Kōan 11

Kōan Nr. 11

無事是貴人

OHNE BESONDERES – DAS IST VORNEHMER MENSCH

Vorbemerkung: Dies buji, wörtlich „keine Sache(n)“ sagt Verschiedenes in Einem:
1) Nichts besonderes passiert, also „ohne Unfall“, „unversehrt“, in der Sprache des Volksmundes „ohne Geschichten“
(I); 2) nichts Besonderes wird gemacht, ohne Geschichten
(II) a) sorglos, ruhig, unbekümmert b) ohne äußeres Wesen, unauffällig.
Nelson: Safety, security; peace, tranquility; good health; boredom. Hartmann/Wernecke: ohne Vorkommnis, heil, in Ordnung, wohlbehalten, gut, glücklich; gesund, munter; nichts tuend; nichts zu tun habend.
Zen Sand: 5.334 No cares! That’s nobility. Rinzai-Roku §14.

Es wird hier gesagt, daß, wer ohne „Besonderes“ (ohne Unfall und Schaden) sein Leben verbringe, der vornehme Mensch sei, und wörtlich mag man auch wirklich so sagen; nur: so ganz sorglos „ohne daß etwas geschieht,“ geht es auch nicht. Wer es so nehmen und so sein Leben leben will, dem geht es wie dem Reiche Han, (220 v.u.Z. bis 206 A.D.) das dem Untergange verfiel, oder dem gegenwärtigen China. So leben wollen, das würde die unerhörteste Gefahr mit sich bringen. Die starken Mächte der Welt rüsten Tag für Tag mit neuen Erfindungen scharfe Waffen, seien es Flugzeuge oder Unterseeboote, Torpedoboote oder drahtlose Telegraphie der Tag reicht ihnen nicht aus, so eifrig sind sie dabei. Keinen Augenblick darf man die Sachen leicht nehmen. Mag die Welt auch im tiefsten Frieden sein und scheinen, plötzlich ( – so kann es gehen – ) ist man in dieser Welt ins Hintertreffen geraten.

Hishaku
Hishaku

Auf den Tee angewandt: Es ist wirklich eine herrliche Sache, daß der edle Rikyū die Tee-Weise (茶法, Cha-hō, Tee-Zeremonie) eingerichtet und bestimmt hat, und daß sie bis heutigen Tages weiter vorangeschritten ist; aber wenn man nun nicht immer über das Bisherige weiter hinausschreitet, so wird man vielleicht ist das etwas im Übermaße gesagt eines Tages am Ende schließlich, weil man gegenüber dem Weltwissen ins Hintertreffen gerät, von dieser Welt mit Gewalt gezwungen werden, die (wirkliche lebens- und wirklichkeitsgemäße) Teeweise wieder zu lernen. Daher kann man auch keinen Augenblick davon ablassen, über das Bisherige weiter voranzuschreiten. Was hier mit „ohne besondere Sachen“ gemeint ist, ist der freie friedensvolle Stand, darin man, mag kommen, was will, durch nichts in Schwierigkeiten gebracht wird, darin man unbehindert-völlig-frei (mu-gai-jizai) zu allem ist. Wo das „ohne besondere Sachen“ nicht aus diesem Bereiche herkommt, da ist es nichts. Mit andern Worten, es ist der Stand, da es heißt: „Wasser und Mond“ (die Natur, die Welt überall) ist die „ Übungsstätte (die Klause, das Heiligtum), da man strenge (kasteiende) Zucht und die Zehntausend (guter) Werke vollbringen kann (und soll)“. Und wer in diesem Stande ist, der ist, kann man sagen, auch wirklich einem vornehmen Menschen gleich. Aber dies „Unbehindert – völlig – frei“ ist gewaltig schwer.

Kannetsu no jigoku ni kayou chashakushi mo
Kokoro nakeneba
Kurushimi mo nashi
Der Tee – Schöpflöffel
in Eises- und in Hitze-Hölle
getaucht, fühlt keine Qual –
er hat kein Herz (– unschuldig, ohne Selbst ist er)

So singt der Edle Rikyū. Aus solchem heraus allein kann und muß dies Ohne besondere Sachen das sind vornehme Menschen werden und erstehen.

Wie der Versuch Japans nicht „ins Hintertreffen zu geraten“ im 20. Jahrhundert aussah, kann man heute noch u.a. im Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Staatsheiligtum Yasukuni-jinsha sehen.
Auch Hermann Bohner hat damit persönliche Erfahrungen gemacht. Der japanische Kriegseintritt führte ihn Ende 1914 in über fünfjährige Kriegsgefangenschaft.

Yasukuni-jinsha

Yasukuni-jinsha

Die Einhaltung des Art.9 der japanischen Verfassung von 1946 hatte nur solange in der zitierten Form Bestand, als es nützlich war:
Art. 9 (1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten.
(2) Um das Ziel des vorhergehenden Absatzes zu erreichen, werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstige Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des Staates zur Kriegsführung wird nicht anerkannt.
Die Notstandsgesetze von 1999 bzw. 2003 hebeln dies völlig aus. Schon seit den 50er-Jahren unterhält Japan „Selbstverteidigungskräfte.“ Deren Budget war (ohne Pensionen) 2001 doppelt so hoch wie die Staatsausgaben für Gesundheit.

Bilder vom japanischen Staatsheiligtum. Ruhestätte aller Seelen im Kampf gefallener japanischer Soldaten. (Kriegsverbrecher wie Tojo Hideki inklusive. Diese werden wieder seit ca. 1990 jährlich durch den Besuch des Premierministers „geehrt“.)
Gezogene Schwerter

Gezogene Söbel
Yasukuni Torii

Yasukuni Torii
Munition

Granaten

TopSeitenanfang

Kōan12

柳緑花紅

Kōan Nr. 12

DIE WEIDEN GRÜN, DIE BLUMEN ROT1

Das heißt natürlich: Die(se) Weiden sind grün, (jene) Blumen sind rot. – Solange aber einer nicht sein eigenes Wesen, (jikō, no hontai) ja die Welten der Zehn Himmelsrichtungena als leer erkannt hat und daher mit ungetrübten Augen schaut die Weiden grün, die Blumen rot solange er nicht dahin gekommen ist, so lange ist es nichts. Mit ändern Worten: Leere,2 eben das ist die Erscheinung.b (, wörtlich: „Farbe“ „Form“)

Auf den Menschen des Tee es anwendend, mag man so sagen: durch unverwandte Übung kommt er höher und höher und zuletzt wird er ein ganz freier Meister, (関道人, Kandō-jin) der wahrhaft das höchste Wissen (絶学, Zetsugaku) und das Nicht-Machen (無為, Mu-i)3 erreicht hat, und erst wenn man dieser ruhige nichts-machende Mensch geworden ist, kann man den Tee wirklich trinken. Es sieht freilich so aus, als sei zwischen solchem Menschen und anderen, die nicht so weit sind, gar kein Unterschied; allein im eigensten Kennen und Wissen, Sich-halten und -führen ist doch ein außerordentlicher Unterschied.

Dieses Leitwort (Kōan) ist, wie wenn gesagt wird: Sieht man Berge von der Ferne, so haben sie Farbe; hört man Wasser (ganz) aus der Nähe, so hat es keinen Laut;c so einfach ist es nicht, wenn gesagt wird: Die(se) Weiden sind grün, (jene) Blumen rot.

Anmerkungen:

1) Ein jakugo: Hori, Zen Sand [4.630], gibt außerdem eine verneinende 6-kanji Version: Yanagi midori narazu hana kurenai narazu [6.266] [ ▲ ]
a) d. i. alle Welten überhaupt. [ ▲ ]
2) Vgl. das 2. Kapitel des Diamant-Sutras (skr.: Vajracchedika-Prajñaparamitra-Sūtra) Erläuterung und Quellen
Der Ausspruch selbst geht auf Takuan zurück. Er war gebeten worden, auf einem kakemono, das eine nackte Kurtesane zeigte, eine Inschrift anzubringen. Darauf schrieb er „Form ist Leere. Leere ist Form. / Weiden sind grün. Blumen rot.“
Zu rūpam (körperliche Form) siehe Georg Grimm [1868-1945; bayrischer Landrichter]; Die Lehre des Buddho; Wiesbaden 1979 (Löwit), S 35-; Orig.: 1915. Dieser glaubte eine Art „Urbuddhismus“ entdeckt zu haben und interpretierte das „Nirvana“ nicht als „endgültiges Verlöschen.“
In der Hinayana-Tradition der Vipassana-Meditation gilt das „Wissen der Auflösung von nāmā-rūpa als das fünfte ñāna (Bahnga-ñāna) Stufe auf dem 16stufigen Pfad zur vollen Erleuchtung. [ ▲ ]
b) vgl. 色界, rūpadhūta „Welt der Form(en),“ im Ggs. zu 無色界, „Welt ohne Form“ (Leere). [ ▲ ]
3) Zum Taoistischen Konzept des mu-i (ch.: wu wei) siehe:
; Der Weg des Tao;; München (O. W. Barth); [engl. Original: Taoism. The way of the Mystic; 1972]
; Wu wei – Die Lebenskunst des Tao; Reinbeck (rororo); ISBN 3-499-19174-1. [ ▲ ]
c) ch.: Yuan kuan shan yu se, chin fing shui mu sheng; jp.: enkan san iu shoku, kinchō sui mu sei. [ ▲ ]

TopSeitenanfang


Kōan 13

Kōan Nr. 13

松無古今亡し

DER FÖHRE FARBE HAT NICHT ALT NOCH NEU

Von der Föhre wird auch gesagt:

Yuki assedomo
Kudake-gataki
Kantei no matsu
Von Schnee beladen,
nicht zu beugen
im Schluchtengrund die Föhre.

Im Gebirgstale üppig wächst sie; Schnee häuft sich darauf, so daß sie selber kaum mehr zu erkennen ist; gleichwohl, wenn der Schnee schmilzt, kommt frisch lebendiges Grün darunter hervor (und zum Vorschein), und, wie immer auch die vier Jahreszeiten im Wechsel dahingehen, sie wechselt ihre Farbe keineswegs; wahrhaft ein Bild des Edeln (君子, kun-shi, chin.: chün-tze, Pinyin: junzi), des Weisen ist sie. Wahrlich, im Schnee begraben mittendrin vergißt sie auch keine Stunde, keine Minute, zu wachsen und zu wachsen, immer weiter, immer höher kommt sie in Entfaltung.

So auch in der Welt der Menschen etwa jener Kanshin (韓信) ob auch ganz gemeine Kerle kamen und (endlich gar) verlangten, daß er unter ihren Schenkeln durchkrieche, er nahm sich Geduld und Langmut (堪忍, Kan-nin), diese beiden Zeichen [als wesenswichtig] und tat es; sein Geist freilich kroch nicht unter den Schenkeln durch, und so ward er zuletzt ein hochberühmter Feldherr.

Hanekaesu
chikara mo arite
yuki no take
Zurückzuschnellen in sich trägt – die Kraft
der tief jetzt sich beugende
Bambus im Schnee –

Das ist es, was auch der Mensch des Tee in sich zur Vollkommenheit bringen muß (und ohne das ist keine Meisterschaft).

TopSeitenanfang


Kōan 14

Kōan Nr. 14

万法帰一

ALLES GRÜNDET IN EINEM

(Die Zehntausend Weisen [hō, Dharma] gehen auf eines zurück)

Das ist des Lotusblütensutra:4 Es gibt nur des Einen Gefährtes Weise (hō), nicht zwei, noch drei (Gefährte). Das ist: dieses Eins ist Grund und Ursprung (kompon); für den Menschen des Tee ist der Tee das Grundelement (genso) von allem: das wird hier gesagt.

Toyotomi Hideyoshi
Toyotomi
Hidetoshi6

Wenn der Edle Rikyū [nach dem Wesen des Cha-dō gefragt] sagte: Der Tee, das ist: immer entsprechend zubereiten, im Winter warm, im Sommer kühl so versteht man, warum notwendigerweise hier von den Zehntausend Arten und Weisen (万法, mampō; von allen nur erdenklichen Verhältnissen überhaupt) gesprochen wird. Heute sind es drei Senke-Schulen, dazu Yabuuchi, Matsuo, Hisada, Hayami, Enshu, Sekishu und zahlreiche andere Richtungen; fragt man aber nach Grund und Wesen (moto), so ist es: Tee trinken zu lassen; und darin hat sich bis heutigen Tages nichts geändert. Nur: aus eigenen Ansichten (der einen oder der ändern) haben sich mannigfaltige Unterschiede herausgebildet; aber derentwegen kann man nicht von Zehntausend Weisen (mampō) sprechen. Fragt man, wie man hier das Richtige treffen soll, so sage ich: solange es nicht dahin kommt, daß sich der Tee in die verschiedensten Stände und Berufe (d. i. in Stand und Beruf des Offiziers und Beamten, des Bauern, des Technikers [Handwerkers], des Kaufmanns5) verwandelt und praktisch wird, kann man noch nicht von Zehntausend Weisen sprechen. Ja mehr noch, in der Zehn Himmelrichtungen Welten (in allen Welten) allüberall muß er lebendig-praktisch werden. Weshalb denn der Taikō Toyotomi Hideyoshi im Teegemache oftmals Kriegsrates pflog auch dies eine gute Umsetzung des Tees in die Praxis. Freilich ist beim Tee alles Gewaltsame (mu-ri, Nicht-Ri, Nicht-recht) vom Ursprung an ausgeschlossen; was der Tee will, ist, das, was von selber, natürlich ist, in seiner Kraft lebendig werden zu lassen; das Gewaltsame kann gewiß nicht ewig dauern, und wo der Kriegsrat nicht mit dem Rechten (, ri) übereinstimmt, kommt seine Sache zum Scheitern. Daß das große Rußland mit einem kleinen Reiche wie Japan kämpfend unterlag, das war die Folge davon, daß Japan vom Stande der Rechtlichkeit (des „Wegs des Menschen“) aus kämpfend außerordentliche Kräfte gewann und Rußland gewaltsam (wider Fug und Recht muri-ni) den Krieg heraufgerufen hatte.7 Daher denn die Menschen der alten Zeit gegen solche, die dem WEG zuwiderhandelten, den Kampf begonnen haben, mochten sie gleich Geistliche (Sōryō) heißen in der Geschichte findet man viel von solchen Mönchskämpfen.8 Wir aber müssen das Gesagte richtig anwenden und den Zehntausend Weisen (allen Verhältnissen) jeweils entsprechend verfahren; vor allem ändern (moto o) aber müssen wir den Tee (chadō to iu tokoro) als Grund und Ursprung (moto) nehmen. Und je nach gut oder schlecht wird die Anwendung verschieden sein: das Wasser, das die Kuh trinkt, wird zu Arzenei (Milch); das Wasser, das die Schlange trinkt, zu Gift; oder wie man auch sagt: Ein Bu, acht Ken.d Wenn es zu den „Zehntausend Weisen“ kommt, dann ist größte Achtsamkeit not.

Anmerkungen:

4) Lotus- oder Saddharma-puṇḍarīka-sūtra Englische Übersetzungen u.a. von “The Buddhist Text Translation Society;“ Edward Conze, Bunnō Katō, H. Kern, Leon Hurvitz, Burton Watson. Teilweise frei im Internet u.a.: „Substantial Scholarly Sources for East Asian Buddhist Texts“ und die Taiwan National University.
Historisch gesehen sind einige Texte des Lotussutra in Sanskrit überliefert, einschließlich Fragmenten, die in Nepal, Kashmir und Zentralasien entdeckt wurden, weiters auch eine tibetische Version. Sechsmal wurde das Lotossutra ins Chinesische übersetzt, wovon drei Ausgaben erhalten sind. Die populärste und ausgereifteste Übersetzung ist Myōhō-renge-kyō in acht Bänden und achtundzwanzig Kapiteln von Kumarajiva (344-413) [Taishō IX, No. 262 1-62c; No. 263, 63a-134b, No. 264, 134b-196a], weshalb man sich in China und Japan beim Lotussutra (japanisch: Hoke-kyō) vornehmlich aufs Myōhō-renge-kyō bezieht. Man spricht auch vom Dreifaltigen Lotossutra, womit das Muryogi-Sutra (Sutra von der unendlichen Bedeutung), das Lotussutra selbst und das Fugen-Sutra (Sutra von Bodhisattva Fugen) gemeint sind.
Weiterführendes [ ▲ ]
5) Die klassische Teilung der japanischen Gesellschaft während des Shogunats, wobei das Geldverdienen für Angehörige Samurai-„Kaste“ als unehrenhaft galt. Abgaben der Bauern waren bis zur Meiji-Restauration in Naturalien zu leisten und wurden in koku Reis berechnet (1 koku = 180 l). Der Reichtum eines Fürstentum in Menge der zu erwartenden koku festgestellt. Zum Ehrenkodex der Samurai vgl. Yamamoto Tsunetomo, Hagakure; von dem mehrere geringfügig voneinander abweichende Versionen tradiert sind: Kurihara-hon, Takashira-hon, Nakano-hon und Mochiki Nabeshimake-hon. Auf letzterem basiert die unvollständige engl. Übs.: ; Hagakure – the book of the Samurai; Tokyo, London (Kodansha);  S.; ISBN 4-7700-2612-9. []
Eine ungekürzte, unkritische Ausgabe des Hagakure ist inzwischen auch auf deutsch erschienen (München 2002 Piper).
[ ▲ ]
6) Sen Rikyū hat scheinbar der Versuchung nicht widerstehen können, die Einsichten, die er als Hof-Teezeremoniemeister im erwähnten Kriegsrat gewonnen hatte, zur politischen Intrige zu nutzen (wofür er „ehrenvoll“ durch Bauchaufschlitzen (seppuku) aus dem Leben scheiden durfte. (Vgl.: seine Biographie) [ ▲ ]
7) Vgl. im Gegensatz zu dieser, dem Geist der damaligen Zeit entsprechenden, Darstellung: ; Imperialismus vor 1914; München (Beck);  S.; ISBN 4-7700-2612-9, Vol. I, ab S. 475: Tiefere Ursachen des Russisch-Japanischen Krieges. [ ▲ ]
8) Beginnend im 11. Jh. besonders innerhalb der Tendai-Schule und zwischen dieser und der Hosso-Schule. Kriegerische Mönche finden sich im gesamten Mittelalter. [ ▲ ]
d) In einem Bu (Zoll) sind 8 Ken (Häuserbreiten). 1 bu = 3,03 mm; 100 bu = 10 sun = 1 shaku (1 Fuß, 30,3 cm); 6 shaku = 1 ken (zu 1,82 m) bzw. 1 hiro („Faden“). Das ken ist das Grundmaß im Hausbau. So ist der (Standard)-Einbauschrank ikken breit. Die Bodenfläche berechnet sich nach der Anzahl der tatami, die traditionell 1 x ½ ken [1 chō] groß sind (findige Tōkyōter Bauherrn haben wegen der Raumnot bereits vor langer Zeit begonnen, ein kleineres Maß einzusetzen) [Vgl. dazu die Ausführungen Bohners zum Shōtoku-Taishi und ; Die Maßeinheiten der Nara-Zeit; Japonica Humboldtiana, 9 ()].
Der „klassische“ Teeraum hat 4½ chō. Das wesentlichste Element bei der Gestaltung des Grund- und Aufrisses ist die Tatami. Tatami heißen die Matten, die den Fußboden der Zimmer völlig bedecken.
Die Tatami besteht aus einem Mattenbett aus gepreßtem Reisstroh von 4[-6] cm Dicke und einer darüber gepannten Binsenmatte. Die Binsenmatte ist so gewoben, daß schmale Parallelstreifen entstehen. Diese derart gewobenen Streifen werden Me genannt. Sie dienen als Maßstäbe beim Aufstellen der Geräte für die Teezeremonie. Die Matte hat das seit Jahrhunderten genormte Maß von sechs mal drei Fuß und ist an der Längsseite von einer schwarzen Borte eingefaßt. Dadurch, daß die Längsseite der einen Matte an die Querseite der anderen gelegt wird, entsteht eine rhythmische Abwechslung in der Gliederung des Fußbodens.
[ ▲ ]

TopSeitenanfang


日出乾坤輝

Kōan 15

Kōan Nr. 15

DIE SONNE GEHT AUF, DAS ALL ERSTRAHLT

Wenn die Wolken im Osten sich rot färben und das Sonnenrad hervorkommt, so werden Himmel und Erde von einem Ende zum ändern hell das ist, was hier gesagt wird, und das andre Wort Gottes Licht erleuchtet Himmel und Erde (shinko tenchi o terasu) hat auch etwa diesen Sinn.

Gülden kakemono
Nyorai
Nyorai

Schaut man vom hohen Berg hinab zu Tal,
Da blühen üppig (überall) Kürbis und Eierfrüchte.

Takai yama kam tanizoko mireba
uri ya nasubi no hanazakari.

Wem die Eigen-Einsicht geworden ist, dem wird die ganze Welt zu Füßen klar: in diesem Spruch ist die Sonne das Wahre Wesen (Hontai, das Eigentliche); und wo dies Wahre Wesen aufgegangen ist (erfaßt, erkannt, gewußt wird), da ist alles (die „Zehntausend Phänomene“, 万象, banshō) erhellt.

Nun gibt es in der Welt neben der Sonne auch freilich Elektrizität und Gas und andre Lampen; mit Wissenschaftskraft lassen sich da bei Gaslicht oder elektrischem Lichte Dinge bis zu gewissem Maße sehen und unterscheiden; in alledem aber macht sich nur die Kraft geltend, die der Mensch mittelst seines (kleinen) Ich hat. Geht aber die Sonne auf, so reicht das alles (was das kleine Ich macht) nicht von ferne daran heran. Löst sich aber der Mensch von diesem Ich, d.i. geht die Sicht von dem Tee-WEG (Cha-dō, Tee-SINN) genannten Wahren WEG (Hon-dō, Ur-TAO9) aus, so wird wunderbarerweise klare Sicht der ganzen Welt von einem Ende bis zum ändern möglich; da allererst gilt: Namu Wunderbarer-Licht-Nyorai! [Anbetungsruf: Nyorai der/das Unvergleichliche, Absolute]

Anmerkung:

9) Das „original Dau,“ ursprünglich daoistische Bezeichnung, von chinesischen Buddhisten für „Dharma“ i.S.d. Lehre bzw. „das wahre Buddha-Wesen“ oder „Absolute“ gebraucht. [ ▲ ]

TopSeitenanfang


Kōan 16

Kōan Nr. 16

花を弄すればニオイ衣に満つ

Im Spiel mit Blumen füllt ihr Duft die Kleider

Spielt man mit Blumen, wird hier gesagt so geht von selbst (ganz natürlicherweise) ihr Duft auf die Kleider über; vom Cha-jin gesprochen heißt dies: nimmt man im Teegemache seinen Sitz ein und empfängt Tee, so geht wundersamerweise der Tee (cha) auf den Leib (die Person) über. Das will sagen: Dies Tee genannte Wesen (cha to iu mono) nährt von selbst des Leibes Lebenskräfte; (, toku) wer daher genügsam (mit Tee) sich befaßt hat, der wird in Art und Charakter (jinkaku) wie von selber unversehens zum Chajin; es kommt zu dem Bereiche, da es heißt: Wo Moschushirsche sind, da breitet sich von selbst der Wohlgeruch. Und die im Teegemach genährten Lebenskräfte tun sich von selber, auch ohne daß man darum weiß, kund. So geht alles, ob gut oder böse, auf den Menschen über und wirkt, ohne daß man darum weiß. Im Buddhismus gibt es das sog. In-en, ([zusammen gelesen innen] 因縁) in innerer, eigentlicher Grund, Ursache, Same; en äußerer Ursachenzusammenhang, Beziehung, metaphysische Verbindung. Was In-en wird, das mag wahrhaftig noch so klein sein, es kann zur großen Sache werden; z. B. ein Riesenbrand mag, wenn man der Sache nachgeht, von einer Zigarettenhülse oder von Ruß im Kamin herkommen; ein ganz Geringes mag also, zum In-en geworden, zum Allergrößten werden. Um von En () zu reden, so ist dies in Wahrheit ein hochwürdiges; wird doch gesagt, daß auch Shaka ohne ein En die Lebewesen kaum erlösen kann. Daher gilt es in allen Dingen sehr darauf zu achten, daß ein gutes En entstehe.

Gutes In bringt gute Frucht, (, ) böses In bringt böse Frucht. Auch gibt es das sog. Shuku-en, (宿縁, aufgespeichertes En, von Vorzeiten bzw. Präexistenzen her wirkendes En, Sankhara) und demgemäß sieht man oft und viel, daß ein Mensch in der Welt sich mit aller Kraft müht, das Wahre, Rechte zu tun, und merkwürdigerweise doch kein Gutes erntet. Das ist durch dies Shuku-en so.

Um ein Beispiel zu nennen: Ein in vermöglichem Hause geborener Sohn mag noch so untalentiert sein, so kann er doch das Haus weiterführen; nehmen wir umgekehrt einen in schuldenbeladenem Hause geborenen Sohn, der die Schulden des Vaters übernehmen muß, der aber von dieser Sache gar nicht weiß, ja ganz und gar nicht an so etwas denkt. Er arbeitet redlich mit aller Kraft; aber da ist das tugendlose Tun seiner Vorvordern; über kurz oder lang kommt ganz natürlicherweise die Wirkung (Vergeltung) und wird ihm zum Fluche. Oder in anderem Beispiele: ein Mann hat vor drei Jahren etwas Schlechtes getan; er arbeitet jetzt in aller Redlichkeit; es kommt aber heraus, was er getan, und von der Schuld kann er nicht frei kommen.

Menzius
Menzius (孟子, Mōshi)

Daher gilt es Gutes wirken, das auf Kind und Kindeskinder geht, daß so die guten Kräfte (toku, „Wesenskräfte, Tugenden“) Kind und Kindeskindern übergeben (abgetreten) werden. Es muß heißen, wie das Wort sagt: Im Hause, da Gutes sich häuft, ist ein Überschuß von Glück.e Daß Mengdse’s [Menzius’] Mutter drei Mal das Haus wechselte,f kam auch von solcher Erwägung her.

Anmerkungen:

10) 因緣, vollständiger juni-innen „die 12 kausalen Bedingungen“ (die Leiden verursachen) skr.: pratitya-samutpāda bzw. nidānas因緣 Twelve Nidānas for pratyekabuddhas, and the 六度 Six Pāramitās for bodhisattvas; (2) 三乘通教 the teaching common to all three vehicles, as seen in the 般若經; (3) 抑揚教 the teaching of the 維摩經, the 思益梵天所問經, and other sutras olling the bodhisattva teaching at the expense of that for śrāvakas; (4) 同歸教 the common objective teaching calling all three vehicles, through the Lotus, to union in the one vehicle; (5) 常住教 the teaehmg of eternal life i. e. the revelation through the Nirvana sutra of the eternity of Buddhahood; these five are also called 有相; 無相; 抑揚; 曾三歸—; and 圓常. According to 劉虬 Liu Chiu of the 晉 Chin dynasty, the teaching is divided into 頓 immediate and 漸 gradual attainment, the latter having five divisions called 五時教 similar to those of the Tiantai group. According to 法寶 Fabao of the Tang dynasty the five are (1) 小乘; (2) 般着 or 大乘; (3) 深密 or 三乘; (4) 法華 or 一乘; (5) 涅槃 or 佛性教.
aus: ; ; Dictionary of Chinese Buddhist Terms with Sanskrit and English Equivalents …;; London (Kegan Paul, Trench, Trubner);
sind das Objekt vieler philosophischer Analysen im Buddhismus. Im Zen wird der Begriff ausgeweitet und kann u.a. „Fügung des Schicksals“, Verbindung, Ursprung, Karma bedeuten.

Zum angesprochenen Karma [pali: Kammam] vgl. u.a. Grimm, a.a.O.: S. 189; zur Kausalität S 406f
Zur frühen Rezeption der Konzepte von karma und samsara in Japan, vgl. ; Miraculous Stories from the Japanese Buddhist Tradition; Richmond UK ² (Curzon), S. 29- [ ▲ ]
e) Eines der berühmtesten Worte des Ostens; vgl. Jinnōshōtōki: Vgl. Bohners Übersetzungen:; Jinnōshōtōki I 94, 96, 97, 233, 272; II T 56 n l, T 57 n l n 12, T 62 n 96, T 87 n 9, T 95 n 197; und Bohner; Muchimaro-den (Ende, und Vorbemerkung), Monumenta Nipponica, V (1942), No. 2.
A.M.: Für die Übersetzung des Jinnōshōtōki-Werkes wurde Bohner 1941 von der Reichsregierung eine Professur e.h. verliehen.
Dies hat Meister Kung erläutert und gesagt: In dem Hause, da das (Sittlich) Gute sich häuft, ist ein Uebriges an Gedeihen.“ [ ▲ ]
f) Eine der bekanntesten Erzählungen des Ostens, die außerordentliche Achtsamkeit der Mutter in Erziehung ihres Sohnes, der hernach auch einer der Größten des Ostens wird, kennzeichnend: jeden schlechten Einfluß, z.B. vonseiten schlechter Nachbarschaft, sucht die Mutter zu meiden. [ ▲ ]

TopSeitenanfang


Kōan 17

Kōan Nr. 17

万里一条鐵

ZEHNTAUSEND MEILEN EIN EISENBANDjakugo: Zen-Sand: 5.318; Shibayama, Zenrin kushū 112

Das wahre Wesen (眞理, shinri, die wahre Idee, das wahre Gesetz, die Wahrheit) des Alls ändert sich, auch in tausend, zehntausend Meilen Entfernung nicht, ist immer ein und dasselbe ungeboren (nicht-wachsend [不生 nicht-lebend]), nicht sterbend, wird nicht mehr noch weniger dies will das Wort sagen. Es gibt in der Welt die mannigfachsten Religionen, Christentum, Buddhismus und andre mehr, sowie die mannigfachsten Verkündigungen, ihr Grund und Quell geht auf dies wahre Wesen zurück; in welcher Lehre, in welchem Glauben (, shū) auch immer dies wahre Wesen darf nicht weiter ein anderes sein.11

Viele Wege sind es, getrennt aufsteigend vom Fuße des Berges,
auf dem gleichen Gipfel den Einen Mond zu beschauen.
Wake noboru fumoto no michi wa ō-keredo
onaji taka-ne no tsuki o miru kana.

Beim Tee ist es nicht anders: Der Tee ist letztlich ein Werkzeug (dōgu), den WEG (Tao) zu üben. Geht man aufwärts zur Quelle dieses Tees, so führt dies wohl zu dem Einen Band (Einen Weg) Eisen des Ungeborenen-Niesterbenden. Bei diesem Worte tut man wohl, mehr als das „Zehntausend Meilen“ das „Eine Band“ zu beachten; außerhalb dieses „Einen Bandes“ (Einen Weges) gibt es auch nicht die Zehntausend Meilen. Auch die Zehntausend. Hunderttausend () Millionen ( [vgl. Anm. zu Kōan 3]) Meilen sind alle in dem Einen Band.

Anmerkung:

11) Vgl. dazu die Arbeit Aldous Huxleys Perennial Philosophy (beeinflußt von J. Krishnamurti, und Swami Prabhavananda. Philosophia perennis findet sich schon bei Leibniz), dessen Konzept und das vedische Konzept des Ātman bzw. Brahman In: Grimm a.a.O.: Einleitung, S. 213, 394. Buddhas Ablehnung des Brahman an einer Vielzahl von Fundstellen im Pali-Kanon. [ ▲ ]

TopSeitenanfang


Kōan18

Kōan Nr. 18

Nicht

Mu

Die allererste Aufgabe der 48 Aufgaben des Mumenkuan (Mumon-kan und Kōan 31) lautet Hat das Hündchen Buddha-Natur?, worauf Yūeh-chou Yü-wen Wen-Yän (= Wu-Men; jp.: Um-mon Bun-nen) (864-949) BYL I, 160. mit Mu antwortete.12
Diese zum ersten Anfange von dem erfahrenen Meister, dem Meditationsschüler gegebene Aufgabe, worüber dieser letztere sich redlich den Kopf zerbrechen mag, wird jedem, auch dem Hochgebildeten, weidlich Schwierigkeiten machen. Bedauerlich ist nur, wenn die meisten meinen: Meditation (禅学, Zen-gaku) sei nichts für sie, es sei etwas zu Schwieriges. Es geht eben nicht mit allem so rasch wie etwa mit der Herstellung bestimmter Waren. Selbst wenn man rasch verstünde und dem alten Meister gut geantwortet hätte, wäre das doch nichts, wenn das damit Gewonnene nichts brächte zum eigensten Gewinne. Man muß so werden, daß das Wesen (Hontai) in Ding und Sinn (, Idee) eins wird und man vom Scheitel bis zur Sohle wahrhaft echt und ganz ohne Beschränkung das (große) Erlebnis hat und in diesem Sinne Mu (Nicht, Nicht-Sein, Nicht-Existenz) antworten kann. Man könnte dann (gerade so gut) U (, Sein, Existenz, bejahend) oder auch „TEE“ oder auch noch andres antworten. Wenn Himmel und Erde ganz TEE werden (so daß man das Ganze mit dem Prinzip des Tee umfassen kann), so wirkt überall und in allem TEE (da ist freie Tätigkeit in allen Dingen). Doch ich lasse weitere Ausführungen. Selber forschen, selber es gewahren, das ist not. Auch ein Buch geheimster Weisheit bleibt ohne Wirkung, so sich nicht einer findet, der ihm gewachsen ist. Man hat der Katze Goldstücke gegeben, sagt das Sprichwort (und was sind Goldstücke für die Katze?). Ja, was dies Eine Zeichen Mu besagt, erlernt sich nicht so rasch.

Anmerkungen:

Mehr zum Mumonkan (無門關). Zu Dschau-dschou Tsung-Sën (778-897 {?alternativ BYL II, S. 166}; jp.: Jō-shū Jū-shin) finden sich im BYL eine Vielzahl von Zitaten (Schwerpunkte: 2. {S. 57-59}, 9. und 30. Kōan).
BYL I: 61ff, 70ff, 199ff, 208f, 240, 310, 367, 389, 399, 407, 442, 489-496 [Biogr.], 522, 525; II: 72, 81, 159ff, 166ff, 241ff, 247ff, 281, 286; III: 29ff, 50, 73, 75, 77ff, 81f, 94, 95f;
BYL2: 60f, 95-7, 135, 154, 175, 199-202, 265-9, 286-9, 317-9, 334, 336f, 341f, 344, 354-7, 360, 404f, 407, 472, 476-8.
12) Dieser Kōan ist wohl das bekannteste von allen. Für fast alle Rinzai-Mönche ist dies 'das erste Tor, das zu passieren ist' (初關, shokan). Allgemein ist es unter dem Titel „Joshus [Dschau-Dschou; Chao-chou] Hund“ Bestandteil fast jeder Kōan-Textsammlung. (Joshus Hund wird im BYL nicht behandelt.)
Verschiedenen Übersetzungen:

  • Joshu’s Dog (Englisch) aus: Reps, Paul; Zen Flesh, Zen Bones; s.n., S89f.

    A monk asked Joshu, a Chinese Zen master: „Has a dog Buddha-nature or not?“
    Joshu answered: Mu
    Mumon’s comment: To realize Zen one has to pass through the barrier of the patriarchs. Enlightenment always comes after the road of thinking is blocked. If you do not pass the barrier of the patriarchs or if your thinking road is not blocked, whatever you think, whatever you do, is like a tangling ghost. You may ask: What is a barrier of a patriarch? This one word, Mu, is it.
    This is the barrier of Zen. If you pass through it you will see Joshu face to face. Then you can work band in band with the whole line of patriarchs. Is this not a pleasant thing to do?
    If you want to pass this barrier, you must work through every bone in your body, through every pore of your skin, filled with this question: What is Mu? and carry it day and night. Do not believe it is the common negative symbol meaning nothing. It is not nothingness, the opposite of existence. If you really want to pass this barrier, you should feel like drinking a bot iron ball that you can neither swallow nor spit out.
    Then your previous lesser knowledge disappears. As a fruit ripening in season, your subjectivity and objectivity naturally become one. It is like a dumb man who has had a dream. He knows about it but he cannot teil it. When he enters this condition his ego-shell is crushed and he can shake the heaven and move the earth. He is like a great warrior with a sharp sword. If a Buddha stands in his way, he will cut him down; if a patriarch offers him any obstacle, he will kill him; and he will be free in his way of birth and death. He can enter any world as if it were his own playground. I will tell you how to do this with this Kōan:
    Just concentrate your whole energy into this Mu, and do not allow any discontinuation. When you enter this Mu and there is no discontinuation, your attainment will be as a candle burning and illuminating the whole universe.
    Has a dog Buddha-nature?
    This is the most serious question of all.
    If you say yes or no,
    You lose your own Buddha-nature.

  • Das Kōan Mu aus: Aitken, Robert; Zen als Lebenspraxis; dt. Übs.: Ch. Quatmann, Kreuzlingen 1988 (Diedrichs gelbe Reihe 78), S. 135f.

    Ein Mönch fragte Chao-chou: Hat ein Hund wirklich Buddha-Wesen oder nicht? Chao-chou sagte: Mu.

    WU-MENS KOMMENTAR
    Die Praxis des Zen verlangt gebieterisch, daß wir die von den alten Meistern errichteten Schranken überwinden. Um zur erhabenen Erleuchtung zu gelangen, müssen wir die Straße des Denkens abrupt verlassen. Falls wir jedoch die von den alten Meistern errichteten Schranken nicht überwinden und die Straße des Denkens nicht abrupt verlassen, so gleichen wir Geistern, die sich an Büsche und Grashalme klammern.
    Was aber ist die von den alten Meistern errichtete Schranke? Diese einzige Schranke unseres Glaubens ist eben dies eine Wort Mu. Wir nennen sie auch „die torlose Schranke des Zen.“ Sobald es uns jedoch gelingt, diese Schranke zu passieren, treten wir nicht nur in ein vertrautes Gespräch mit Chao-chou ein, sondern wir wandeln gleichsam Hand in Hand mit den alten Meistern aller Generationen unserer Tradition einher, und die Härchen unserer Augenbrauen sind mit den ihren verwoben; wir sehen mit den gleichen Augen wie sie und hören mit den gleichen Ohren. Ist das nicht herrlich? Gibt es wohl irgend jemanden, der diese Schranke nicht passieren möchte?
    Wir sollten deshalb unseren ganzen Körper in eine einzige Masse des Zweifels verwandeln und uns mit unseren sämtlichen 360 Knochen und Gelenken und unseren 84000 Haarfollikeln auf dieses eine Wort Mu konzentrieren. Tag und Nacht sollten wir dieses Rätsel zu ergründen suchen. Dabei dürfen wir jedoch nicht in den irrtümlichen Glauben verfallen, es handle sich dabei um nichts. Auch Attribute wie hat oder hat nicht sind bedeutungslos. Das Ganze gleicht etwa dem Verschlingen einer glühend-heißen Eisenkugel. Wir bemühen uns verzweifelt, sie herauszuwürgen, jedoch ohne Erfolg. So reinigen wir uns allmählich und befreien uns von mißverstandenem Wissen und falschen Einstellungen, die wir aus der Vergangenheit mitgebracht haben. Innen und außen werden wir eins. Und wir gleichen einem stummen Menschen, der einen Traum hat. Wir kennen diesen Traum nur für uns ganz allein.
    Plötzlich bricht Mu auf. Der Himmel ist starr vor Erstaunen; die Erde bebt. Es ist, als würden wir dem General Kuan sein großes Schwert entreißen. Wenn wir einem Buddha begegnen, so töten wir den Buddha. Wenn wir Bodhidharma begegnen, so töten wir Bodhidharma. Auf dem unendlich schmalen Grat zwischen Geburt und Tod entdecken wir die Vollkommene Freiheit. In den sechs Welten und den vier Arten der Geburt erfreuen wir uns eines Samādhi der Fröhlichkeit und des Spiels.
    Wie aber sollten wir mit diesem Kōan arbeiten? Indem wir all unsere Lebensenergie auf dieses eine Wort Mu verwenden. In dem Augenblick, da wir nicht mehr zaudern, ist es schon geschehen. Ein einziger Funke genügt, um unsere Dharma-Kerze zu entzünden.
    WU-MENS VERS

    Hund! Buddha-Wesen!
    Der vollkommene Ausdruck des Ganzen.
    Nur ein wenig „hat“ oder „hat nicht“ genügt,
    und der Körper ist verloren; das Leben ist verloren.

  • Übersetzung Dumoulins aus: Dumoulin, Heinrich; Mu-mon-kan; Mainz 1975.

    Ein Mönch fragt den Chao-chou: Hat auch ein Hund die Buddha-Natur?
    Chao-chou antwortete: Mu

    Wu-men erklärt:
    Beim praktischen Üben des Zen muß man die von den Altmeistern errichtete Schranke durchschreiten. Um die wunderbare Erleuchtung zu erlangen, ist es nötig, die Regungen des Bewußtseins völlig abzuschneiden. Wer die Schranke der Altmeister nicht durchschritten und die Regungen des Bewußtseins nicht abgeschnitten hat, gleicht Geistern, die an (Gräser und Bäume gebunden sind. Doch sprich: Was bedeutet diese Schranke der Altmeister? Nur dieses eine Schriftzeichen: Mu, die eine Schranke des Tores der Schule. Deshalb heißt es die Schranke ohne Tor der Zen-Schule.
    Wer hindurchzuschreiten vermochte, kann nicht bloß mit Chao-chou freundschaftlich verkehren, er wandelt auch Hand in Hand zusammen mit den Altmeistern der Generationslinie von Geschlecht zu Geschlecht; Augenbrauen und Haar einander berührend, schaut er mit gleichen Augen, hört mit gleichen Ohren. Ist dies nicht beglückend? Möchtest du nicht diese Schranke durchschreiten? Dann erwecke mit den 360 Knochen und Gelenken und mit den 84 000 Poren aus Leibeskräften diesen Zweifel und versenke dich in das eine Wort Mu! Trage es mit dir bei Tag und Nacht! Verstehe es nicht als leeres Nichts oder als Nichts in bezug auf Sein! Es ist, wie wenn jemand einen glühenden Eisenball verschluckt hat, er möchte ihn ausspeien, kann ihn aber nicht ausspeien. Wirf alles bisherige böse Wissen und alles unnütz Erlernte weg! So kommt es nach geraumer Weile, wenn der Zeitpunkt reif ist, von selbst äußerlich und innerlich zu einem Zustand der Einheit. Es ist wie beim Traum eines Stummen - er kann ihn nur für sich selbst wissen11. Wenn es plötzlich in Handeln ausbricht, kannst du den Himmel erschrecken und die Erde zittern machen. Es ist, als ob du dem Feldherrn Kuan das große Schwert entrissen und es ergriffen hättest [A.M.: Gemeint ist das „Drachenschwert“ des ch. Generals Kuan Yü]. Wenn dir so ein Buddha begegnet, du tötest den Buddha, wenn dir ein Patriarch begegnet, du tötest den Patriarchen. Auf der Felsscheide von Leben und Tod [d.i. Der Kreislauf der Wiedergeburten] besitzest du die große Freiheit; inmitten der sechs Wege und vier Geburten erfreust du dich vollkommener Sammlung.
    Doch wie soll man es (= das Mu des Kōan) bei sich tragen? Gib dich nur mit Anstrengung aller Kraft diesem Mu hin! Wenn du nicht ablassest, wird es sein, wie wenn eine Dharma-Leuchte [das 'Licht des Selbst'] angezündet wird.

    Der Gesang lautet:
    Hund – Buddha-Natur:
    Der gültige Befehl ist vollkommen aufgezeigt.
    Wer zwischen Sein und Nichtsein verbleibt,
    Verliert Leib und Leben

Samādhi: Zustand der tiefen Meditation. Es gibt mehrere Arten des Samadhi oder des Zustandes der Versenkung, von den Zuständen an, in denen man noch ein Gefühl der Unterscheidung besitzt (savikal-pasamādhi) bis zum vollkommenen Versinken in die unterschiedlose Einheit (nirvikal-pasamādhi). In der Interpretation des bzw. der Arten von samādhi unterscheiden sich buddhistische Schulen voneinander. Vgl. dazu Oliver Göbels Doktorarbeit.
Im Hintergrund des „Mu“, steht Nāgārjunas „Metaphysik der Leere“ (śūnya; jp: ku). [ ▲ ]

Dieser Kōan für diejenigen, die diese Seite mit einem Mac betrachten: hat der/die/das Dogcow Buddha- oder sonst irgendeine Natur? Sexy Bill

TopSeitenanfang


Kōan 19

Kōan Nr. 19

風来何處

Woher kommt der Wind?

(Der Wind: Du weißt nicht, von wannen er kommt.)13

Man sagt: Woher kommt der Wind? Hat der Wind sich gelegt, so weiß man nicht das Geringste von ihm. Erhebt er sich und wird zum Sturme, so hat er eine so furchtbare Kraft, daß er auch das größte Schiff zum Kentern bringen mag; hat er sich dann wieder gelegt, so scheint es, als sei überhaupt kein Wind in der Welt: nirgends ist er, und doch erfüllt er Himmel und Erde; das ist der Punkt, der schwer zu begreifen ist.

Und so der Mensch des Tee(Chajin, Teemeister) tritt er in den Teeraum, trinkt Tee und ist er dann wieder hinausgegangen und etwa wieder in seinem Berufe und man fragt: Wo ist nun Cha-dō (das Tee-Wesen) und was ist es nun mit dem Chajin? Vom Kopf bis zu den Füßen ist dieser Mensch von Tee erfüllt, und auch nicht das Geringste ist davon verschwunden, und daß es so ist, wird sich schon bemerkbar machen. Es ist wie mit dem Winde: du denkst, er sei nicht da, und er ist doch da, Himmel und Erde erfüllend.

Zu der Frage nach des Windes Woher gibt man seit alters diese Geschichte: Einst fragte Kusunoki Masashige einen Zen-Mönch: Was ist denn überhaupt diese Meditationslehre für eine Sache? Der Mönch fragte: Wie ist Ew. Edlen Namen? Worauf die Antwort: Ich bin Kusunoki Masashige. Da rief der Mönch: Kusunoki Masashige! Masashige antwortete: Ja! Da fragte der Mönch: Ihr habt geantwortet, aber von welchem Orte (Eurer selbst) habt Ihr geantwortet? Das machte, wird erzählt, dem Herzog Kusunoki mit einem Male nicht wenig zu schaffen, und solchen Ursachenzusammenhangs (in-nen) halber erlangte er außerordentliches Erwachen. Ein zweites, Sekundäres mag hier beigefügt sein: Alles Buddhistische (佛法, Buppō) wird bezeichnet als Lehre (法門, Hōmon), da etwas gegenüber ist; in jedem Falle steht mir etwas gegenüber. Das wahre Wesen (本身本体, Honshin-hontai) ist eigentlich leer; doch so ihm jemand ruft: Holla! Höre!, so kommt aus dem aller Ichheit Enthobenen (Mitte-losen, Ohne-Herzen 無心, Mushin) wunderbarerweise Antwort in gleicher (grober) Art: Was gibt's? Wenn aber einer höflich bescheiden anruft: Verzeihung! Ist die Frage gestattet? so antwortet das Gefragte gleicherweise bescheiden und sanft. So konkretisiert sich die wundergleiche Wahrheit (眞理, Shinri) [der wahre Logos.]

Zum griechischen Logos

Logos (griech. Λόγος, „Wort“, „Sprache“) bezieht sich auf alle durch die Sprache dargestellten Äußerungen der „Vernunft“. Logos hat ein weites Bedeutungsspektrum, das von Wort, „Satz“ und „Rede“ über „Definition“ und „Argument“ bis zu „Rechnung“ oder „Lehrsatz“ reicht. Die Wissenschaft der Logik und sämtliche Wissenschaften mit Endung “-logie“ leiten sich davon ab.
In der klassischen Rhetorik nach Aristoteles bezeichnet Logos eine der drei Arten der Überzeugung, nämlich die durch Folgerichtigkeit und Beweisführung. Die anderen beiden sind Ethos (Autorität und Glaubwürdigkeit des Sprechers) und Pathos (rednerische Gewalt und emotionaler Appell).
Entwicklung
Der logos bedeutet in der griechischen Grammatik erst einmal „(geschriebene) Rede“ im Sinne ihres materiellen Gehaltes von Buchstaben, Wörtern, Syntagmen und Sätzen, in der griechischen Rhetorik dann „(gesprochene) Rede“ im Sinne ihres Inhaltes. (vgl. Hoffmeister).
In der griechischen Philosophie findet sich der Terminus bei Heraklit als eine die Welt durchwirkende (oder über den Göttern angesiedelte) Gesetzmäßigkeit. Platon abstrahiert den Ausdruck logos dann so weit, dass er mit der Bedeutung „Darstellung“ oder „Erklärung“ als philosophisches Vokabular nutzbar wird, jedoch ohne an zentraler Position eine Rolle zu spielen. Bei Aristoteles wird er sodann zur „Definition“.
Die Stoa sieht dann im Λόγος das Vernunftprinzip des Weltalls. Der logos ist der ruhende Ursprung, aus dem alle Tätigkeit hervorgeht. Er konstituiert somit sowohl die „Kausalität“ als Ursache-Wirkung-Prinzip, als auch eine hiervon angeleitete, dem alttestamentlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang nicht unähnliches sittliches Prinzip.
In der Neuzeit ist logos noch im Sinne von „Vernunft“ im weiteren Gebrauch. Der abgeleitete Terminus Logik jedoch bildet sowohl eine Sparte innerhalb der Philosophie und der Mathematik, wie er auch weiterhin die „Gesetzhaftigkeit“ dargebotener Gedanken und das Vermögen wie auch die Art und Weise, diese zu denken, meinen kann.
Literatur:

Siehe dazu auch den Ansatz westlicher Logik bei Wittgenstein und beim Buddhismus:
– Wittgenstein, Ludwig; Russell, Bertrand (introd.); Tractatus logico-philosophicus; London 1922 (Kegan Paul, Trench, Trubner) 189 S.; Sert.: International library of psychology, philosophy and scientific method; Text dt. und engl.
– Gudmunsen, Chris; Wittgenstein and Buddhism; London [u.a.] 1977 (Macmillan), VII,128 S. [S. 121-4 Bibliogr. zu L. Wittgenstein]
– Kalansuriya, A. D.; A philosophical analysis of Buddhist notions – the Buddha and Wittgenstein; Delhi 1987 (Sri Satguru Publ.), 255 S., Sert.: Bibliotheca Indo-Buddhica, 34; ISBN 81-7030-111-5 [analysiert nicht Wittgenstein als Buddhisten, sondern den Buddhismus unter Zuhilfenahme Wittgensteinscher Methodik]

Wer selbst mit dem Innersten Guten dem Gegenüber begegnet, dem wird von drüben her mit im Innersten Guten begegnet; wiederum, wer mit im Innersten Bösem begegnet, dem antwortet Böses. Wird die Trommel stark geschlagen, so tönt sie stark.

Uteba naru tatakeba
hibiku kane no hachi.
Wie man schlägt, so klingt es,
wie man haut, so schallt es,14
Das metallne Becken.

Wahrlich, das wahre Wesen (die Wahrheit) ist unparteiisch (stracks, gerecht, gerade, redlich). Denkt einer, er habe etwas in aller Verborgenheit getan, niemand wisse darum – so ist dem doch nicht so: das wahre Wesen des Alls richtet auch dies und bringt es in Ordnung: auf wunderbarste Weise erhält jener bösen Lohn. Dieses wahre Wesen oder der Wind, die Welt erfüllend, auf die verschiedenste Weise je nach verschiedensten Berührungen sich kundtuend, ist es, wovon unser Wort spricht.

Anmerkung:

13) Anspielung auf die Stelle im „Sutra des 6. Patriarchen“ in dem zwei Mönche über die Herkunft des Windes diskutieren (zur Bedeutung siehe Chan Wing-tsit; The Platform Scripture; New York 1963, S. 9-).
Volltext: Im Mumonkan das 29. Beispiel
[ ▲ ]

Zum Beispiel
„Wo wird der Patriarch erblickt?“ Diese Frage Wu-men’s nach dem wahren Geist des Patriarchen bietet den Schlüssel zum Verständnis des Kōans. Die zwei Mönche, die über die Bewegung der vor ihren Augen im Winde flatternden Tempelfahne diskutieren, bleiben auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung und sind meilenweit vom Erleuchtungswissen entfernt. Des Patriarchen Wort: „Der Geist bewegt sich“ schreckt sie auf, so daß sie sich nach innen, dem eigenen Selbst, zukehren. Doch darf die Aussage des Patriarchen nicht nach ihrem Wortsinn an der Oberfläche vom Standpunkt des die Außenwelt leugnenden philosophischen Idealismus verstanden werden. Wu-men offenbart den wahren Geist des Patriarchen. Sein Wort der totalen Verneinung weist auf die transzendente Wirklichkeit hin, die über Bejahung und Verneinung hinausliegt. Von diesem Standpunkt her kann man ebensowohl sagen, Wind, Fahne und Geist bewegen sich, wie auch sagen, sie bewegen sich nicht. Alle unterscheidenden Worte sind für falsch befunden.
Das Beispiel
Einst wehte die Tempelfahne im Wind. Zwei Mönche stritten miteinander. Der eine sprach: „Die Fahne bewegt sich.“ Der andere sprach: „Der Wind bewegt sich.“ So ging es hin und her, ohne daß sie zur Übereinstimmung kamen. Der Patriarch sprach: „Es ist nicht der Wind, der sich bewegt, es ist nicht die Fahne, die sich bewegt, euer Geist bewegt sich.“ Die beiden Mönche erschauderten.
Wu-men erklärt:
Es ist nicht der Wind, der sich bewegt, es ist nicht die Fahne, die sich bewegt, es ist nicht der Geist, der sich bewegt. Wo wird der Patriarch erblickt? Wenn einer dies fest erfaßt, so weiß er, daß die beiden Mönche Eisen kaufen wollten und Gold erhielten. Der Patriarch vermochte sein Mitleid nicht zurückzuhalten und hat sich lächerlich gemacht.
Der Gesang lautet:
Es bewegt sich Wind, Fahne, Geist.
Im gleichen Urteil sind sie für schuldig erklärt.
Er weiß nur, daß er den Mund öffnet, Aber merkt nicht, wie er beim Sprechen fällt.

14) Oder, wie der Bayer sagt: Wia ma in Woid 'neischreit … [ ▲ ]

TopSeitenanfang


Kōan 20

Kōan Nr. 20

竹有上下節

DER BAMBUS HAT KNOTEN UND DAMIT OBEN UND UNTEN

Meister und Schülerin
Meister und Schülerin

Der Bambus ist innerlich hohl (und damit Eines) und hat Knoten, und damit Oben und Unten: Diese Welt ist durchweg Eines in (völliger) Gleichheit; wird darinnen aber nicht Oben und Unten geschieden, so kann keine Gemeinschaft sein und bestehen, selbst nicht die im wildesten Barbarenlande. Im Heere braucht es Generale und Divisionskommandeure, in der Gesellschaft oberste und stellvertretende Leiter; sie nehmen die obersten Stufen ein, und von da geht es abwärts Stufe um Stufe geordnet, und erst dann kann alles funktionieren und kann etwas erreicht werden. Auch Danjuro, der große Schauspieler, kann nicht alles allein machen, sondern unter ihm (und immer weiter hinab) müssen Leute sein, die mitspielen. Freilich wenn es nur lauter Untere, lauter „gewöhnliche Leute“ wären, so würde die Sache vollends nicht zuwege zu bringen sein. Oben wie Unten sind unentbehrlich. In fremden Ländern redet man zwar von Gleichberechtigung von Mann und Frau oder von Demokratie, wo alles gleich und gleich sei – aber hat man nicht auch dort einen Präsidenten und in jedem Verein einen Vorsitzenden?

Auch für den Menschen des Tee gilt das Gesagte: vornehm und gering, arm und reich, alt und jung, Mann und Weib, alle mögen den Weg des Tees erlernen und hiezu zusammenkommen; allein, es gibt solche, die durch Jahre hindurch gewonnen haben; es gibt solche, die einer ältern Generation zugehören; wenn man sie als Hauptgäste empfängt und unter ihnen (Stufe um Stufe hinab) alle andern willkommen heißt, so geht alles und jedes aufs vortrefflichste; und es können nun Gäste und Gastgeber miteinander ohne Sondermeinung (kokoro-oki naku) des Tees sich erfreuen; es ist dann, wie dies Wort (Kōan) sagen will: das Herz wahr – gerade wie der Bambus; das Wesen (der Geschmack) darin ohne Besonderung (kū, „leer“); Oben und Unten in seiner Unterscheidung richtig funktionierend.

Anmerkung:

Der Verfasser scheint hier die japanische Gesellschaftsordnung (der damaligen Zeit) unterstützen zu wollen. Dies steht im Gegensatz zu den Prinzipien Bodhidharma’s und Hui-nëng’s, deren Art von Zen gerade die Gleichheit aller Menschen (die sämtlich Buddha-Natur besitzen – auch wenn die wenigsten sich darum bemühen diese zu erkennen) betont. Vgl. auch das (legendäre) Gespräch Boddhidarmas beim Treffen mit Kaiser Wu-Di in: BYL 1. Kōan

TopSeitenanfang