Kōan 31

Kōan Nr. 31

枯木不逢有

VERDORRTER BAUM BEGEGNET KEINEM FRÜHLING

Verdorrter Baum treibt keine Blüten, selbst wenn es Frühling wird – das ist wie das Wort: Des Mörders Klinge, des Lebendigen Klinge (Leben und Tod gibt das Schwert; die Bösen strafen, die Guten schützen, ist des Schwertes Werk). Solange der Baum lebendig ist, mögen auch im Winter die Blätter von ihm fallen, – sowie der Frühling kommt, sproßt und blüht der Baum neu.

Man darf nicht beim Steinspiel (Go) Steine zwecklos setzen; denn soviele man auch solche setzt, diese sind und werden alle tote Steine; keinem Frühling wird da begegnet. Darum setze mit aller Sorgfalt und Entschlossenheit lebendige Steine; jeder einzige Stein hat Kraft und wirkt gewaltig. Auch der Mensch des Tees (Chajin) muß sehr auf dies Ein Zug, eine Bewegung (Jeder Zug lebendige Bewegung) achten. Die Ausländer sagen: Wenn ein Japaner einer Angelegenheit halber einen Bekannten besucht, so gibt es erst eine lange Begrüßung, man fragt nach dem Wetter und redet von allen möglichen und unwichtigen Sachen, und zuletzt, so kommt es vor, geht der Besucher wieder nach Hause und hat vor lauter anderem Reden ganz vergessen, die Angelegenheit, derentwegen er gekommen, zur Sprache zu bringen. Im Auslande, dem aufgeklärt („in der Sache klar“) genannten, hat sich die Sitte gebildet, solches Unnötige (Überflüssige) abzukürzen (bzw. ganz wegzulassen); die Zeit ist beschränkt; man bringt also das Wichtige allein vor und geht dann wieder nach Hause. Im Südklausenbericht (Nambōroku) wird gesagt: Tee solle nicht über zwei Stunden dauern; ausgenommen freilich den Fall, da das Zusammensein (das Gespräch) in Eintracht, Ehre, Reinheit erblüht.

Etwas unsorgfältig (achtlos, gedankenlos, somatsu) behandeln, das ist, wie wenn man einen toten Stein setzt: selbst wenn der Frühling kommt, kann es da kein Blühen geben – das ist, worauf im obigen Worte hingewiesen wird. [Wa-kei-ui-dan, » Kōan 10]

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松風

Kōan 32

Kōan Nr. 32 松風

FÖHRENRAUSCHEN

Anmerkung: Der Rauschen des Windes in den Kiefern des Bergwaldes galt als besonders schön und natürlich. Zumindest für das Ohr des chinesischen Dichters war das Geräusch des siedenden Wassers im Kessel gleichartig. Bei der formalisierten Teezeremonie wird in andächtiger Stille (innerer Sammlung) dem kochenden Wasser gelauscht.

[wörtlich: Föhrenwind] Tritt man in den Teeraum und das Wasser siedet im Kessel, so macht es ein Geräusch wie das Rauschen in den Föhren – man fühlt sich alsbald im Genienbereiche; ein schönes Gefühl ist das. Dies Wort Föhrenrauschen finden wir nicht nur auf Schriftrollen geschrieben; auch auf Teeschalen, Teeschöpfern und so fort finden wir es. Rauscht der Wind in den Föhren – ah! tönt es; und dies On (dieser Ton), das ist In (, Ursache). Die Welt ist ein Komplex von In. Wenn zwei Sachen einander gegenüber kommen, so erwächst sogleich ein In. Trifft der Wind auf die Föhre, so gibt es das On (den Ton), zugleich liegt darin ein In. Das Sprichwort sagt: Der Nichtsahnende ist Buddha (eine gute Seele). Dann sind die meisten Leute Buddha; sie ahnen nichts. Wer aber die Dinge tief sieht, gewahrt sogleich, wie die Dinge zum In werden. Und das In entfaltet sich nach den mannigfachsten Seiten, fort und fort wirkend. Zum Beispiel: ein Mensch des Auslands und einer Japans schließen die Ehe; das Kind wird eine Verbindung (Mischung) beider. Geht aber in der Folge die Eheschließung nur nach der japanischen Seite hin, so wird die dritte Generation wieder japanisch; geht sie umgekehrt fort und fort nach der ausländischen Seite hin, so werden die Nachkommen wieder ganz und gar Ausländer. Das ist: dies In ist von so großem Gewichte. Auch böse [oder: schlecht, arg, übel] Natur, die immer fort mit dem Guten zusammen sich verbindet, wird ins Gute verwandelt; und selbst der Gute, der immerfort nur mit Bösen sich mischt, wird natürlicherweise zuletzt böse. Daran ist nichts zu ändern. Deshalb ist not, dies In, welches bei dem Föhrenwind On (der Ton1) ist, zu einem guten In zu gestalten.

1) Vgl. dazu die Ausführungen Govinda Anagarikas zum „OM,“ das, als universelle Silbe, den gesamten Tonumfang der menschlichen Stimme, von ganz offen bis ganz geschlossen, umfaßt.
Entsprechende Zen-Verse: Bangaku no sōfū ittotsu ni kyōsu „(Zehn-)Tausender Täler Föhrenwind, zusammen ein Schluck“ [Suzuki Shijun; Fūgetsu-shu; 1935; I S. 17]. Santō tsuki wa kakku Ummon no mochi / Okugo matsu wa niru Jōshū no cha [Zengo Jii; 1935, 627] [ ▲ ]

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Kōan 33

Kōan Nr. 33

平生心是道

DES GEWÖHNLICHEN LEBENS HERZ UND SINN – DAS IST DER WEG

(Was das tägliche Leben ausmacht – das ist der Weg)

Des gewöhnlichen (alltäglichen) Lebens Herz und Sinn (kokoro) entspreche dem WEG (Tao), sagt der Spruch; das ist: was du allezeit tust, das ist und werde gerade das, was ein Mensch des Tees (Chajin) will. „Herz und Sinn,“ das will sagen: der Geist (seishiri); das ist in Wahrheit die im Grunde des Herzens eines jeden wohnende Kraft, Gutes und Schlechtes, Verkehrtes und Rechtes zu scheiden. Wo Verstand und Willkür diese Scheidekraft (handanryoku) zu ihrem [besonderen, eigennützig-eigenwilligen] Gebrauche an sich heranziehen, da wird der Geist in der Folge umwölkt (getrübt). Darum gilt es, kraft des (ungetrübten) Geistes des innersten Herzens, das Verkehrte, Schlechte ganz und gar auszufegen. Das freilich ist überaus schwer. Der Spruch sagt also – um es einmal leicht zu sagen: Wer nicht erzürnte, der lacht; wer nicht geirrt hat, ist der Wissende (Erwachende, satori no hito); wer Böses nicht tut, ist gut – das Tag um Tag zu verwirklichen, darauf habe acht! Das übe!

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Kōan 34

Kōan Nr. 34

本来無一物

NICHT EIN EINZIG DING URSPRÜNGLICH 2

Zen
Kakemono

Dieser Spruch sagt: Ursprünglich (und im Grunde) hast du nicht ein einzig Ding (nicht das Geringste) [oder auch: Ursprünglich hast du ein einzig Ding Nicht; denn ehe du geboren worden, galt dieses Nicht; und wohin du mit dem Tode gehst, gilt dieses Nicht; und solange du nicht begreifst, daß auch während der Spanne, da du lebst, dieses Nicht das Eigentliche (Hontai) ist, hast du überhaupt noch nichts begriffen. Wer nicht in diesem Nicht-Bereiche ist, bleibt immer ein Irrender. Darum gilt es vor allem ändern dieses Nicht-Bereiches (無地, mu-chi) Wesen (Hontai) zu lernen (kenkyū-suru). Wer jedoch bei sich selbst um dieses Nicht weiß, der mag (wohl etwa auch) aufs äußerste beschimpft, beleidigt, geschmäht werden; da er doch dieses Nicht im Herzen hat, ist das alles, als schieße man in den blauen Himmel; er spürt das gar nicht; daß er gar zornig würde, kommt gar nicht in Frage. Singt der Edle Tesshu:

Trinkt man Wein, so wird man bald so frühlingsfroh!
Selbst des Gläubigers Geschrei „Geld her!“ wird Nachtigallenruf

Sake nomeba itsuka kokoro mo harumekite
Shakkin – tori mo uguisu no koe

Das ist die Weise, auf die die Sache zugeht. Wenn bei jemandem dieses elende Ding Geld (kane to iu yatsu) eben nicht ist, dann mag auch der gewaltigste Rechtspraktikus noch so sehr streiten, sich ereifern und herauspressen wollen, es kommt eben kein Geld zum Vorschein. Ein so gewaltiges Ding ist dieses Nicht, das mag man daran sehen. Nichts ist stärker als dieses Nicht. So auch der Krieger: hat er, zur Schlacht gehend, Leben und Tod vollkommen in das Nicht gestellt, so kann er im noch so heftigen Kugelregen unbekümmert still und gelassen bleiben; sowie aber nur auch im – geringsten Leben und Tod da sind in seinem Denken, so fehlt es ihm als Kämpfendem an vollkommener Treue – Leistung.

Auch für den Menschen des Tees gilt solches. Sang Abt Mu-gaku (無学, 'Doktor Nicht'):

Möcht’ ich dir so gerne etwas geben!
Doch in Dharma’s Schule haben wir ein Ding Nicht!
Nanimono ka sashiagetaku wa omoedomo Dharuma –
shū ni wa ichi – motsu mo nashi.

Im Sinne dieses Liedes muß man den Tee schmecken.

Anmerkung:

2) Die dritte Zeile aus dem „Bodhi“-Gedicht des 6. Patriarchen Hui-nëng [siehe Anm. zu » Kōan 2]. [ ▲ ]

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Kōan 35

Kōan Nr. 35

明展々 露堂々

(MONDEN-)HELLE ALLHINSTRAHLEND, TAU LICHTFUNKELND

Der Mond strahlt hell und klar, allüberallhin dringt Licht; die schönen Tautropfen auf den Lotusblättern, auf den Gräsern funkeln – das ist, was der Spruch sagt. Das will sagen: Da ist nichts verborgen zwischen mir und dir; wenn alles wie der helle Mond, wie Tautropfen rein ist, läßt sich das Gegenüber deutlich und klar sehen und verstehen.

Daher, heißt es, ließ es vor Zeiten Ōoka, der Statthalter von Echizen, bei Untersuchungen von Schuldigen nicht zu, daß diese ihm selbst vor Augen kamen, sondern schloß die Türen3 (, fusuma) und untersuchte so Gut und Böse, Falsch und Recht.

Auch ein noch so großer Arzt kann, selber das Gesicht des Kranken sehend, nicht sofort daraufhin die richtige Behandlung bestimmen.

Herz (und Sinn) recht und (sach)gerecht, und aus solchem Innern heraus die Dinge schauen und dann handeln, das heißt offenbar die Sache wahrhaft verstehen.

Allein, wenn nun einer denkt: Ich bin ganz rein und klar wie der Tautropfen, hell wie der Mond, und alles ist in bester Ordnung (ich bin der große Könner), da eben befindet er sich im größten Irrtum. Nimm als Beispiel weißes Papier: ist es nur ein Blatt, ja dann ist dies Papier zweifellos (ganz) weiß, aber nimm noch ein anderes dazu, ein zweites, und vergleiche die beiden, da ist sogleich eines dieser ganz Weißen nicht mehr so weiß. Auch wenn du denkst: Ich bin der Groß-Teemeister – so wird es damit wohl sein eigen Bewenden haben. Vorerst ist diese Aufgabe (Kōan) da, die zuruft: Werde ganz lautern, hellen und klaren Geistes wie der Tropfen Tau, wie der strahlende Mond!4

Anmerkungen:

3) Insbesondere in Birma ist es üblich, daß der Lehrmeister sich hinter einem Schirm verbirgt, um durch seinen Anblick nicht den Geist der Schüler vom wahren Inhalt der Lehrrede abzulenken. [ ▲ ]
4) „Mond“ und „Tautropfenb sind in der chinesichen Poesie symbolbeladen, wobei viele Anspielungen wiederum auf den Mond verweisen können (z.B. kann „Kröte“ auf den „Mond“ weisen, da der Sage nach dieser von einer ebensolchen bewohnt wird). Im Kontext des Zen steht „Mond“ meist für das „Erwachen.“ [ ▲ ]

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Kōan 36

Kōan Nr. 36

時々勤払拭

ALLZEIT ERNSTLICH FEGE UND REINIGE!

Dies Wort sagt: Fege und reinige Tag um Tag den eignen Geist!5 Warum fegen und reinigen? Das ist wie bei berühmtem Schwerte: blank ist es zwar, aber Rost mag sich jeden Augenblick ansetzen. Ist das Schwert nun sehr angerostet, so bemerkt man nicht, wenn weiter Rost dazu kommt; ist es aber gut gewetzt und geschliffen, so erscheint Rost gar leicht. Eben deshalb gilt: Laß nie und nimmer Rost sich ansetzen! Das ist: Werde nicht müde, den eignen Geist zu fegen und zu läutern !

Für den Menschen des Tees gilt dies ebenso: Hat er etwas gelernt und gemerkt, so muß er sich unentwegt darin üben (feilen, sich darin schleifen). Sagt doch das Sprichwort: Hat man hundertmal eine Stelle vor sich hingelesen, so wird ihr Sinn von selber klar. Ist man (andrerseits) nachlässig gegenüber dem, was man gelernt und gemerkt hat, so mag man noch so viel gewonnen haben, es geht wieder verloren. Das ist es, wovon dies Wort redet.

Anmerkungen:

5) Vgl. dazu » Koan 6 und die darausfolgende Lehre, daß wahre Erleuchtung solange nicht erreicht werden kann, solange der „Spiegel“ noch gereinigt werden muß. Achtsamkeit ist also auf dem WEG stehts vonnöten. [ ▲ ]

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Kōan 37

Kōan Nr. 37

名利共休

NAME UND NUTZEN MITEINANDER AUFGEBEN

Aus diesem Worte „Nutzen“ (Ri) und „aufgeben“ (kyū) hat der Edle Ri-kyū [利共] seinen Namen.

Rikyu
Sen Rikyū

Man kann von dem Menschen freilich nicht verlangen, dieses Achten auf Namen und Ruhm, auf Nutzen und Vorteil gänzlich beiseite zu lassen; es müssen doch alle etwas von diesem Namen, von diesem Nutzen haben und erlangen. Nur: den vor Augen liegenden Namen und Nutzen muß der Geist aufgeben, das ist es. Die Welt strebt nur nach dem Eignen, ihr vor Auge und Munde Liegenden, und das ist verkehrt; wer Tag um Tag sich übend müht, von diesem kleinen Namen und Nutzen loszuwerden, der kommt wunderbar zu dem Erlebnis des großen, wahren (natürlichen) Namens und Nutzens. Denken wir beispielsweise an einen Mann wie den Amerikaner Edison. Ein Mann wie Edison hat wahrlich viele Erfindungen gemacht; aber dabei hat er doch nie an sich selbst gedacht; alles hat er der Gemeinschaft, Reich und Staat zugute erfunden, daher kommt auch sein großer Name und Ruhm und, das will sagen, der für die Gemeinschaft (shakai) gar nicht zu Ende zu beschreibende Nutzen und Gewinn. Es will also hier dementsprechend nicht etwa gesagt werden: Gib ganz und gar dies Trachten nach Namen und Nutzen auf! Nur: des großen Namens und Nutzens halber gib den kleinen Namen und Nutzen auf; das ist es, was das Wort sagt.

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Kōan 38

Kōan Nr. 38

力囲希

KRAFT ZU KRAFT a

Teezeremonie um 1950
Teezeremonie (um 1950)

Den Dingen wohnt eine rhythmische Reihe (ein Takt. Man ist versucht zu übersetzen: ein Potential) inne (und man muß es mit dieser halten, wenn man mit den Dingen zustande kommen will); bei allem Transportieren von Dingen, und seien sie noch so schweren Gewichtes, werden die Dinge, wenn man es mit dieser rhythmischen Reihe hält, wunderbar leicht. Will man mit einem Ding zu Rande kommen, so setze man zuerst (gleichsam vorschußweise) ein wenig Kraft ein und füge dann Kraft hinzu und bringe noch immer weiter Kraft hinzu: nichts Abgründig-Unerschöpflicheresb gibt es dann als eben diese Kraft. Eines Mannes Kraft z. B. hebt einen Stein von zwanzig Kwan Gewicht; kommt aber noch ein Mann hinzu, so heben die beiden zusammen fünfzig Kwan, und unerwartet leichter kommt es ihnen vor, als da einer allein zwanzig Kwan hob. Sind sie aber zu dritt, so heben sie auf einmal mit Leichtigkeit achtzig Kwan; in dem Verhältnis, wie sie mehr werden, mehrt sich die Kraft. Nichts ist so stark, als wie diese zusammen vereinte (versammelte) Gemeinschaftskraft (danketsu-ryoku). Die Gemeinschaftskraft der Japaner, ihr Treuesinn und ihre Vaterlandsliebe ist so (außerordentlich) fest und stark; daher sind sie noch nie, auch vonseiten des Auslandes nicht, in Schmach versetzt worden.

Auch die Kraft des Wissens und der Weisheit ist eine solch eigentümliche Kraft. Es gibt nichts Abgründig-Unerschöpflicheres, nichts Rätselhafteres als diese Wissens- und Weisheits-Kraft. Im Körper gibt es doch keine besondere Stelle, wo etwa Wissen und Gedanken (sozusagen) aufgespeichert wären (und ihren Sitz hätten); wenn ich aber jemandem begegne, den ich vor drei Jahren gesehen, so weiß ich doch, er ist der und der; und was ich vor drei Jahren gelernt, das kommt mir im Denken wieder hervor – so außerordentlich wundersam ist diese Kraft. Es ist auch dieser Kraft gleichsam keine Grenze gesetzt. Diejenigen z. B., die nur einmal auf einen Sprung Tōkyō in Augenschein genommen haben, mögen von sich sagen: Wir kennen Tōkyō. Und diejenigen, welche auf die mannigfachste Weise, von einer Ecke bis zur andern, Tōkyō sozusagen studiert haben, können auch sagen: Wir kennen Tōkyō. Vergleicht man freilich die beiden miteinander, so findet man: Die, die nur einmal vorbeigekommen sind, wissen doch in allem noch nicht so recht Bescheid, sie sind unfrei, vielfach behindert; die ändern, die sich gründlich umgeschaut haben, sind in der allerbesten Lage, wissen überall Bescheid, fühlen sich ganz unbehindert. Das rührt davon her, daß sie Kraft eingesetzt und immer weiter Kraft hinzu verwendet haben.

Darum muß auch der Mensch des Tees, mag er noch so weit schon gekommen sein, doch immer noch genug hinzulernen – und zwar mehr als genug; daß er immer über das Bisher hinaus (Kraft einsetze,) Kraft hinzufüge und übe und übe – das ist des Edeln Rikyū hohe Mahnung.

Anmerkungen:

a) Kraft zu Kraft fügen, Kraft auf Kraft häufen. (Kraft vereinzelt tut es nicht). [ ▲ ]
b) soko no shirenai bodenlos [ ▲ ]

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Kōan 39

Kōan Nr. 39

金毛剣吹毛剣

GOLDHAAR-KLINGE, HAARFEINE KLINGE

Man schreibt bald Kommoken, bald Suimōken,6 und das will sagen: schärfe und schleife den eignen Geist, so daß die Schneide, wie die Spitze eines Haares, (eigentlich) nicht mehr zu sehen ist. Mit einem berühmten Schwerte mag man völlig frei und unbehindert (jiyū jizai) jegliches schneiden und zerhauen; die Bewegung der Schneide freilich kann man dabei nicht eigentlich sehen, so göttlich-wundersam ist ihr Wirken. Auch bei einem Meister des Tees (Chajin) kann man nicht weiter unterscheiden: ist es ein Narr oder ist es ein Weiser; aber in seinem Wirken der Welt gegenüber zeigt er einen Bereich völliger Freiheit und Unbehindertheit (jiyū jizai). Das ist es eben freilich, was man erst nach Mühen über Mühen (shugyō) in sich hat.

Anmerkungen:

6) 吹毛剣 Suimōken, ist eines der vier berühmten chinesischen Schwerter der Sage (mit dem Tai’a, Ryosenken [Drachenquelle] und Mo Yeh [jp.: Bakuya]). Es soll so scharf gewesen sein, daß es ein Haar spaltete, das vom Wind dagegen getrieben wurde. (Vgl. BYL 100. Kōan Kommentar).
Im Zen ist das "Schwert" auch Symbol der innewohneneden Weisheit. Das zenki eines Meisters wird oft mit einer Klinge verglichen. So wird z. B. Mañjuśrī häufig ein Schwert haltend dargestellt.
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去々来々

Kōan 40

Kōan Nr. 40 去々来々

GEH, GEH! KOMM, KOMM!

Das will sagen: Wenn du gehen willst, geh! Willst du kommen, so komm! Bei aller Zen-Praxis ist das Selbst der eigentliche Standort (die Mitte) und alles, was getan wird, hat als Fundament das Selber-Wollen, -Können, -Tun (jiriki); keinerlei Vorschrift ist da, die mit Gewalt dich zwingen will und sagt: Das mußt du tun! Jenes mußt du tun! Vielmehr du selbst übst Zen aus dir selbst, und zu dir selbst kehrt zurück, was du gewinnst; keinesfalls gibt es ein Mit-Gewalt-etwas-aufdrängen. Wer fragen will, der komme! Wer gehen will, niemand hält ihn auf. Daher, auch beim Tee: will einer sich dazugesellen, wohl, der komme! Mag er es nicht, so bleibe er weg! Bis ins letzte frei und ungehindert (jiyū jizai), froh und unbekümmert (kiraku), das ist, wovon dies Wort spricht.

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