ein Zeichen besonderer Würde, das einem großen Meister oder Patriarchen zusteht. Daß man damit auch Fliegen verscheuchen, oder einem Dummkopf über den Kopf hauen kann [vgl. BYL] ist sicher ein Nebeneffekt, den die „alten Kuttenbrüder“ durchaus zu schätzen wußten.

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Kōan 55

Kōan Nr. 55 神

GOTT

Eine Schriftrolle mit dem Schriftzeichen „Gott“ (Gottheit, Götter6) wird bei Feiern mit Anbetung (sairai) und ähnlichen Anlässen aufgehängt.

Kami no to o hirakite mireba nusa bakari
mairu kokoro zo kamt zo mashimasu.
So du die Türen (des Schreins) des Gottes öffnest und siehest –
Heilige weiße Opferstreifen nur sind zu sehen –
In dem Herzen, das andächtig nahet, wohnt Gott.

Wer Gott gläubig sein Herz zuwendet, der empfängt gewiß.e Denn er reinigt und läutert den eignen Geist, und so tritt sein innerstes Wesen ('Herz') zutage und kommt in Einklang mit dem (Großen) Wesen (自然) und dem Gesetz des Himmels. (天理, tenri)

Auch heißt es:
Willst du bittend (und betend) es erzwingen – Gott nimmt aufdringliche (hirei, unanständige) Bitten nicht an.
Sie bleiben unerhört.

Du gehst zu dem Zen-Meister zur Meditationsstätte – auch da gilt Gleiches. Auch wenn er dir von seiner Erleuchtung nichts Besonderes gewährt, so hast du doch einen Schritt weiter voran getan, wie das Volkswort sagt: Nicht getroffen, aber doch näher gekommen.

Und wenn du beim Tee wahrhaft und wirklich Tee schmeckst, so hast du dementsprechend auch Wesenswirkung. Tee ist Freund langen glücklichen Lebens. Es mag dies Wirkung (toku) aus eigner Kraft genannt werden, aber doch ist es dies allein nicht. Denn beispielsweise, ehe wir geboren werden, haben wir schon von den Eltern empfangen, und wenn wir geboren sind und es wird uns nicht alsbald Sorge und Hilfe zuteil, so sterben wir; und auch späterhin, in Schule und Unterricht, entsprechend der Natur und dem Können eines jeden, oder in den Bemühungen, für den eigenen Beruf tüchtig zu werden, oder wenn wir den Spuren großer Meister folgen, müssen eigne Kraft und fremde Kraft miteinander wirken; wie das Wort sagt:

Eigen und fremd gleichermaßen, In diesem Leib Buddha.

Buddha ist es, Gott (Kami) ist es. Aber wie das Wort sagt: Eine hundert Ellen Stange hinaufkletternd, geh an der Spitze noch einen Schritt weiter! – nenn es eigne Kraft, nenn es fremde Kraft! auch im Tee gibt es äußere Strömung und gibt innere Strömung und gibt allemöglichen Strömungen, Formen und Verhaltungsweisen; aber über dies alles hinaus noch eine Stufe höher, da thront Gott. Sagt das alte Lied:

Welcher Gott hier weilet (und verehrt wird), weiß ich nicht
Nur: vor Dank und Ehrfurcht fließt die Träne.
Nanigami no owashimasu ka wa shiranedomo
tada arigatasa ni namida kobururu.

Anmerkungen:

6) Besser für kami wohl „das Göttliche“. Vgl.: Holtorn, D.C.; The Meaning of Kami; Monumenta Nipponica Vol.3 (1940), No. 1, S. 1-27. [ ▲ ]
e) 功篤有 „Verdienst,“ Wirkung ist da. [ ▲ ]

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Kōan 56

Kōan Nr. 56

江月昭松風

FÖHREN RAUSCHEN AN DEN MOND-ERGLÄNZTEN WASSERN f

Kakemono 03
Kakemono

Auf den Wassern weithin hell strahlender Mondenschein trifft auf herrliche rauschende Föhren – (ein höchstes Schönes wird durch ein zweites höchstes Schönes erhöht) so entsteht ein unsagbar Schönes. Es ist die Welt des Rein-Echten Absoluten (無相, Mu-sō) Groß Vollkommen-Rund-Spiegel-Wissens; wie das Wort sagt: Weißes Roß springt in die Blüten des Schilfes (Hakuba roka ni iru, 白馬入茵花), oder wie in noch anderem Worte gesagt wird: Weißer Reiher auf dem Schnee.7 Es ist jener allerhöchste Bereich, da Himmel und Erde lückenlos eins werden. Es ist das, wenn Kung (Konfuzius) sagt: Mit siebzig Jahren konnte ich meines Herzens Wunsche folgen, ohne das Maß zu übertreten.g Nur durch unablässiges Bemühen ist die Meisterschaft erreichbar.

Kokoro naki mi ni mo aware wa shirarekeri
shigitatsu sawa no aki no yugure.


Im herbstlichen Abend
Am verlassenen Riede
Sah eine Schnepfe ich
Auffliehn aus den Wassern
Da kam über mein Herz,
Das fern sich wußte
Von allen menschlichen Leidenschaften,h
Doch eine Rührung…

Auch Einen solchen Kandō-jin (der freien heiteren Muße Lebenden) also wie den Dharma – Meister Saigo, der auf hüchster Stufe des Lernens und Wissens steht (setsugakumu-i), frei von eignen Wünschen und Begierden, überkommt ein Rühren.

Die Götterschildkröte8 (Rei-ki) schleppt den Schweif nach, sagt man. Wenn sie nämlich, Eier zu legen, auf das Land steigt, so verwischt sie mit dem Schweif die Spuren, wo sie gegangen ist. Allein die Spuren, wo sie mit dem Schweif verwischt, bleiben zurück.9 So auch wäscht man mit Seife alles aus der Wäsche heraus; allein der Geruch der Seife bleibt doch darin, und solange man nicht diesen auch herausgewaschen hat, kann man nicht sagen: die Wäsche sei ganz rein. Hier ist also die Rede von jenem schwer zugänglichen Bereiche, den nur der wirklich Erwachte sein nennt. Ein Teemeister, (Chajin, Mensch des Tee), der noch nach Teemeister riecht, dem man noch äußerlich anmerkt, daß er Teemeister ist, das ist noch nicht der wirkliche Teemeister. Hier sind große Schwierigkeiten. Da ist etwas wie in dem Gedicht mit Bild eines Paradezugs von Shoku-sanjini

Konna mono kau de nai zo to hitobito ni
shimeshi – nagara mo wāre wa kaitashi.

Sage ich den Leuten: Kauft sie nicht!
Aber selbst im Herzen möchte ich sie kaufen.j

Dieser Bereich des Rein-Echten Absoluten (無相, Mu-sō) ist eine Welt! [天地], von der die andern Menschen nicht wissen, und die nur der wirklich Erwachte hat.

Anmerkungen:

f) „Strom – Mond (über weiten Wassern erglänzender Mond) strahlt über Föhrenrauschen.“ Zu Shōfū vgl. Kōan 32. [ ▲ ]
7) Vgl. Bohner zu diesem Bilde in der Einleitung. Aber: Roji yuki ni tatsu, dōshoku ni arazu. „Wenn der (schnee)weiße Reiher im Schnee steht, sind die Farben nicht gleich.“ [ ▲ ]
g) [Kungs] Gespräche II 4: „Der Meister sprach: Ich war fünfzehn, und mein Wille stand aufs Lernen; mit dreißig stand ich fest; mit vierzig hatte ich keinen Zweifel mehr; mit fünfzig war mir das Gesetz des Himmels kund; mit sechzig war mein Ohr aufgetan; mit siebzig konnte ich meines Herzens Wünschen folgen, ohne das Maß zu übertreten.“ (d.i. mit siebzig kollidierten Neigungen und Pflicht nicht mehr). (Übersetzung von Richard Wilhelm) [ ▲ ]
h) kokoro naki mi (心なき身) über mich, der ich (sozusagen) ohne Herz war. [ ▲ ]
8) 霊亀曳尾, Reiki o o hiku
Die Götterschildkröten wurden zu Orakeln benutzt. Auf der Rückseite der Schalen wurden Einschnitte gemacht, die angebrannt wurden. Aus den Rissen, die so entstanden, wurden die Orakel abgelesen. Gute Orakel spendende Schildkröten wurden sorgfältig aufbewahrt. Am Kaiserhof bestand seit der Taika-Reform (645/702) eine „Kanzlei für Mantik“ (Onyō-ryō, 陰陽寮), die derartige Orakel, durchführte. Das Schildkröten-Orakel ist noch in moderner Zeit Teil der Inthronhsationszeremonien der himmlischen Majestät.
[ ▲ ]
9) Abgeleitet aus der Geschichte bei Dschuang-Dsi (XVII, 10), in der Übersetzung von Richard Wilhelm (1912):
Die Schildkröte
Dschuang-Dsi fischte einst am Flusse Pu. Da sandte der König von Tschu zwei hohe Beamte als Boten zu ihm und ließ ihm sagen, daß er ihn mit der Ordnung seines Reiches betrauen möchte.
Dschuang Dsi behielt die Angelrute in der Hand und sprach, ohne sich umzusehen: „Ich habe gehört, daß es in Tschu eine Götterschildkröte gibt. Die ist nun schon dreitausend Jahre tot, und der König hält sie in einem Schrein mit seidenen Tüchern und birgt sie in den Hallen eines Tempels. Was meint Ihr nun, daß dieser Schildkröte lieber wäre: daß sie tot ist und ihre hinterlassenen Knochen also geehrt werden, oder daß sie noch lebte und ihren Schwanz im Schlamme nach sich zöge?“
Die beiden Beamten sprachen: „Sie würde es wohl vorziehen, zu leben und ihren Schwanz im Schlamme nach sich zu ziehen.“
Dschuang-Dsi sprach: „Geht hin! Auch ich will lieber meinen Schwanz im Schlamme nach mir ziehen.“
[ ▲ ]
i) 蜀山人 [ ▲ ]
j) „Kauft sie nicht!“ „Geht nicht zu solcher Frau (solchen Frauen)!“ [ ▲ ]

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Kōan 57

Kōan Nr. 57

和気兆豊年

MILD WETTER WEIST AUF REICHES JAHR

Wenn das Wetter gleichmäßig mild (harmonisch, in Eintracht, WA ) ist, und in guter Weise (entsprechend) fortgeht, gibt es, wird gesagt, ein reiches (fruchtbares) Jahr. Dieses „Mild“ (Eintracht WA) stellt der Edle Rikyū an den Anfang seines (berühmten Grund-Mottos aller Teekunst) „Eintracht, Ehre, Reinheit, einsame Stille (siehe Kōan 10): wenn der Gast das Herz des Gastgebers weiß und spürt, und der Gastgeber das Herz des Gastes [Kōan 06], dann ist dieses WA erfüllt.

Auf den Straßen der Stadt kommen und gehen an Einem Tage Zehntausende von Menschen und unzählige Wagen und Karren, ohne daß sie aneinander stoßen; sie geben sich gegenseitig Raum (sie gehen aufeinander ein, sie kennen das WA). Wo aber dies Einverstehen nicht ist, da erhebt sich alsbald Streit. Auch in Haus und Familie ist das nicht anders. Sieh den Tanz: Sänger, Lautenspieler, Großtrommelschläger und die mit der kleinen Trommel Tanzenden – alle sind aufeinander eingestimmt in edler Ordnung, und erst so gelingt das volle Spiel. Sieh das Heer: unter dem Einen Oberbefehle des Kommandierenden bewegt sich eine Heeresmacht von Vielzehntausenden frei und ungehindert (jiyū jizai). Das kommt daher: Der gemeine Soldat kennt das Herz des Kommandanten, und der Kommandant kennt das Herz des Soldaten. Die Frucht der Eintracht (des WA) zeigt sich. Das Wesentliche aber ist, daß jeder Einzelne unermüdlich bei seiner Sache ist und alle insgesamt die göttliche Bestimmung (den Himmelsberuf 天職, tenshoku) erfüllen, so wird, aus gleichen Gründen, die ganze Welt in Eintracht eines; … weist auf reiches Jahr – das ist die Wirkung. Allein die Eintracht (WA) – wie das für alles Üben und Vorwärtsschreiten gültige Grundwort Eintracht, Ehre, Reinheit, einsame Stille sagt – ist aus der einsamen Stille geboren. Auf sie vor allem gilt es zu achten.

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Kōan 58

Kōan Nr. 58

開門多洛葉

TOR AUF! VIEL FALLENDES LAUB

Wenn es Spätherbst wird, gibt es im Freien viel fallendes Laub, und so auch in dieser treibenden Welt gibt es lästigen Staub genug, man mag wischen und kehren und wieder wischen, man wischt schwer alles weg, zuletzt bleibt gar nichts andres übrig, als die Blätter wegzukehren, wie sie gerade fallen (den Staub wegzuwischen, wie er fällt). Blätter und Gras, sagt man ja, gibt es ohne Ende.

Singt der Landesmeister Großleuchte (Daitō Kokushi):

Wer verstanden hat (Erwachen hat)
Mag auf Vier-Block- oder Fünf-Block-Brückek
Gehende und Kommende wie Bäume
In den tiefen Bergen schauen.
Satorinaba shijo gojō no hashi no ue
Yuki-ki no hito wo mi-yama-gi ni shite. –

Sieh den Spiegel! Alles spiegelt er wieder, und doch bleibt keine (trübe) Spur zurück. Trotz alles Wiederspiegelns (Erhellens) ist doch kein Haften (und Verhaftetsein).

Te ni toru na
yahari no ni oke
renge gusa.
Nimm sie doch nicht in die Hand!
Laß sie auf dem Felde, wie sie stehen,
Diese Herbstesgräser! –

Sagte einmal einer, der um Geld spielte, zu einem Zen-Meister: Wenn ich gewinne, freu' ich mich gewaltig; wenn ich verliere, grämt es mich gewaltig; gibt es kein Mittel, daß dieser Gram und Kummer überhaupt nicht aufkommt? Wenn ja, so lehrt es mich bitte!Nichts leichter als das, sagte der Zen-Meister. – Wie ist es damit? Auf jeden Fall lehrt es mich doch! bat der Spieler. Sagte der Zen-Meister: Ob Ihr gewinnt, ob Ihr verliert – denkt immer, es gehöre Euch. Wenn Ihr verliert, denkt, Ihr habt es zum Aufheben gegeben. Wenn Ihr gewinnt, denkt, Ihr höbet es selber auf.Ja, das ist's, sagte der andere und begriff erstmals, wird erzählt. So also stehen die Dinge, und diese (treibende) Welt ist wie Ein- und Ausatmen, wie Tag und Nacht; sobald man an Einem davon haftet, entsteht Schmerz und Kummer. Auch läßt sich, solange wir leben, Schmerz und Kummer nicht völlig vertreiben. Man muß das alles unbekümmert zusammen nehmen („schlucken“), wie es gerade ist; das ist das Beste.

Auch für den Menschen des Tee gilt Ähnliches: Neigt er allzusehr zu (Tee-)Formen und Gebräuchen, so wird er leicht steif und doktrinär und löst sich von der natürlichen (menschlichen) Gesellschaft.

Grashütten – Einsiedler, du denkst:
Die Welt hast du verlassen, und dabei
Hat dich die Welt verlassen! –10
Suteta ki de
suterarete iru
kusa no io.

Leicht kommt es dahin, wovon dieser Scherzspruch spricht. Wie Ein- und Ausatmen gilt es zu verstehen, daß, wie das Wort sagt, viele Gesetze oft heißt keine Gesetze.

Mit fallendem und abgefallenem Laube muß man gar wohl zu leben wissen.

Anmerkungen:

k) Shiiō-, gojōbashi, die belebtesten Brücken der Hauptstadt (Kioto). [ ▲ ]
10) Vgl. Kai Kracht (2001) und sein Versuch ein sammai-Erlebnis zu schildern. [ ▲ ]

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Kōan 59

Kōan Nr. 59

喝石巌

DEN FELSEN DURCH KA! RUF ÖFFNEN l

Dieses Leitwort (Kōan) findet sich vielfach einem Bilde beigeschrieben, und auf dem Bilde ist dann (die bekannte Geschichte) gemalt: ein gewisser Meditationsmeister T‚ang’s (Chinas) ruft gegen einen Stein (den Meditationserweckungsruf) Ka‚!, und krach! spaltet sich der Stein.

Kakemono 04

Das sieht nun freilich einem Zaubermeisterstückchen nicht unähnlich, ist aber doch nicht so zu verstehen: Dieses Leitwort (Kōan) will sagen – um hier zunächst vom Tee zu reden: Übung und Vervollkommnung lehre und weise die Menschen so freundlich auf sie eingehend und so zuvorkommend, daß auch der Stumpfeste sich dem Verständnis zu öffnen vermag.

Auf dem Yodogawa fuhren einst, zwischen Ōsaka und Kyōtō verkehrend, die sog. Dreißig-Koku-Schiffe. Wenn sie bis Hirakata gelangt waren, kamen Schiffe von Händlern heran; wenn diese ihre Sachen an die Fahrgäste verkauften, schimpften und redeten sie derart gemein, daß jeder andre sich am liebsten die Ohren zugestopft hätte. Die Fahrgäste aber fanden die Sache geradezu belustigend, und, in Naniwa (Osaka) angekommen, bewirteten sie noch überdies diese Schiffsleute aufs beste und zuvorkommendste. Es dauerte nicht lange, da waren diese groben Leute wie angesteckt („gefärbt“) von feiner städtischer Sitte, sagten immerfort unter Verbeugungen und Verneigungen „Wie Sie wünschen!“ „Gewiß!“ „Gern!“ („Hai hai!“) und hatten das ihnen eigene Schimpfen und gemeine Reden vergessen. So wird erzählt. Wo auf solche Weise Lehre zu erteilen geachtet wird, da muß es selbst einen, der wie ein Stein ist, mittelst des ihm eignen Sehens und Wissens zum Leben erwecken und ihn bewegen. Das sagt dieses Leitwort (Kōan).

Naku koe no yoki mo ashiki mo oyadori no
oshie ni zo yoru yabu no uguisu.

Nachtigallen im Gebüsch, ob ihre Stimme
Herrlich klingt, ob häßlich, kommt nur
Von der Eltern Lehren.

Anmerkungen:

l) oder: Der Ka‚-Fels. Der dem Ka‚-Ruf sich öffnende Fels. – Ka‚ (mit Implosion gesprochen, jap. katsu, chin. Ho) ist der (im Grunde mit Worten nicht weiter zu erläuternde, alles in eins zusammenfassende Bann-, Scheit-, Ermunterungs-, Erweckungs-) Ruf des Zen.
Das „Ho/Ka!“ ist auch der Ruf des Zen-Meisters, der mit dem der „Stab der Barmherzigkeit“ den Meditation Übenden wieder zur Konzentration bringt.
Der Kyōsaku oder Keisaku (警策) eine ca. 1,3 m lange stangenförmige Planke, mit der im Zazen sitzende Mönche durch auf die Schulter gegebenen Schlag aus ihrer Müdigkeit oder Unkonzentriertheit geholt werden sollen. Der Leiter des Zazen oder ein Gehilfe benutzt diesen Stab, um durch kurze kräftige Schläge auf die Schultern – genauer: Es wird auf die Muskelstränge rechts und links der Wirbelsäule geschlagen, nicht auf die Schulterblätter (Knochen) selbst – bei den Übenden die Konzentration wiederherzustellen bzw. zu erleichtern. Dies ist keineswegs eine Bestrafung, denn Kyōsaku wird im Sōtō-Zen nur gegeben, wenn der Übende selbst darum bittet, indem er in Gassho-Haltung verharrt. Die Schläge auf die Schultern bewirken ein Wachwerden, eine Erhöhung der Konzentration. Man fixiert im Geist die Punkte auf den Schultern.
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Kōan 60

Kōan Nr. 60

才月不待人

JAHR UND MONAT WARTEN AUF DEN MENSCHEN NICHT 11

Chasaku

Chasaku

Dies Zen-Wort wird gern am Jahresende und bei ähnlichen Gelegenheiten gezeigt, als Schriftrolle (Kakemono) aufgehängt; auch in Rahmen gefaßt kann man es oft sehen.

Shiroku naru mono to wa miezu araigami.
Das frischgewaschne (jugendliche) Haar
Sieht gar nicht darnach aus, als würde je es weiß.

„Neujahr – ein Meilenstein zur Schattenwelt,“ sagt Meditationsmeister Ikkyū12: Kaum daß wir darum wissen, gehen Jahre und Monate dahin – Achtloser, schon tönt die Abendglocke, und auch dieser Tag ist fruchtlos dahingegangen! Meditationsmeister Hyakujō (E-kai; ch.: Bai-dschang Huai-hai, 720-814. Fundstellen zu Hyakujō E-kai im BYL I: 70, 115, 218f, 223f, 233-5, 292, 373, 388f, 422, 441- [26. Beispiel, ausführlich], 471f, 483, 493, 512, 524; II: 27, 40, 130, 139, 202, 308, 331f; III: 39-. BYL2: 23, 70, 155, 158f, 174-7, 215, 224, 228-30, 292, 31-21, 371f, 375-82, 424-6) tat Landarbeit, wenn er Muße hatte; die Mönche, die seiner warteten, ließen durch Knechte die Geräte wie Pflug, Hacke usw. verstecken; der Meister, der die unerläßlichen Geräte nicht vorfand, ließ notgedrungen diesen Tag die Landarbeit ruhen; er aß aber auch diesen Tag nichts; die Mönche um ihn konnten daher auch nicht anders, als diesen Tag nicht essen und hatten nicht geringe Beschwer. Dies „einen Tag nicht arbeiten, einen Tag nicht essen“ ist in Zen ein gewaltiges Wort;13 es ist das Gleiche, wie wenn Abt Seigan den Koji Gempaku anweist: Fauler Bhiku, warte nicht bis morgen! [Kōan 5]. Den Tag, den einen Tag nimm überaus wichtig! Das will hier gesagt sein.

Wenn der Mensch jedoch immerfort nur arbeitet und in Spannung ist, so ertragen das Körper und Seele nicht. Auch die Spannerraupe lockert ihre Spannung; indem sie sich gleichsam zusammenschrumpfen läßt und darnach streckt, spannt sie sich, und so kommt sie voran. Diese Lockerung, das ist im Menschlichen die schöne Entspannung (yoyu): in dem vom Himmel dir gegebenen Berufe (天職, tenshoku) strenge deine Kräfte aufs äußerste an; aber zu Zeiten auch den Geist zu erquicken (shuyo), schaffe dir Muße mitten im Drange der Arbeit! schlürfe den Tee! schlürfe! (genieße!)

Solch edle Entspannung ist von außerordentlicher Wichtigkeit.

Eine Waage, deren Gewichtsgrenze hundert Kwan ist, taugt nicht dazu, 150 Kwan zu wiegen; innerhalb hundert Kwan mag man frei und leicht (jiyū jizai) darauf wiegen. Die Entspannungsmöglichkeit (yoyu) reicht bis 100 Kwan; wenn mehr darauf gewogen werden soll, muß auch die Entspannungsmöglichkeit größer sein. Wenn also auch gesagt wird: Jahr und Monat warten nicht auf den Menschen, so bedeutet das nicht rücksichtslos drauflos zu arbeiten (und die Kräfte verbrauchen), man muß auch schlafen, aufstehen, essen und trinken und dann arbeiten – in der Tat inhaltstief ist dies Wort (Kōan).

Anmerkungen:

11) Wir sagen, die Zeit vergeht
Die Zeit sagt, wir vergehen.
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12) Siehe Bohner in: Beiträge z. Ostasienkunde; 1,1 1954 [ ▲ ]
13) ... und sollte nicht als die buddhistische Version des benediktinischen ora et labora verstanden werden. [ ▲ ]

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